Ausgabe 156
Medien

Runter vom Balkon

Von Bruno Bienzle
Datum: 26.03.2014
Auch in dieser Woche gibt es wieder dünnere Zeitungen. Baden-württembergische Journalisten streiken, um ihre Verleger zu einem Abschluss zu zwingen. Kontext-Autor Bruno Bienzle erklärt, warum das so schwierig ist. Unter anderem, weil die Pressebengels zu lange auf dem Balkon gesessen haben.

Ja, wir Journalisten sind Besserwisser. Zuweilen auch Maulhelden. Kein Thema, zu dem uns nichts einfiele: Globalisierung, demografischer Wandel samt seinen Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft, die Krise einzelner Branchen, des VfB nicht zu vergessen. Journalisten sind stets zur Stelle mit Patentrezepten, darin geübt, anderen den Spiegel vorzuhalten. Nur in eigener Sache tun wir uns schwer, wie der seit Monaten sich hinziehende Tarifkonflikt der Printmedien zeigt.

Vordergründig geht es seit Sommer 2013 um Geld und soziale Besitzstände. Tatsächlich aber steht nicht weniger als das Berufsbild der Journalisten auf dem Spiel. Damit auch die Qualität ihrer Arbeit, also ihrer Produkte. Und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Sehen sich die Verleger doch durch rückläufige Werbeeinnahmen und bröckelnde Auflagen dazu legitimiert, mit einem "Tarifwerk Zukunft" ebenjene Zukunft für ihre angestellten und freien Mitarbeiter in den Redaktionen zu verbauen und das gemeinsam zu verantwortende Produkt in seiner Substanz zu gefährden.

Die Zukunft der Verleger ist ein Kahlschlag für die Journalisten

Zähneknirschend registrieren wir Journalisten, dass die Verleger (die ansonsten nur ausnahmsweise mit einer Zunge sprechen) unsere beiden Verbände DJV und dju/Verdi mit diesem Begriff sauber in die Defensive befördert haben. Der Kahlschlag quer durch beide Tarifwerke (Mantel und Gehalt) würde weiteren Einschnitten Tür und Tor öffnen, gestandenen Redakteuren bis zur Rente ein deutlich sechsstelliges Minus zumuten und zudem qualifizierten Nachwuchs abschrecken. Die Zahl der Billiglöhner im Status von Pauschalisten in tariflosen Tochterfirmen würde weiter zunehmen – ein jederzeit verfügbares Druckmittel gegenüber den Stammbelegschaften. "Tarifwerk Zumutung" keilten unsere Verbandsvertreter zurück.

Die Liste der Grausamkeiten ist lang. So wollen die Verleger freie Hand für regionale Abweichungen vom Flächentarif, natürlich nach unten, für Kürzungen von Weihnachts- und Urlaubsgeld bei Beschäftigten mit krankheitsbedingten Fehlzeiten, und sie wehren sich vehement gegen die überfällige Einbeziehung der Online-Journalisten in den Tarif. Darüber geriet die Forderung von DJV (6,0) und dju/Verdi (5,5 Prozent) für einen deutlich über der Inflationsrate liegenden Gehaltsaufschlag ins Hintertreffen. Mit der Parole "Wir sind die Guten" und der Begründung "Gutes Geld und gute Bedingungen für gute Arbeit" versuchen Journalisten und Fotografen, spät genug, gegenzuhalten.

Erst jetzt, in der achten Verhandlungsrunde und nach mehreren Streiktagen mit nennenswerter Beteiligung in Baden-Württemberg, signalisierten die Unterhändler der Verlage Bereitschaft, über die Forderungen der Journalisten überhaupt zu reden. Die wollen sich nicht länger hinhalten lassen. Vor der nächsten Verhandlungsrunde (26. März) drängen vor allem die Belegschaften im Südwesten auf eine härtere Gangart, also Streiks über mehrere Tage. Auch eine Urabstimmung oder Mitgliederbefragung wird von der Basis gefordert, was insbesondere der DJV-Verbandsspitze im Wissen um eine deutlich geringere Mobilisierung nördlich der Mainlinie Schweißperlen auf die Stirn treibt.

StZ und StN: Wie unabhängig sind die beiden Blätter noch?

Der Umbau ganzer Verlagshäuser wie etwa bei Springer in Hamburg und Berlin, die ungewisse Zukunft von Traditionstiteln wie der "Frankfurter Rundschau" oder der "Abendzeitung" in München, Gebietsabsprachen zwischen Verlagshäusern, Kooperationen ehemals konkurrierender Blätter wie jetzt in Stuttgart oder Köln über die Köpfe der Redaktionen hinweg sowie die stets präsente Keule betriebsbedingter Kündigungen wecken allenthalben Zukunftsängste. Zielsetzung hier wie dort: Arbeitsplatzabbau um buchstäblich jeden Preis, der rasch substanzgefährdende Züge annimmt.

Pikant an dem jüngst verfügten Rückzug der "Stuttgarter Nachrichten" aus der eigenständigen Regionalberichterstattung und der Übernahme von Texten der Schwesterzeitung "Stuttgarter Zeitung": Diese Vermengung redaktioneller Inhalte steht im krassen Gegensatz zum Ausgang des Kartellverfahrens, in dem die Zeitungsgruppe Stuttgart einst die Genehmigung des gemeinsamen Anzeigenteils von StZ und StN erstritten hatte. Die StZ-Anzeigengemeinschaft war nach der Übernahme der StN 1974 durch die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) eingeführt worden, um der notleidenden Zweitzeitung das Überleben zu sichern. Die Wettbewerbshüter hatten letztinstanzlich verfügt, diese Zwangsbelegung sei nur statthaft, um den Fortbestand zweier redaktionell unabhängiger Tageszeitungen zu gewährleisten. 

Geklagt gegen die auch bei der Werbewirtschaft nicht unumstrittene Wettbewerbsbeschränkung hatte seinerzeit der Rotenberg-Verlag der lokalen "Cannstatter Zeitung" und deren Herausgeber Otto Wolfgang Bechtle, zugleich Mehrheitsgesellschafter der "Eßlinger Zeitung". Nicht nur weil der streitbare Verleger OWB mittlerweile verstorben ist, wäre eine solche Konfrontation heute schwerlich vorstellbar. Die SWMH hält inzwischen ihrerseits Anteile an der EZ, bei der SWMH-Chef Rebmann daher über Sitz und Stimme im Gesellschafterkreis verfügt. Auf der Strecke bleibt bei derlei Verflechtungen der für den Erhalt publizistischer Vielfalt unerlässliche Wettbewerb.

Nun rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit. In keiner Branche ist es um die Mitbestimmung der Beschäftigten so schlecht bestellt wie bei den Medien, deren Eigentümer auf das Privileg des Tendenzschutzes pochen. Betriebsräte in Verlagshäusern können über die Qualität des Kantinenessens oder des Toilettenpapiers befinden, die Ausrichtung einer Zeitung oder die Arbeitsbedingungen ihrer Redaktion (und damit deren Arbeitsergebnisse) bestimmen allein die Verleger. Oder deren Manager.

So hatten sich die Alliierten und die von ihnen mit dem Aufbau einer demokratischen Zeitungslandschaft beauftragten Presseoffiziere die Zukunft so wenig vorgestellt wie die Väter des Grundgesetzes. Erstere statteten politisch unbelastete Personen mit Lizenzen aus, und die verfassunggebende Versammlung sicherte über Artikel fünf des Grundgesetzes das Grundrecht der freien Meinungsäußerung als wichtigste Voraussetzung für eine freie Presse ab. Die Ausgestaltung der inneren Pressefreiheit, also das Zusammenwirken von Verlegern und Publizisten (und damit deren Mitbestimmung), sollte nachgeholt und über ein vom Bundestag zu verabschiedendes Presserechtsrahmengesetz geregelt werden.

Anläufe hierzu gab es immer wieder. Den letzten hatte sich Herta Däubler-Gmelin als Justizministerin vorgenommen. Ihr Entwurf freilich setzte im Kanzleramt Staub an. Der Kanzler der Bosse, Gerhard Schröder, der später Berater des größten Schweizer Verlags, Ringier, werden sollte, hatte Wichtigeres zu tun. Die Lobbyarbeit der Verleger tat ein Übriges.

Die Journalisten haben sich gerne mit Zuckerle verhätscheln lassen

Wir Journalisten sollten darüber nicht vergessen, uns an der eigenen Nase zu packen, haben wir uns doch in Zeiten satter zweistelliger Renditen gern hätscheln lassen mit den Zuckerle der Verleger wie komfortables Tarifwerk, Zusatzurlaub, steuerfreier Sonntagszuschlag. Darüber geriet das Thema innere Pressefreiheit, also Mitbestimmung in Tendenzfragen, aus dem Blickfeld. Was sich jetzt rächt. Wir waren es gewöhnt, den Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft vom Balkon aus zu verfolgen und mit klugen Ratschlägen zu begleiten. Dass wir nun plötzlich selbst betroffen sind, trifft uns unvorbereitet.

Wie weiter also? Mit der bequemen Beobachterrolle muss Schluss sein. Wir sind Dienstleister mit dem Medium der Sprache und der Bilder. Wir reflektieren die Wirklichkeit tunlichst nicht von oben, sondern auf Augenhöhe mit unseren Kunden, den Noch-immer-Lesern. Sie erwarten von uns Information und Kommentierung auf der Grundlage gründlicher Recherche. Dies setzt Unabhängigkeit von politischen und wirtschaftlichen Interessen voraus. Verleger, die ihre Zeitungen kaputtsparen, diese zu Verlautbarungsorganen und Amtsblättern degenerieren, indem sie mit von PR-Agenturen konzipierten Sonderveröffentlichungen sowie mit dem ungeprüften Abdruck von Pressemitteilungen Journalismus vortäuschen, sollten sich nicht länger auf den Tendenzschutz berufen und den ermäßigten Mehrwertsteuersatz beanspruchen dürfen.

Um derlei Konflikte im eigenen Haus durchstehen zu können, ohne den Arbeitsplatz zu riskieren, wäre Waffengleichheit zwischen Herausgebern und ihrem schreibenden und gestaltenden Personal vonnöten. Die aber ist nicht einmal andeutungsweise vorhanden. Einige nach 1968 im Gefolge von Willy Brandts Parole "Mehr Demokratie wagen" verabschiedete Redaktionsstatute blieben hehre Absichtserklärungen ohne jede Rechtsverbindlichkeit, da von Verlegerseite bestenfalls wohlwollend zur Kenntnis genommen. Große Ausnahme: das Statut des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", dessen Gründer Rudolf Augstein der Mitarbeiter-KG knapp die Hälfte des Verlagskapitals (und 50,5 Prozent des Gewinns!) übertragen hat. Dies übrigens auch aus der Sorge heraus, Mitgesellschafter Gruner und Jahr könne nach Augstein zusammen mit dessen Erben das "Sturmgeschütz der Demokratie" in Richtung Kommerz trimmen.

Die Verleger sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen

Von Einsicht aufseiten der Verleger, in der Stunde null quasi treuhänderisch als Lizenznehmer eingesetzt, können wir Journalisten nur träumen. Wie sehr sie die Rolle der Herren im Haus verinnerlicht haben, zeigt sich gerade in der Krise. Da wird blindlings an Ästen gesägt, auf denen sie selbst und ihre Belegschaften sitzen, indem ausgerechnet Kernkompetenzen wie die eigenständige Berichterstattung aus dem Verbreitungsgebiet zurückgefahren werden.

Soll sich an dem frustrierenden Zustand, von jeder faktischen Mitwirkung an den eigenen Arbeitsbedingungen ausgeschlossen zu sein, irgendwann etwas ändern, dann dürfen wir keine weitere Zeit verlieren. Dazu bedarf es eines langen Atems. Und wir brauchen Verbündete. Da sind zuvorderst die LeserInnen, also die Noch-immer-Leser und möglichst viele Demnächst-wieder-Leser. Und Politiker aller Lager, denen es ernst ist mit der Demokratie und mit Medien, die ihre Kontrollfunktion aus eigener Stärke, die auf Unabhängigkeit gründet, wahrnehmen.

Also runter vom Balkon, raus ins Leben, ran an unsere Nutzer. Am besten, wir fangen damit schon jetzt in diesem Arbeitskampf an. Belassen wir es also nicht bei der Parole "Wir sind die Guten – für guten Journalismus", sondern nutzen wir die Kundgebungen, die Streikpostillen und das Internet, um die Öffentlichkeit über die Zumutungen der Verlagsherren aufzuklären und Allianzen zu schmieden mit allen, denen an einer funktionierenden vierten Gewalt gelegen ist.

 

Bruno Bienzle, Jahrgang 1943, war bis 2007 Leiter der Lokalredaktion der "Stuttgarter Nachrichten".


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8 Kommentare verfügbar

  • Bruno Bienzle
    am 29.03.2014
    Lieber Herr Prothmann,
    wie gern würd' ich dran glauben! Also hoffe ich vorerst mal. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob wir Journalisten uns hinhalten und uns mit ein bisschen Kosmetik am "Tarifwerk Zumutung" abspeisen lassen. Zu lange waren wir auf Prozente und auf Besitzstand fixiert. Und haben Kröten geschluckt. Diese Versäumnisse sind es, die Verleger in dem Glauben bestärkt haben, mit uns Papiertigern leichtes Spiel zu haben.
    Beispiel Stuttgart: 1974, nach der Übernahme der StN durch die SWMH, zogen wir an einem Samstag durch die Innenstadt zum Tagblatt-Turm. Für den Erhalt der Meinungsvielfalt. Tatsächlich hielt Verlagsherr Eugen Kurz Wort: Die StN gingen sogar gestärkt aus der Flurbereinigung hervor (als Mantellieferant) - wobei freilich die Vollredaktion der NWZ in Göppingen auf der Strecke blieb.
    Dann sollte es bis zum Tarifkonflikt 2011 dauern, bis sich Journalisten in Stuttgart öffentlich bemerkbar machten. An Anlässen zum Protest hätte es nicht gefehlt: 1979 wurde StN-Chefredakteur Rudolph Bernhard, wiewohl Minderheitsgesellschafter, abserviert. Sein Vergehen: Er hatte eine Resolution seiner Redaktion gegen die überstürzte Umstellung auf die rechnergesteuerte Produktion um den Preis von Notausgaben sowie Doppelschichten fürs Personal nicht verhindert. Die verunsicherte Redaktion kuschte.
    Als 2004 die stets profitable Programmbeilage IWZ im 32. Erscheinungsjahr Knall auf Fall durch die im Gestehungspreis um weniger als einen Cent pro Exemplar billigere rtv ersetzt wurde und über 20 Arbeitsplätze verloren gingen, hagelte es Leserproteste. Doch die Redaktionen hielten still.
    Das sollte sich im Januar 2010 wiederholen, als die Redaktion von "Sonntag Aktuell" im 31. Jahr geschlossen und die Produktion dem Newsroom der StN zugeschlagen wurde. Motto wie gehabt: Hauptsache billig. Und wieder waren 20 Arbeitsplätze futsch. Sechs waren es zuletzt beim "Stuttgarter Wochenblatt". Und wieder hielten die Belegschaften im Pressehaus still.
    Nun, da es StZ und StN trifft, deren Eigenständigkeit massiv eingeschränkt wird, ist die Streikbereitschaft größer denn je. Wenn nicht jetzt, wann dann?
  • Tillupp
    am 28.03.2014
    @Hardy Prothmann, 27.03.2014 23:44
    Danke für den Hinweis, dass es Sie auch gibt. Wusste ich bisher nicht und bin deshalb auf Ihre nächsten Themen gespannt. Natürlich zahle ich für guten Journalismus, zumal der Mannheimer Morgen (MM) nichts taugt. Am liebsten wäre dem MM-Machern wenn jede Woche eine andere Studentin am Verbindungskanal einem Verbrechen zum Opfer fiele. Sie versuchen jedenfalls förmlich das nächste herbeizuschreiben und mit Bildern vom Wohnheim und dem Foto von der Lettin förmlich auf die freilaufenden Studentinnen aufmerksam zu machen. Die FDP springt in einer konzertierten Aktion auf den Zug mit auf, und wirbt vordergründig für mehr Licht in Mannheim, tatsächlich für mehr Angst. Mein Eintrag hier hat zwar jetzt nichts mehr mit dem Kontext Artikel zu tun, aber es musste einfach mal aus mir raus.
  • Hardy Prothmann
    am 27.03.2014
    Lieber Herr Bienzle,

    gut gebrüllt - glauben Sie im ernst, dass diese Belegschaften auch nur ansatzweise den Mumm und die Überzeugung haben, die es bräuchte, um einen Konflikt zu überstehen?

    Ich bin seit 1991 freier Journalist und nun seit fünf Jahren Arbeitgeber. Ich habe eine Angestellte und rund ein Dutzend Honorarkräfte.

    Und ich versuche in einem kaputten Markt, in dem Artikel gegen Geld verkauft werden, zu bestehen.

    Ich muss erleben, dass selbst ein Sender wie der SWR trotz gesicherter Gelder mittels ungeprüfter und alter Pressemitteilungen in politische Wahlkämpfe eingreift.

    Der Mannheimer Morgen pusht ein Niedriglohnunternehmen in Heddesheim und berichtet Probleme nur, wenn man die Zeitung dazu durch investigative Recherchen zwingt.

    Die Achtung vor dem Leser in allen Ehren - ich habe eins meiner Projekte gerade in die Pause geschickt und an die Leser appelliert, über ein Soli-Abo ähnlich wie Kontext, eine halbwegs anständige Honorierung unserer Arbeit zu erreichen. Von diesem Ziel sind wir weit weg und ich stelle fest, dass von den 100 Menschen im Ort, die uns mit Lob überschüttet haben, nur sehr wenige ein Soli-Abo signalisiert haben.

    http://www.heddesheimblog.de/

    Insbesondere die Zeitungen haben mit der zunächst aus Selbstgefälligkeit eingeführten Kostenloskultur den Markt extrem beschädigt. Sie haben aus Arroganz die Rubrikenmärkte verloren und das letzte Mal, wenn sie an Kunden verdienen, ist über die Abrechnung überteuerter Todesanzeigen. Und auch die Internetwerbung haben sie beschädigt, indem man bei einer Printanzeige die Onlineversion quasi geschenkt bekommt - ist also nichts wert.

    Was die Arbeit der Printjournalisten angeht, so hat diese jeden Anstand verloren. Man bedient sich im Internet kostenlos, wo man kann und benennt Fundstellen nicht, wenn doch, steht da "Internet" oder "youtube".

    Gleichzeitig schauen aber viele noch mit einer Hybris und Verachtung auf die Online-Angebote, die erstaunlich ist. Man demonstriert gegen "Billig-Journalismus". Was soll das bitte sein? Wo soll der bitte sein?

    Das Verlautbaren von Pressemitteilung etwa. Das machen wir bei unseren Angeboten auch - vor allem bei Service-Informationen. Und wir benennen die Quelle. Immer, unübersehbar.

    Die Teuer-Journalismus-Fraktion schreibt diese um, eignet sich fremde Urheberschaften an und schreibt dann den eigenen Namen drüber. Leuten, die mit so wenig Achtung vor anderer Arbeit agieren, trauen Sie eine Eigenachtung zu?

    Der Mannheimer Morgen bringt es fertig, bei Themen wie dem Mord an der Studentin Gabriele Z. eine dpa-Nachricht zu veröffentlichen, statt eigener Recherchen. Das ist Billig-Journalismus pur. Dpa wird eh eingekauft, da spart man sich den Reporter. Ein Aufschrei deswegen im Haus? Können Sie vergessen.

    Die Zeitungsredakteure streiken für mehr Geld - ich versuche es zu verdienen, um meine freien Mitarbeiter zu bezahlen. Übrigens von Anfang an besser als die Zeitungen.

    Sie haben mit vielem, was Sie schreiben, recht, leider aber immer noch ein zu gutes Bild der Branche. Hier ein Hinweis an Herr Hebel: Die Medienschelte geschieht zu recht, weil es einfach immer mehr und mittlerweile viel zu viel minderwertige Angebote im Markt gibt.

    Oben hat ein Kommentator geschrieben, warm es denn den Medien anders ergehen sollte, als anderen Branchen. Das ist erschreckend. "Kohle" kann man in andere Industrien strukturell verändern.

    Aber Journalismus? Einfach eingehen lassen und dafür den Dienstleistungssektor stärken, beispielsweise mit PR?

    Ohne unabhängigen Journalismus funktioniert keine Demokratie. Die Betonung liegt auf unabhängig. Und tatsächlich trifft das auf viele Zeitungen nicht mehr zu und auf die Redaktionen schon gar nicht.

    Journalismus hat Zukunft, wenn man ihn gut macht und daran glaubt. Die Journalisten, die ihren Job verloren haben und dann eine neue Anstellung als Unternehmens- oder Behördensprecher finden, glauben nur an eins. Geld.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann
  • Markus Hitter
    am 26.03.2014
    Zunächst einmal sehe ich keine Anzeichen, dass das Berufsbild des Journalisten insgesamt auf dem Spiel steht. In der derzeitigen Form vielleicht schon, doch zahllose Blogs teilweise ausgezeichneter Qualität und mit lebensunterhaltendem Einkommen zeigen, dass es das Geschäftsfeld weiterhin gibt und grossen Zuspruch findet.

    Auch die Kontext:Wochenzeitung würde nicht existieren, würde sich niemand für Journalismus interessieren. Schliesslich ist sie ja erst entstanden, als die im Artikel beschriebenen Verhältnisse bereits aktuell waren.

    Beim lesen des Artikels ergibt sich mir jedoch der Eindruck, dass sich da ein nicht zu knapper Egoismus breit gemacht hat. Warum sollte es dem Zeitungswesen anders gehen als den anderen Industrien? Gesundschrumpfen bzw, kaputtsparen (je nach Blickwinkel) findet nicht nur im Umfeld der Journalisten, sondern einfach überall statt. Für Journalisten ist das sogar noch vergleichsweise harmlos, denn ihre Arbeit kann nicht so ohne Weiteres nach Indien oder in den fernen Osten verlagert werden.

    Warum also sollte es den Journalisten besser gehen als Anderen? Zumal ja im deutschen Blätterwald Land auf, Land ab der Neoliberalismus mit seinem monetären Wachstum gepriesen wird als wäre es das ankommende Paradies. Sind die Medien tatsächlich die 4. Macht im Staat, könnte man da erheblich mehr erreichen. Kurz: mir liegt ein "selber schuld" auf der Zunge.

    Die Arbeit komplett nieder zu legen halte ich übrigens für eine verpasste Chance. Anstatt gar nichts mehr zu schreiben könnte man sich auf wenige gute Artikel konzentrieren. Der Verleger druckt das dann ab oder lässt es bleiben und findet die Arbeit auf einer Webseite wieder. So könnte man aufzeigen, was das Berufsbild wirklich wert ist.
  • CharlotteRath
    am 26.03.2014
    Guter Artikel!
    Als Medienkonsument fragt man sich zusätzlich: Warum wird staatlicherseits für die einen Medien (Rundfunk, Fernsehen) per Zwangsabgabe gesorgt, aber andere Medien (Zeitungen) dem "Spiel der Marktkräfte" überlassen?
    Könnte es daran liegen, dass die einen schon längst im direkten Zugriff der Parteien sind, die anderen bisher aber nur mittelbar?
    Nicht zu vergessen der so ganz und gar uneigennützige Einfluss der Bertelsmann-Stiftung auf Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ...
  • Hartmut Hendrich
    am 26.03.2014
    Viele Journalisten glaubten auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen

    Was das Publikum mit dem Journalismus und Journalisten als sozialen Abstieg heute erleben, sind nicht Begleiterscheinungen, sondern das Ziel des neoliberalen Wandels, der unsere Gesellschaft „modernisieren“ soll. Als vor über zehn Jahren jener Sozialdemokrat Schröder diesen Wandel mit seinen, oft noch heute lobend erwähnten, „Reformen“ beflügelte, war es schwer, in der gesamten Presselandschaft kritische Auseinandersetzungen über diese Entwicklung zu finden. Nein, das Gegenteil, eine allgemeine Begrüßung dieser Entwicklung war auf breiter Front der Presselandschaft wahr zu nehmen. Die Drohung, dass ohne diese „Reformen“ beinahe jeder Arbeitsplatz nach Indien oder sonst wo hin verlegt, oder abwandern würde, lähmte wohl jede Phantasie. Die mehrheitlich verbreitete, und damit einheitlich wahrgenommene Stimmung in der Presse war, dass dies allein richtig und damit gutgeheißen werden müsse. Ich fragte mich damals, ob denn alle Journalisten glaubten, auf der anderen Seite des Tisches (hier ist vom Balkon die Rede) zu sitzen und so unkritisch die erkennbar schädlichen Entwicklungen begrüßen zu müssen (diese Betrachtungen passen auch zu einem weiteren hier publizierten Artikel). Es ist zu befürchten, dass es für den hier angemahnten Schulterschluss und Aufbruch der Journalisten zu spät ist, scheint es doch wunderbar zu funktionieren, mit weniger Personal, die angesagte Einheitsmeinung unters Volk zu bringen.
  • Thomas Renkenberger
    am 26.03.2014
    Allianzen mit allen, denen an einer wahrhaften "Vierten Gewalt" als Essenz der Demokratie gelegen ist, und die sich noch die Mühe des Lesens mit Vergnügen zumuten - bloß wie? Wer kritischen, investigativen Journalismus schätzt (und z.B. deswegen kontext im Internet liest und unterstützt), das Abo bei der StZ gekündigt hat und den Verlag so finanziell schwächt, gefährdet damit zwangsläufig wohl auch die Redaktion in ihrem Bestand. Schlimmer noch, stärkt diejenigen Kräfte, die dem Verleger und der finanzierenden Industrie nach dem Munde reden (müssen/wollen) und beschleunigt noch den Niedergang. So ereilt die traditionellen Stuttgarter Zeitungen das Schicksal des Bonatzbahnhofs, dessen Schändung sie so dienstfertig mit betrieben haben. "G'schieht denne grad recht", könnte man da hämisch sagen, wenn sie einem nicht mal wichtig gewesen wären und es dort immer noch viele gute Leute gäbe.
  • Bernd Carle
    am 26.03.2014
    Dem kann ich nur voll zustimmen.

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