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Performance "70437 Woyzeck"

Bühne frei für einen Stadtteil

Performance "70437 Woyzeck": Bühne frei für einen Stadtteil
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 Fotos: Julian Rettig 

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Datum:

Das Citizen Kane Kollektiv macht die Stuttgarter Großwohnsiedlung Freiberg zum Schauplatz von Georg Büchners "Woyzeck". Ein Stück über Ausgrenzung, Gewalt gegen Frauen – und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Das Citizen Kane Kollektiv hat in der Stuttgarter Theaterszene ein Alleinstellungsmerkmal: Die Gruppe hat kein eigenes Haus und keinen festen Ort für Aufführungen, sondern bespielt von Mal zu Mal wechselnde Orte und bezieht genau daraus die Anregungen und Energien für ihre Stücke. Dabei kann es sich um Innenräume handeln, die an sich nicht für Theateraufführungen gedacht sind, oder um den öffentlichen Raum, den Stadtraum.

In seiner neuesten Produktion erkundet das Kollektiv den Stadtteil Freiberg, eine Großwohnsiedlung aus den 1960er-Jahren. "Wir wollten die Leute aus der Innenstadt rauslocken", sagt Christian Müller, eigentlich Regisseur – aber bei Citizen Kane gibt es keine solche Rollentrennung: Im Kollektiv erarbeiten alle die Stücke gemeinsam. Und bei "70437 Woyzeck" führen sie auch alle zusammen Regie. Die Rollen spielen Menschen aus dem Stadtteil. Um nicht zu sagen: der Stadtteil selbst.

Über 7.000 Menschen leben in der Siedlung, überwiegend in Hochhäusern, die alle von Genossenschaften als Sozialwohnungen errichtet wurden. Das Julius-Brecht-Hochhaus, das heute offiziell nicht mehr so heißt, soll seinerzeit sogar das größte Wohnhaus in Deutschland gewesen sein. Die "F-Bronx", wie manche sagen, gehört nicht zu den privilegierten Wohngegenden, eher zu den bezahlbaren, auch wenn sich durch eine Sanierung im Programm "Soziale Stadt" seit ungefähr 2000 manches geändert hat. Freiberg galt früher als Problemviertel. Doch was heißt das schon? Jeder Stadtteil hat seine Probleme.

International erprobtes Konzept

In Bukarest hat das Kollektiv bereits im vergangenen Jahr mit Regiestudierenden der Nationalen Universität für Theater- und Filmkunst (UNATC) einen ähnlichen Theater-Rundgang durch das Viertel Ghencea entwickelt. Ein eigenartiges, gesichtsloses Wesen in blasslilagrauem Kostüm mit langer Schleppe führte den Zug an: als Personifikation des Quartiers. Wer nun am Startpunkt der Tour, dem Christoph-Ulrich-Hahn-Haus an der Adresse Himmelsleiter 64, unweit der gleichnamigen Stadtbahn-Haltestelle, dieses "Ghencea-Wesen" entdeckt, befindet sich auf dem richtigen Weg.

Die Recherchen in Freiberg hatten einen langen Vorlauf. Vor anderthalb Jahren hat das Kollektiv angefangen, sich in der Stuttgarter Hochhaussiedlung umzusehen. Erste Anlaufstelle war der Runde Tisch "Quartiersentwicklung Freiberg", den der Internationale Bund (IB), ein Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit, dort dreimal im Jahr veranstaltet. 40 Einrichtungen – darunter Vereine, Schulen, Genossenschaften und Kirchengemeinden – tauschen sich aus zu Problemen und Initiativen im Stadtteil.

Dazu gehört das Christoph-Ulrich-Hahn-Haus: ein Heim für Wohnungslose, zum Teil mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, in dem der performative Stadtrundgang beginnt. Der Straßenname Himmelsleiter erinnert an einen historischen Fußweg, der vom Neckartal steil hinauf durch die Weinberge zum Weinbauerndorf Zazenhausen führte. Eine Station der Tour ist ein versteckter Bahnhof Zazenhausen, der in Realität in oder unter Freiberg liegt: eine frühere historische Schicht, über der sich die Großwohnsiedlung erhebt, ohne Verbindung zur Geschichte des Orts.

Auch die Menschen, die hier leben, sind ausnahmslos erst in den letzten 60 Jahren, viele aus anderen Ländern, neu zugezogen: weil sie anderswo in der Stadt Arbeit gefunden haben und eine Wohnung brauchten. Diese für die moderne Architektur charakteristische Trennung führt zu einer Entfremdung, wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in seinem Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" kritisiert hat: eine der Ursachen der Probleme, mit denen das Christoph-Ulrich-Hahn-Haus zu tun hat.

Stimmen hören mit Woyzeck

Psychische Probleme verbunden mit Armut, Ausgrenzung und Alkoholismus: Das beschreibt auch Georg Büchner in seinem Drama "Woyzeck", das unvollendet blieb, weil der Autor 1837 im Alter von nur 23 Jahren verstarb. Woyzeck hört Stimmen. Der mittellose, unterprivilegierte, wenig artikulationsfähige Soldat Franz, eine Randfigur der Gesellschaft, ersticht am Ende seine Freundin Marie. Das Citizen Kane Kollektiv erarbeitet seine Stücke in aller Regel selbst. Doch in diesem Fall kann die historische Vorlage helfen, die Probleme, die heute diagnostiziert werden können, in Relation zu setzen. 

Bevor es losgeht, führt eine kleine Ausstellung in Büchners Drama ein – samt dem realen historischen Fall, der ihm zugrunde liegt – und liefert umfangreiches Datenmaterial zu psychischen Erkrankungen heute. Depressionen und Ängste sind auf dem Vormarsch, insbesondere seit Corona auch unter jüngeren Menschen. Ergänzend versucht die in einem psychiatrischen Zentrum in Wiesloch arbeitende Krankenpflegerin Nicole Boch in einer begleitenden Fotoausstellung das innere Erleben psychisch Kranker sichtbar zu machen.

"Woyzeck" ist ein außergewöhnliches Stück. Vor 190 Jahren geschrieben, bietet es eine scharfe Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und ist für seine Zeit überraschend modern. Büchner verwendet Gerichtsakten zum realen Fall des Leipziger Frauenmörders und verarbeitet die Menschenversuche des Mediziners Justus Liebig, der Soldaten veranlasste, sich ausschließlich von Erbsbrei zu ernähren. Mehr als 40 Jahre vergingen, bis die handschriftlichen Fragmente entziffert waren. Das Drama hat eine offene Form, die Szenen haben keine feststehende Reihenfolge. Erst um den Ersten Weltkrieg erreichte das Werk durch Theateraufführungen und die Oper von Alban Berg ein breiteres Publikum. 

Mit "70437 Woyzeck", so benannt nach der Postleitzahl von Stuttgart-Freiberg, übersetzt das Citizen Kane Kollektiv Büchners Drama in einen Audiowalk durch den Stadtteil. Während sich die Gruppe von einer Station zur nächsten bewegt, ist der Text, angepasst und gekürzt, über Kopfhörer zu hören. Woyzeck hört Stimmen, das wird in der Tonspur, produziert von Nikita Gorbunov, besonders sinnfällig. Alltagsgeräusche – ein Hubschrauber, Kindergeschrei – wirken so echt, dass man sich umschaut und wundert, dass nichts zu sehen ist.

Woyzeck und Marie werden verkörpert von Menschen aus dem Stadtteil. Drei Paare nehmen an verschiedenen Stellen ihre Rollen ein, während die Texte aus dem Drama überwiegend von sechs Personen aus dem Christoph-Ulrich-Hahn-Haus eingesprochen sind. An einzelnen Stationen treten weitere Akteure in Erscheinung: die Tanzschule Danz.Studio, die auch HipHop und lateinamerikanische Tänze wie Salsa oder Bachata aus der Dominikanischen Republik unterrichtet, der Square Dance Club "Stuttgart Strutters", Feuerspucker und kurz, aber besonders spektakulär, die Gladiatores, eine Schule, die klassische europäische Fechtkunst mit Langschwertern unterrichtet.

Die Probleme beschränken sich nicht aufs Viertel

Solche Show-Einlagen wechseln sich ab mit informativen Beiträgen, etwa über die Rechtsprechung zu Femiziden, die zwischen Mord und Totschlag changiert. Nach und nach lernen die Teilnehmer:innen so den Stadtteil Freiberg kennen: viel Grün zwischen den Hochhausscheiben, dazu der Kaufpark, aber auch das Gemeindezentrum Michaelshaus, in dem heute nur noch an wenigen Feiertagen Gottesdienst stattfindet, das aber einer Reihe von Gruppen – vom Chor der Himmelsleiter über verschiedene Selbsthilfegruppen bis hin zur indonesischen Gastgemeinde – als Treffpunkt dient.

Die Mitglieder des Kollektivs treten bis auf Maximilian Sprenger, der den Tambourmajor gibt, nicht als Schauspieler in Erscheinung. Sie nehmen jedoch viele andere Rollen ein. Sie haben recherchiert: nicht nur im Stadtteil, auch im Stadtarchiv. Sie haben die Kontakte geknüpft, die Termine und die Ausstellung organisiert, die Textgrundlage erarbeitet, den Audiowalk produziert und die Auftritte der einzelnen Gruppen choreografiert. Es steckt viel Vorbereitung in einem solchen eineinhalbstündigen Stadtrundgang. 

Ist Freiberg nun ein Problemviertel, eine entfremdete Sozialsiedlung? Rund sechzig Jahre nach der Erbauung ist die Großsiedlung zu einem organischen Teil der Stadtgesellschaft geworden: eher am Rande gelegen und weniger wohlhabend zwar, aber eben auch grün und belebt, mit bemerkenswerten Einrichtungen und Initiativen, von denen einige auch an dem Theaterprojekt mitwirken. Dazu gehört der IB. Der Verein Integrative Wohnformen arbeitet im Auftrag der Genossenschaften an der Verbesserung des Zusammenlebens. Die Evangelische Gesellschaft und das Gemeindepsychiatrische Zentrum betreiben zusammen den Treffpunkt Wallerie: eine Station des Rundgangs wie das Michaelshaus. 

Am Ende hält Maximilian Sprenger in einer Performance und Installation dem Schubladendenken den Spiegel vor. In einem Raum öffnet er eine Schublade nach der anderen, und jedes Mal ertönt eine Polizeimeldung über einen Frauenmord – bis dreißig, vierzig Stimmen durcheinanderreden und man nichts mehr versteht. Es handelt sich keineswegs nur um Stadtteile wie Freiberg. Solche Probleme, wie sie Büchner in seinem Drama anspricht, gehören auch nicht der Vergangenheit an. Sie sind bedingt durch grundlegende strukturelle Defizite wie soziale Ungleichheit oder toxische Männlichkeit.

Doch dann geht es mit dem Aufzug hinauf in die oberste Etage. Ein atemberaubender Blick über den Max-Eyth-See und das Neckartal bis zur Schwäbischen Alb bei rotem Abendhimmel – so das Wetter mitspielt – lässt einen die komplexen Probleme zwar nicht völlig vergessen, aber auch nicht in Depression versinken. "Über der Stadt ist alles Glut", lautet der Untertitel des Stücks: ein Zitat aus "Woyzeck".


"70437 Woyzeck – Über der Stadt ist alles Glut!" führt das Citizen Kane Kollektiv vier Mal auf: von Donnerstag, 7. bis Sonntag, 10. Mai, jeweils beginnend um 19 Uhr im Christoph-Ulrich-Hahn-Haus, Himmelsleiter 64, Stuttgart-Freiberg. Tickets hier, weitere Infos hier.

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