Ausgabe 99
Medien

Zeit für Zorn

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 20.02.2013
Gerhard Manthey ist Gewerkschaftssekretär bei Verdi und zuständig für Medien in Baden-Württemberg. Der Mann mit dem roten Schal ist kurzweilig, amüsant, laut und dröhnend, ein Kämpfer und Unterhalter und einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Wir haben uns mit ihm über den Mut der Journalisten unterhalten, denn es gibt keinen, der sich besser in der Medienlandschaft in Baden-Württemberg auskennt als er.

Gerd Manthey: Ich bin Journalist geworden, weil ich die Welt verändern wollte.

Gerhard Manthey trägt immer einen roten Schal, ist kurzweilig, amüsant, laut und dröhnend, ein Kämpfer und Unterhalter und einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Keiner kennt sich besser in der Medienlandschaft Baden-Württembergs aus. Wir haben uns mit dem Verdi-Mann über Mut und Haltung von Journalisten unterhalten.

An einem Freitagnachmittag sitzt der 63-Jährige in seinem Büro, hinter einem Schreibtisch, der schier im Chaos versinkt. Andere würden in diesem Wust aus Papier untergehen, "der Gerd" nicht, er sitzt mittendrin wie ein Fels in der Brandung. Aus der Stereoanlage dröhnt Mozart so laut, dass es das gesamte zweite Stockwerk des Verdi-Hauses beschallt, auf dem Gipfel einer seiner Aktenberge liegt Kant, "Kritik der praktischen Vernunft". Daneben und zwei Papierstockwerke drunter zwanzig Quadratzentimeter grellgrüne Plastikwiese mit rosa Blümchen – Kurzzeiturlaub zum Anschauen für einen, der nie welchen macht.

Herr Manthey, wir möchten mit Ihnen über den Mut der Journalisten sprechen.

Oje. Dabei sind Journalisten heute gern mal so anämisch. 

Sie haben selbst lange als Journalist gearbeitet. Warum wollten Sie diesen Beruf machen? 

Ich wollte die Welt verändern. 

Wirklich? 

Ja klar! In meinem Bücherregal steht irgendwo "Lenin über die Presse", "Die Wahrheit ist parteilich" und so ein Kram.

Ist es ein guter Grund, die Welt verändern zu wollen?

Es ist immer ein guter Grund, herauszufinden, was ist, weil ich als denkender Mensch erst dann weiß, wie ich mich politisch zu verhalten habe. Außerdem werde ich ungern belogen. Und wenn ich schon nicht gern belogen werde, geht es den anderen Menschen bestimmt genauso. Das ist schon ein guter Grund, was zu schreiben. Als Minimalkonsens finde ich ihn den besten.

Dazu braucht es aber Mut und Haltung. Wie mutig ist denn der Journalist in Deutschland?

Das kann man schwer pauschal sagen. Der Mut hängt natürlich von den Lebensbedingungen ab. Jeder Redakteur muss, gemessen an seiner familiären Lage, jeden Tag darüber nachdenken, wie viel er riskiert. Er sollte aber zumindest den Mut haben, jeden Tag die Grenze auszutesten. Das sollte eine Grundvoraussetzung sein. Aber Redakteure sind ein Produkt ihrer Behandlung. Wenn sie gewohnt sind, Dinge so oder so zu machen, weil der Verleger das will, werden sie faul. Wenn man sie permanent fordert, dann nicht.

Waren Journalisten früher mutiger als heute?

Das kann ich nicht sagen. Früher war es anders, nicht besser, anders. Und vielleicht hat man da die Mutigen noch besser gesehen. Gehen wir zu unserem Kollegen Friedrich Hecker, "Mannheimer Journal" vom Arbeiterverein, 19. Jahrhundert. Er sagte, meine Tendenz ist, für die Arbeiter zu schreiben, in einem Jahr die Auflage zu verdoppeln und gegen die Zensur anzuschreiben. Die Stellen, die er zensiert bekommen hat, sind im Haus der Geschichte in einem Buch ausgestellt. Jeder Redakteur sollte mindestens einmal im Jahr dahin gehen und sich das angucken. Nicht, weil er sich schämen soll, sondern weil er sich den Mut holen sollte, gegen alle Tabus im eigenen Blatt anzuschreiben. 

Warum ist das verloren gegangen? Warum lässt man sich heute verbiegen?

Da oben auf dem Berg im Pressehaus gab es einen Kollegen, der war grün. Aber als er einen entsprechenden Kommentar geschrieben hat, sagte man ihm: Sie verlassen den Meinungskorridor unseres Hauses. Rausgemobbt und rausgeekelt, wenn auch mit einer x-stelligen Abfindung. Dann ist er Weinhändler geworden. Das war einer der wenigen, die es ausgetestet haben.

Aber er hat offenbar Haltung bewiesen.

Ja, er hat Haltung bewiesen. Andere kriegen nur noch bestimmte Themen oder sind die Sozialheinis oder dürfen bloß noch über die Stadtwerke schreiben.

Aber warum lässt man sich das bieten? 

Zwei Kinder, Familie, Verpflichtungen? 

Verständlich, aber in diesem Beruf muss man doch Rückgrat haben.

Wann wird einer aufmüpfig, wann nicht, wann resigniert er, und wann hält er die Schnauze? Früher, als ich bei der "Heilbronner Stimme" gearbeitet habe, hatten viele Kollegen einen zinslosen Kredit vom Verleger. Das hat Geld gespart, und sie hatten alle ein Häuschen.

Gerd Manthey: Kaum ein Redakteur hat heute noch Zeit, mit seinen Kollegen politische Diskussionen zu führen. Nur den eigenen Vorteil im Blick?

Ob das jedem so bewusst ist?

Das muss einem doch bewusst sein in einem Beruf, der mit Reflexion zu tun hat.

Der Journalist von heute ist nicht politisch genug. Wir hatten bei der "Heilbronner Stimme" einen CvD, der kam aus der DDR. Also wenn da irgendwas Linkes unterm Stuhl vorschimmerte, tanzte er drauf rum, bis es platt war. Da hat man in der großen Redaktion jeden Tag um den Vietnamkrieg und anderes gestritten, bis die Fetzen flogen. Ich glaube nicht, dass heute noch ein Redakteur Zeit hat, politisch mit seinen Kollegen zu diskutieren.

Aber wenn man nicht politisch genug ist, hat man dann nicht den Beruf verfehlt?

Am Anfang waren alle idealistisch, in der 68er-Zeit noch mehr als heute. Danach ist die Ausbildung viel besser geworden. Wir haben seit spätestens 1985/86 eine zunehmende Akademisierung. Früher gab's noch Seiteneinsteiger mit Berufsausbildung. Mitte der 80er bin ich regelmäßig in die Uni eingeladen worden zu den M.-A.-Studenten und sollte denen etwas von der Gewerkschaft erzählen, von den Möglichkeiten journalistischer Arbeit nach dem Studium. Ich bin aus dem Sattel gefallen, die wussten nicht mal, was eine Gewerkschaft ist. Und diese Menschen werden jetzt losgelassen auf eine Zeitung, in der sie die Gesellschaft reflektieren sollen, reflektieren, nicht abschreiben, reflektieren. Ja, wie sollen die das machen, wenn sie nie einen Betrieb von innen gesehen haben? Wie soll denn so ein armer Mensch über die Arbeitswelt schreiben, wenn er noch nicht mal weiß, was eine Arbeitswelt ist? Und das ist doch der entscheidende Punkt. Wir haben Menschen, die eine tolle Bildung haben, aber die noch nichts erlebt haben. Und die, die nichts erlebt haben, werden losgelassen, zu sammeln, zu sichten, zu ordnen. Dem Anspruch werden sie eigentlich nicht gerecht. Es sei denn, sie würden sich täglich gemeinsam drum bemühen. Aber sie haben die Zeit nicht mehr und werden zugedeckt mit Schrott. Da arrangiert man sich, wird unpolitisch oder passt sich an, weil es angenehm ist. Und an Sie gerichtet: Nach Ihrer Auffassung muss es ja Voraussetzung sein, dass jeder Journalist, der bei einer Zeitung egal welcher Couleur anfängt, grundsätzlich revolutionär sein will.

Wäre ja so schlecht nicht.

Da oben auf dem Hügel im Pressehaus gibt es einen Kollegen, der sagte kürzlich: Gerhard, mir geht's beschissen. Ich habe wieder ein Thema, das ich aufgreifen müsste, und ich weiß genau, wenn ich dieses Thema so aufgreife, wie ich es für notwendig erachte, kriege ich die rote Lampe gezeigt. Seit einer Woche grüble ich drüber nach, wie ich das schreiben kann, und jetzt habe ich es geschrieben und weiß nicht mehr, was meine Meinung ist. Das ist zum Kotzen. O-Ton. Das ist das Ergebnis, wenn man alleine in einer Redaktion ist und eine politische Meinung hat, aber weiß, dass man keine Solidarität innerhalb der Kollegenschaft hat. Und wenn ich heute auf dem Hügel verbrannt werde, wo will ich denn dann hin? Bei der "Süddeutschen" bin ich im gleichen Konzern, beim "Schwäbischen Tagblatt", bei der "Südwestpresse" bin ich im weitesten Sinne im gleichen Konzern. Zudem werden diese Verleger immer furchtbarer und fangen an, Ihre Kollegen zu drücken. Und zwar mächtig, durch neue Geschäftsführer. Heute muss ich einzelnen Kollegen raten: Wenn du Widerstand machst, guck, dass Kollegen links und rechts neben dir stehen, damit du nicht eines Tages merkst, dass da keiner ist.

Sie haben kürzlich gesagt, einigen Verlegern müsse man die Lizenz entziehen.

Das wäre mein Freudentag. Eine neue Landesanstalt für Kommunikation, die wie für den privaten Rundfunk einen ISO-Standard per Gesetz festlegt. Jeder, der eine Zeitung herausgibt, muss diesen Mindeststandards genügen. Tariflich – Tariftreuegesetz, redaktionell – Redaktionsstatut. Anforderungen gelten dann auch für die Kollegen, Haltung bewahren, kämpfen, streiten um ein tolles Blatt. Auch, dass der Verlag dann stiftungsfinanziert ist, dass alles, was verdient wird, wieder in das Unternehmen fließt und jedes Jahr geschaut wird, wo man das Geld einsetzt. 

Den Verlegern geht es aber so schlecht.

Seit über 15 Jahren geht es den Verlegern strukturell anders. Nicht schlechter, anders. Wenn eine technische Neuerung kommt, die ich verpenne wie das Internet, kommt es zur Strukturkrise, das kann ich verstehen. Aber dann auf die Idee zu kommen, meine Strukturkrise löse ich mittelfristig nur, indem ich Qualität abbaue und mir dann noch das eine Bein amputiere, das ich eigentlich brauche, meine Redaktion, die die Qualität für alles andere liefert, das geht mir nicht in den Kopf. Und da ist der Punkt, wo ich sage, da müsste einem Verleger die Lizenz entzogen werden, denn er spinnt. Das alles ist scheißschwierig zu lösen, das stimmt. Da muss ich Geld in Ideen investieren. Ich kenne keinen Verleger, der nicht durch das stramme Opfer seiner Redakteure seine Zeitung gerettet hätte, die sollten sich alle ein Schild ans Verlagsgebäude hängen: "Dieses Haus wurde gestiftet von meinen Mitarbeitern" – und jetzt kommen die daher und sagen, sie müssen ihren Redakteuren den Lohn kürzen.

Und warum wird dann nicht gestreikt?

Doch, das haben die Kollegen in Baden-Württemberg kapiert. Und zwar deshalb, weil sie ein paar gescheite Arbeitsstrukturen in der Gewerkschaft hatten, sich kennen und vertrauen. Und weil sie empört waren und die Empörung geteilt haben. 2011 waren wir in Tübingen in einer Kneipe. Da waren bloß 30 Leute. So ein Altlinker kurz vor der Rente stand auf und sagte: Leute, wenn wir jetzt nichts tun, müssen wir uns schämen, und ich schäme mich. Wie viele Jahre arbeiten wir hier, wie viele Jahre sind wir tolle Journalisten, und das sollen wir uns jetzt bieten lassen? Also ich kann das nicht. Das war seine Überzeugung. 

Seine Haltung. 

Genau. Der hat das geschafft an dem Abend. Die fragen: Gerhard, können wir streiken? Ich sag, ja. Ja, dann machen wir das. Und schon ist der Manthey losgezogen und hat seinen Apparat in Bewegung gesetzt. Und selbst das Pressehaus hat mitgemacht. Dort haben einige wenige alle befragt und fast 90 Prozent in den Streik geholt. Das heißt, sie haben plötzlich ihre Haltung entdeckt und praktiziert.

Warum sind Journalisten so leidensfähig? Metaller stehen halt hin, Streik, zack, raus auf die Straße.

Aber der Metaller bekommt gesagt, dass er streiken soll, der Journalist muss das selber entscheiden. Jeder Drucker weiß, ich streike für meinen Geldbeutel, weil der das Höchste ist. Der Redakteur streikt für seine Ideologie. Das ist sehr viel schwieriger.

Wo ist sie denn hin, die Ideologie?

Gibt's denn eine? Haben wir noch eine?

Das ist die Frage. 

Wie kriegen wir die? Welche Blätter haben eine Redaktion, wo wir sagen können, da macht es richtig Spaß zu arbeiten? Es muss eine innere Verfasstheit des Produkts da sein, man muss sich einig sein, was man herstellen will. Das ist entscheidend. Solange ich als Redakteur aber nicht das Recht habe, die Tendenz des Blattes mit meinen redaktionellen Inhalten zu füllen, habe ich auch keine Identifikationsmöglichkeit, und folglich fehlt mir der entscheidende Punkt zur Entwicklung einer Haltung.

Gerd Manthey: Im richtigen Augenblick den gesammelten Zorn in politische Kraft umsetzen. Dann muss man halt dagegen was tun!

Ja, Reaktionsstatute anschaffen. Haben wir sogar schon eins gehabt, ein sauschlechtes, aber die damaligen 68er waren so verblendet in ihrer linken Maßlosigkeit, dass sie dieses beschissene Redaktionsstatut, das wir mit dem BDZV ausgehandelt haben, mehrheitlich runtergestimmt haben. Gemessen an der heutigen Situation wäre dieses zarte Pflänzchen entwicklungsfähig gewesen. Wenn wir uns die Kollegen des "Mannheimer Morgen" anschauen, die Kerle haben ein Redaktionsstatut, ein paar aufmüpfige Kollegen haben es verteidigt, aber wie viel machen sie draus? Das Redaktionsstatut, das Henry Nannen kassieren konnte, wo waren die Kollegen da? Einige Frauen und Männer haben toll gekämpft, andere haben mich gefragt: Gerhard, kannst du uns einen guten Steuerberater sagen, wir wissen nicht, wie viel Geld wir im Januar kriegen, wir müssen ein paar Eigentumswohnungen kaufen.

Immerhin scheint der baden-württembergische Journalist streikfreudiger zu sein als andere.

Ha! Warum streiken sie hier und nicht woanders? Andere Bundesländer haben immer noch eine andere Verlagsstruktur. Niedersachsen hat zwar eine ganze Menge Kleinverleger, aber die ticken anders. Vielleicht macht es doch die Mentalität hier im Süddeutschen. Und vielleicht macht's auch der Einfluss der Französischen Revolution auf dieses Gebiet hier. Einige aus Baden-Württemberg, zumindest aus Baden, denken anders.

Der Mut war recht schnell wieder vergessen, oder? 

Das ist ja das Schlimme. Alles in dieser Republik wird zu schnell wieder vergessen. Wenn du endlich wieder dein Zornreservoir wie eine Eiterbeule auf dem Rücken trägst und du sagst, warte bloß, wenn der richtige Zeitpunkt kommt, darfst du platzen. Und irgendwann geht's los. Du musst im richtigen Augenblick deinen gesammelten Zorn so in politische Kraft umsetzen, damit du was bewirkst. Und das ist dann wiederum die Haltung, die Wirklichkeit wird. Aber ich bin sicher, dass der Empörungsfaktor wieder wächst. Er wächst durch schlechte Behandlung. Nun gibt es immer zwei Wege. Dort, wo Menschen schlecht behandelt werden und die Angst zu groß wird, versinkt der Widerstand wie ein fauler Kaktus. Man muss halt zusammenhalten. Man muss auch erst mal seine Wut kriegen, seine Wut pflegen, sich seiner Wut erinnern und seine Wut warmhalten und zum richtigen Zeitpunkt abrufen.


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