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Schnitt auf der Sünderstaffel

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Das Bündnis SÖS (Stuttgart Ökologisch Sozial) löst Probleme ganz basisdemokratisch. Unliebsame Ratskandidaten werden einfach weggeschnitten. Und plötzlich sind die schönsten Italienerinnen fort. Das ist schade.

Staatsgläubig, wie wir bei Kontext sind, rufen wir natürlich zum Wählen auf. Stets unterwegs für die repräsentative Demokratie. Selbstverständlich ist jeder und jedem überlassen, bei welcher Partei er sein Kreuz macht. Aber im vorliegenden Fall wollen wir für eine besondere Gruppierung werben: für die SÖS. Die Truppe von Hannes Rockenbauch und Gangolf Stocker.

Das ist ein Bündnis, das ganz anders ist als andere Parteien. Voll basisdemokratisch. Und deshalb hat es seine Bewerber für die Stuttgarter Gemeinderatswahl in einem "offenen Prozess von Vorwahlen" gekürt. So war zumindest der Plan. Bis die Italiener kamen. Schwups, waren sie am 16. März im Bürgerhaus Möhringen, 150 an der Zahl, um eifrig darüber mitzustimmen, wer auf die SÖS-Liste kommt. Die andere Hälfte war ziemlich überrascht, als sie feststellte, dass plötzlich acht Freunde aus dem Süden auf den vorderen Plätzen standen.

Damit war, bei aller Liebe zur Bürgerbeteiligung, nicht zu rechnen, von der politischen Vermittelbarkeit ganz abgesehen. Man hätte schon gerne gewusst, was sie eigentlich wollen? Außer in den Gemeinderat. Sie hätten ja mal was sagen können, zu Stuttgart 21, zum Feinstaub oder bezahlbarem Wohnraum. War aber nicht.

Von ihrem Frontmann Pasquale Vittorio ist nur bekannt, dass er in der Stuttgarter Breitscheidstraße einen Pizza-Service ("Pizza-Laurita") betreibt, der von der "Stuttgarter Zeitung" die Bestnote "sehr gut" erhalten hat. Und dass er der Koordinator Deutschland für die Partei "Italia dei Valori" ist. Gegen ein Italien der Werte kann nun niemand etwas haben, vor allem, wenn der Chef Antonio di Pietro heißt, der legendäre Anti-Mafia-Staatsanwalt. Für ihn, sagte Pasquale Vittorio in einem Interview 2011, sei diese Partei die "einzige Möglichkeit", das Recht im Bunga-Bunga-Land zu garantieren. Und deshalb wolle er hier eine Parteizentrale aufbauen.

Das ist so ehrenwert wie die eigene Einschätzung, "Italia dei Valori" sei eine liberale Partei, was den Schritt von Bernd Klingler und Maria-Lina Kotelmann konsequent erscheinen lässt. Beide, der eine FDP-Stadtrat, die andere SÖS-Stadträtin, waren beim ersten Parteitag 2010 in Deutschland dabei, um eine "deutsch-italienische Wertediskussion" zu bereichern, wie auf der Homepage der Organisation nachzulesen ist. Möglicherweise hat Frau Kotelmann darüber nicht genug in das sozialökologische Bündnis hinein kommuniziert, auf dass es eine Ahnung davon bekommen konnte, wie gut es die Neuen meinen. Was passte besser zur SÖS als eine aktiv betriebene Integration auf der Basis von Ethik und Moral?

Was passiert stattdessen? Intensive Gespräche, peinliche Blicke, dumm gelaufen und die Frage, was tun mit den vielen Italienern? Selbige wiederum zeigen sich überrascht, dass so viele oben stehen, und rücken nach unten. Jetzt gibt es nur noch die schönsten Frauen italienischer Abstammung unter den ersten zehn: Maria-Lina Kotelmann, Rita Vittorio und Antonietta Estrano. Die migrantischen Freunde drucken eigene Plakate, die SÖS ihren letzten Flyer ("Bürgerinteressen ins Rathaus – Kein Stuttgart 21") – ohne die Italiener. Einfach abgeschnitten an der Schulter von Guntrun Müller-Ensslin, sind sie die "Sünderstaffel" hinuntergefallen.

Richtig scharf zu kritisieren ist, dass unter den Weggeschnittenen auch die Kontext-Bürocheforganisatorin Sibylle Wais ist. Sie kandidiert auf Platz 18.


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12 Kommentare verfügbar

  • Gelbkopf
    am 27.05.2014
    Antworten
    He Leute - geht's noch???? Bin mit fast einer Woche Verspätung auf Artikel + Kommentare gestoßen und bin entsetzt - über beide!!!!
    Morgen, wenn die nächste Nummer (meine letzte?) vorliegt, werde ich entscheiden, ob ich weiter lese und weiter spende - muss ich mir das antun????
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