KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Unser Vorstand erinnert sich

Gefühlt wie Dagobert Duck

Unser Vorstand erinnert sich: Gefühlt wie Dagobert Duck
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Auf wackligen Stühlen und Bierbänken – so ist der "Verein für ganzheitlichen Journalismus", der Trägerverein der Kontext:Wochenzeitung, am 6. April 2011 gestartet. Vorstandsmitglied Jürgen Klose spricht mit seinen Kollegen Johannes Rauschenberger und Uli Reinhardt über aufregende Zeiten.

Man sagt ja: Jedem Anfang wohne ein Zauber inne. Wie war das denn bei Kontext?

Rauschenberger: Stuttgart 21 wurde damals von den Lokalmedien absolut positiv begleitet. Ohne die "Stuttgarter Zeitung" hätte es nach deren eigenem Eingeständnis das Projekt so gar nicht gegeben. Es war überdeutlich: Wir brauchten in Stuttgart eine Zeitung für unterdrückte Nachrichten.

Reinhardt: Eine unabhängige kritische Zeitung herauszugeben, eine eigene Zeitung – für jeden Journalisten ist das eine prickelnde Vorstellung. Man muss weder den Chefredakteur fragen noch den Ressortleiter und auf die Anzeigenkunden muss man auch keine Rücksicht nehmen.

Rauschenberger: Als "Verleger" oder Herausgeber sollte ein Verein fungieren, das war die einfachste und schnellste Lösung. Man braucht nur sieben Menschen und die Eintragung ins Vereinsregister. Die Gründung einer Stiftung wäre aufwendiger gewesen.

Reinhardt: Rainer Nübel, mein Kollege bei der Agentur "Zeitenspiegel", lockte mich: "Du, wir brauchen jemanden für den Vorstand, der auch Journalist ist, der den Vereinsvorsitz übernehmen kann. Du musst praktisch nix machen – außer deinen guten Namen hergeben!" (was sich sehr bald als leeres Versprechen herausstellte!). So wurde ich zum ersten Vorsitzenden gewählt.

Wann habt ihr den Verein gegründet und wer waren die Gründungsmitglieder?

Rauschenberger: Gestartet sind wir im Ausweichquartier des Staatstheaters Stuttgart, der früheren Mercedes-Benz-Niederlassung in der Türlenstraße. Auf wackligen Stühlen oder Bierbänken haben wir dort am 6. April 2011 "KONTEXT Verein für ganzheitlichen Journalismus e.V." gegründet. Gründungsmitglieder waren Susanne Stiefel, Josef-Otto Freudenreich, Uli Reinhardt, Rainer Nübel, Meinrad Heck, der Anwalt Dieter Schwörer, taz-Geschäftsführer Kalle Ruch und ich als Steuerberater. Anwalt Markus Köhler, der auch heute noch dem Verein als Rechtsbeistand sehr verbunden ist, stellte einen Satzungsentwurf vor.

Kontext ist heute Mitglied im bundesweiten "Forum gemeinnütziger Journalismus". Ziel ist, gemeinwohlorientierten Journalismus in der Abgabenordnung zur Gemeinnützigkeit zu verankern. Wie lief das damals mit der Gemeinnützigkeit?

Rauschenberger: Nur mit dem Siegel der Gemeinnützigkeit konnten wir Spendenbescheinigungen ausstellen. Journalismus per se ist bis heute nicht als gemeinnützig anerkannt. Der eingetragene Verein sollte also Bildungszwecken dienen und zusätzlich zur Verwirklichung dieser Zwecke eine Zeitung herausgeben. Dafür bekamen wir die Gemeinnützigkeit verliehen. Kontext verfolgte nie wirtschaftliche Zwecke, war vom ersten Tag an werbefrei, Anzeigen gab es bisher keine – mit einer Ausnahme: die Todesanzeige für Peter Conradi im März 2016.

Was bedeutet eigentlich der Begriff "ganzheitlicher Journalismus" im Vereinsnamen?

Rauschenberger: Das habe ich bis heute noch nicht wirklich kapiert. Rainer Nübel hat den Begriff "erfunden". Ganzheitlicher Journalismus hieß für ihn, dass der Journalismus sich öffnen müsse für die Bevölkerung, raus aus den Redaktionsstuben.

Ein Häuflein von sieben Aufrechten reicht nicht, ein Zeitungsprojekt kostet viel Geld. Woher kam das Geld?

Rauschenberger: Wir haben anfangs von der Hand in den Mund gelebt. Unser Glück war, dass Andreas Schairer Feuer und Flamme war für unser Projekt. Er sagte zu, 200.000 Euro aus seinem Erbe von seinem Großvater Erich Schairer (Mitherausgeber der "Stuttgarter Zeitung") beizusteuern. Das mit der Zeitungslizenz der Amerikaner nach 1946 verdiente Geld sollte wenigstens zu einem kleinen Teil in den Zeitungskreislauf zurückfließen. Leider zog sich Andreas Schairer Ende des Jahres 2011 wegen Unstimmigkeiten zurück. Wir standen plötzlich vor der Frage, wie weiter? Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt.

Die taz hat uns hier sehr geholfen. Für das Beilegen von Kontext in der Wochenendausgabe hat sie netto 7.500 Euro pro Monat (heute 8.000 Euro) bezahlt. Redaktionell blieben wir völlig unabhängig. Das ist bis heute so.

Wirklich gerettet haben uns die LeserInnen. Auf unseren Notruf hin haben sich bis Mitte April 2012, innerhalb weniger Wochen, mehr als 1.000 Menschen bereit erklärt, monatlich 10 oder 20 Euro für etwas zu zahlen, wofür sie gar nichts zahlen müssten, nämlich Kontext im Netz lesen zu können. Das Wunder war geschehen. Wir waren gerettet! Diese mehr oder weniger kleinen monatlichen Beiträge ("Soli") sind auch heute noch unser wichtigstes zweites Standbein.

Der Verein ist auch für das Personal zuständig. Kontext läuft nur mit Selbstausbeutung. Hat euch das nicht manchmal umgetrieben?

Rauschenberger: Das tut mir heute noch weh, ich mache schließlich auch die Lohnabrechnung und die Finanzbuchhaltung für den Verein. Wenn ich mir die Honorare für die freien Autoren und die Gehälter der Redaktion ansehe, stimmt mich das traurig. Aber immerhin bezahlen wir inzwischen etwa auf taz-Niveau.

Reinhardt: Mich quält enorm, dass die Redaktion gezwungen ist, sich selber auszubeuten. Für mich ist dies die größte Gefahr für das Weiterbestehen von Kontext. Deshalb muss es in Zukunft darum gehen, noch wesentlich mehr SolidaritätsgeberInnen zu gewinnen, um das Personal besser bezahlen und aufstocken zu können. Damit könnte man dann auch in die Fläche gehen. Eine Regionalisierung von Kontext ist für mich unverzichtbar.

Rauschenberger: Dafür bräuchten wir aber mehr Geld. Unser Etat gibt derzeit leider nicht mehr her. 1.700 Soli-GeberInnen und knapp 400 Vereinsmitglieder plus einiger Einzelspenden reichen dafür nicht. Es gibt aber viele Menschen, die wollen, dass Kontext weiterbesteht: Als 2019 die Klage im Hauptsacheverfahren von Marcel Grauf, Mitarbeiter von zwei (bisherigen) AfD-Landtagsabgeordneten, bei Kontext einging, wurden über einen Spendenaufruf innerhalb kurzer Zeit über 100.000 Euro eingesammelt, um die erheblichen Prozessrisiken abzusichern. Wir haben uns irrsinnig gefreut, dass so viele Menschen honorieren, dass wir "Aufrecht gegen Rechts" streiten! Das Geld liegt zweckgebunden bis zum Prozessende auf der Bank.

Die Texte sind im Netz frei zugänglich. Seit einiger Zeit erfolgt jedoch bei jedem Artikel der Hinweis, dass guter Journalismus Geld kostet, und die Bitte um eine Spende. Hatte diese weiche Bezahlerinnerung Wirkung?

Rauschenberger: Die Aktion "taz zahl' ich", also freiwilliges Bezahlen für online gelesene Artikel der taz, hat dort zu deutlichen Mehreinnahmen geführt. Bei Kontext sehe ich das noch nicht. Wäre aber schön!

Was war denn euer schönstes Erlebnis in den zehn Jahren, und worauf hättet ihr gerne verzichtet?

Reinhardt: Das war eindeutig dieser März/April 2012, wo sich innerhalb von wenigen Wochen so viele Leute gefunden haben, Kontext zu retten. Und dann die Bereitschaft so vieler, uns im Prozess mit der AfD zu unterstützen. Großartig! Verzichtet hätte ich gerne auf die schwierigen Anfangsjahre mit so manchen Querelen. Seit ein paar Jahren läuft es aber richtig gut. Wir kümmern uns ums Wirtschaftliche, die Redaktion ums Journalistische. Das ist eine Arbeitsteilung, die funktioniert, auch wenn nicht immer alle der gleichen Meinung sind. Das kann ich aushalten.

Rauschenberger: Für mich war auch die Reaktion auf unseren Notruf das Highlight. Dann gab es mal eine originelle Spende von Thomas Barth, der am 31. März 2012 mit 10.000 Euro Hartgeld in Leinensäcken in der Redaktion erschien. Ich habe mir den Josef-Otto Freudenreich geschnappt und wir sind zu zweit mit diesen Säcken zur Filiale der Bundesbank in Stuttgart in der Theodor-Heuss-Straße gefahren, haben das Geld abgeliefert und zählen lassen. Wir haben uns gefühlt wie Dagobert Duck!

Auch die Auftritte von Kontext bei allen möglichen Veranstaltungen haben Spaß gemacht. Ein super Highlight war das Fest im Theaterhaus anlässlich des fünfjährigen Jubiläums mit Max Uthoff – Honorar null, Unterhaltungsfaktor zehn! Da fällt mir noch eine schöne Anekdote ein: Beim Fest im Theaterhaus zum zweiten Jahrestag der Gründung witzelte ein Festredner, es zeuge von wenig Selbstbewusstsein, zwei Jahre zu feiern – so nach dem Motto, das nehmen wir noch mit, bevor es zu Ende geht. Er irrte sich bekanntlich!

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Reinhardt: Wenn es uns gelänge, in den nächsten zwei Jahren Kontext auf finanziell stabilere Beine zu stellen, nicht mal so sehr, um die Gehälter anzuheben, sondern um die Zahl der MitarbeiterInnen in der Redaktion zu erhöhen, das wäre mir eine Riesenfreude. Weil ich befürchte, wenn dieser Zustand der Selbstausbeutung in der Redaktion noch länger so anhält, dann könnte dieser Diamant in der Zeitungslandschaft, wie mal jemand schrieb, stehend k.o. gehen.

Rauschenberger: Ich teile die Sorgen von Uli im Hinblick auf die Belastung der Redaktionsmitglieder. Wir müssen die Leserschaft und den Unterstützerkreis von Kontext auf eine breitere Basis stellen. Dazu gehören mehr Jüngere, mehr MigrantInnen. Und Vorstand wie auch Teile der Redaktion sind in den vergangenen zehn Jahren miteinander älter geworden. Also müssen wir auch hier Jüngere dazugewinnen.

Existenziell wichtig ist, dass die Kooperation mit der taz aufrechterhalten wird. Kontext muss auch weiterhin in der gedruckten "taz am Wochenende" erscheinen, wenn die taz ihre täglichen Ausgaben künftig auf digital umstellt. Die Vorstellung, wir müssten die aktuell 8.000 Euro Lizenzgebühren durch 800 SoligeberInnen ersetzen, lässt mich nicht gut schlafen!

Ich bin überzeugt, dass Kontext auch in Zukunft benötigt wird. Unsere Wochenzeitung hat ihren angestammten Platz in der Presselandschaft – als Modell für einen anderen Journalismus und nicht zuletzt auch als kritische Stimme zu S 21, Stuttgart und Baden-Württemberg.

Ich spreche, glaube ich, für alle, wenn ich zum Schluss feststelle: Die Arbeit im Vorstand macht uns viel Freude. Wir machen das aus Überzeugung ehrenamtlich. Und wir wünschen Kontext und uns viele weitere spannende Jahre mit vielen engagierten LeserInnen und MitstreiterInnen!


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