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Es hat sich ausgeclippt

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Das Ende von Infopaq kam still und leise in der Adventszeit. Es ist kein Horrorszenario von Globalisierungskritikern. Sondern ein Lehrstück, wie ein Unternehmen, das sich einen exzellenten Ruf erarbeitet hat, systematisch an die Wand gefahren wird.

Betriebsversammlung eines traditionsreichen Medienunternehmens am Firmensitz auf dem Kornwestheimer Salamander-Areal. Bad News: Das Unternehmen ist insolvent, die 100 MitarbeiterInnen der Restbelegschaft sind gekündigt, ebenso der Mietvertrag für die Räume, selbst das Mobiliar kann der Vermieter pfänden. Die Kunden wurden bereits an die Konkurrenz "verkauft". Den Betrieb weiterzuführen ist auch deshalb ausgeschlossen. Ein Sozialplan wird vorgestellt. Viel zu holen gibt es nicht. Das Tafelsilber ist schon längst verhökert, die Filetstücke sind längst verfuttert worden. Infopaq heißt diese Firma mit ihrem sechsten und letzten Namen. Noch vor drei Jahren war sie Marktführer in der Branche der Medienauswerter.

Pleiten passen nicht in die Advenstzeit. Die Städte strahlen im Lichterglanz, die Einzelhändler strahlen über Umsatzrekorde. Die Minister der neuen Regierung strahlen sowieso. Good News – so weit das Auge reicht.

Presseauswerter, Medienbeobachter, Medienmonitoring – das sind verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Art von Dienstleistern wie Infopaq, deren Aufgabe die Beobachtung und Auswertung aller Medien – Presse, Radio, Fernsehen, Online – im Auftrag von Kunden ist. Zur Klientel von Infopaq gehörten große Namen: Bosch, Nestlé und Porsche, Edel-NGO's wie Greenpeace, aber auch der SWR. Sie alle wollten wissen, wie ihre Produkte vom Sportwagen bis zur Fernsehsendung "ankommen", wie sich ihr Image in der Öffentlichkeit entwickelt. Vor allem für Kunden aus der Wirtschaft fertigte Infopaq auch Medienanalysen an, die dann intern zu neuen Kommunikationsstrategien verarbeitet wurden. Das Brot-und-Butter-Geschäft war freilich der klassische Pressespiegel; ausgeschnittene Artikel aus Originalzeitungen. Die wurden dann in den Unternehmen kopiert und an alle einigermaßen wichtigen MitarbeiterInnen verteilt. Eigentlich eine sichere Bank für Infopaq.

Irgendwie erinnert deren Untergang inmitten der Weihnachts-Glitzerwelt an den berühmten (Ersten-)Weltkriegs-Roman "Im Westen nichts Neues". Da stirbt die Hauptfigur kurz vor Ende des Krieges "an einem Tag, der so ruhig und so still war, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden." Fast so heimlich, still und leise geht es auch beim Sterben von Infopaq zu. Außerhalb der Lokalpresse kaum ein Thema, für niemand. Im Süden nichts Neues.

Nach 125 Jahren kam die Pleite

Dabei hat dieses Unternehmen gut 125 Jahre allen Stürmen getrotzt, zwei Weltkriegen, Inflationen, Währungsreformen, politischen Umbrüchen und technologischen Revolutionen. Nur wenige Jahre älter ist die Branche der Presseauswerter. Die Idee kam ursprünglich aus Frankreich. Künstler, Schauspieler zumeist, sollten schon am Morgen danach die alles entscheidende Frage: Wie war ich?, in einem Pressespiegel abgebildet sehen.

Rasch verbreitete sich die Geschäftsidee über ganz Europa. Fast alle der neu gegründeten Firmen hatten Argus – den 100-äugigen Riesen aus der griechischen Mythologie – im Namen. So auch das 1887 gegründete "Argus Nachrichten-Büro" in Berlin. Auch der in Stuttgart geborene Philosoph Max Horkheimer wurde nach seiner Rückkehr aus dem Exil für viele Jahre Kunde. Gesammelt wurden alle Presseartikel, die entweder seinen Namen oder den seines Instituts für Sozialforschung in Frankfurt enthielten. 1953 dann ein neuer Name, "Argus Pressebüro und Verlag GmbH", und ein neuer Firmensitz, Stuttgart. Eigentümer war die Familie von Beust, Verwandte des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust. Sie trennte sich endgültig 2003 von Argus: als "Observer Argus Media" wurde der Presseauswerter eine Tochterfirma der schwedischen Observer-Gruppe.

Noch 2009 war das Unternehmen, das nun Cision hieß, Weltmarktführer unter den klassischen Ausschnittfirmen. Längst hatte man auch weitere Geschäftsfelder aufgetan: 1998 war der Radio- und Fernsehauswerter Media Control in Baden-Baden übernommen worden, es gab den Argus Analyse Service, und auch in der Welt des Web 2.0 fühlte man sich gut aufgestellt bei Argus in Kornwestheim, wo die Firma nun ihren Sitz hatte.

Als die Schweden 2010 an die dänische Infopaq A/B verkauften, gab es zur erneuten Umbenennung (Infopaq Deutschland GmbH) noch vollmundige Versprechungen vom neuen Eigentümer. In der Realität zeigte sich ziemlich bald: Der skandinavische Deal markierte den Beginn der Leidenszeit für die damals noch etwa 250 Beschäftigten.

Der soziale Rechtsstaat ist für eine von Missmanagement geplagte Belegschaft nur eine sehr theoretische Stütze. Zwar heißt es im berühmten Artikel 14 des Grundgesetzes: "Eigentum verpflichtet." Aber zu was? Auf unternehmerische Entscheidungen kann der Betriebsrat kaum einwirken.

Die dänischen Herren entsprachen so ganz und gar nicht dem Bild vom solide wirtschaftenden Nordeuropäer, einem Mythos, der nicht nur von Leuten wie Thilo Sarrazin gepflegt wird. Auch der bei den Skandinaviern vermutete "Sozialkapitalismus" war noch nicht mal in Spurenelementen vorhanden. Bald verlegten sie die Radio- und TV-Auswertung von Baden-Baden nach Frankfurt/Oder, wo niedrigere Löhne und wohl auch Fördergelder lockten. Traurig und verbittert, die Abschiedsmail der Entlassenen an ihre KollegInnen in Kornwestheim: "Liebe Kolleginnen und Kollegen in Kornwestheim. In Baden-Baden gehen heute endgültig die Lichter aus. Viele Jahre Missmanagement haben dahin geführt, wohin sie führen mussten. Zahllose Anregungen und Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft und vonseiten des Betriebsrates wurden beharrlich ignoriert. Ausbaden dürfen dies nun alleine wir."

Der Betriebsrat war am Rand der Verzweiflung

Dann wurde das Kerngeschäft, der Ausschnitt-Dienst, "globalisiert". Zu Beginn sah das so aus: Ein Kurier flog mit Koffern voller Zeitungen von Stuttgart nach Tallinn (Estland); dort wurden die Blätter gescannt, danach die Scans per Leitung nach Vietnam weitergeschickt. Im Fernen Osten wurden die Datenträger maschinengerecht segmentiert, dann von Suchmaschinen ausgewertet. Deren Ergebnisse wanderten nach Kornwestheim, wo nur noch die – allerdings bitter nötige – Qualitätskontrolle stattfand. Danach wurden in Estland die Originalzeitungen ausgeschnitten; Handarbeit für die Hilfsvölker der EU.

Die Kunden mussten oft einen Monat auf ihre Presseauszüge warten. Dieser "Workflow" erinnert weit eher an erfundene Horrorszenarien extremer Globalisierungskritiker als an Strategien kühl kalkulierender Kaufleute. Dazu kommt: Presseartikel, also sprachgebundene Erzeugnisse geistiger Arbeit, wurden hier wie T-Shirts behandelt.

Es kam, wie es kommen musste: Die Kunden wanderten scharenweise zur Konkurrenz ab, erneute Entlassungen, die Talfahrt beschleunigte sich dadurch noch.

Zwar versuchte man auch neue digitale Produkte zu entwickeln, die konnten die Verluste im Kerngeschäft aber bei Weitem nicht wettmachen. Der Betriebsrat war am Rand der Verzweiflung. Nach einem Jahr Infopaq schrieb er der Belegschaft: " Es bleibt die Hoffnung, dass nach über einem Jahr brutalem wirtschaftlichem Druck, nach großer Unsicherheit, nach fragwürdiger Verteilung unserer Arbeit über die halbe Welt, nach Unterordnung von Erfahrung und Wissen unter Blaupausen und Strategien irgendwann die Menschen wieder an Boden gewinnen."

Im Spätherbst 2013 dann die Insolvenz. Die verbliebenen MitarbeiterInnen wurden gekündigt, das Septembergehalt blieb bereits aus. Die meisten wehrten sich vor dem Arbeitsgericht Ludwigsburg. Zu den Verhandlungen erschienen weder die dänischen Arbeitgeber, noch schickten sie Anwälte. Nach uns die Sturmflut, mögen sich die Erben der Wikinger wohl gedacht haben.

Nicht nur Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft zeigen sich fassungslos über Vorgehen und Verhalten der dänischen "Mutter". Auch der Vorstand des Berliner Konkurrenten Landau-Media hat eine klare Meinung: "Wer die Qualität seiner Prozesse durch Kostenoptimierung vernichtet, kann in einem so anspruchsvollen Markt wie der Medienbeobachtung nicht bestehen."

Bereits nach zwei Stunden war die Betriebsversammlung bei Infopaq zu Ende. Gelobt wurde die gute Zusammenarbeit von Betriebsrat und Insolvenzverwalter. Viele der Entlassenen hoffen, mit seiner Hilfe doch noch an ihr Geld zu kommen. Die Staatsanwaltschaft prüft ein Verfahren gegen den dänischen Chef wegen Insolvenzverschleppung.

Nach der Betriebsversammlung spendierte der Betriebsrat Glühwein für alle. Damit noch ein wenig weihnachtliche Stimmung zu spüren war.


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7 Kommentare verfügbar

  • Jacob Stefan Nielsen
    am 30.12.2013
    Antworten
    @ Ivan Brkljacic: Was in den letzten Jahren "geil" war, erschließt sich mir nicht so ganz, abgesehen vielleicht vom Verhältnis unter KollegInnen. Ansonsten aber war es nur noch peinlich, für diesen Laden zu arbeiten. Nach Strich und Faden belogen wurden - auf Geheiß von oben - ja nicht nur Kunden…
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