Dazu gehört das Christoph-Ulrich-Hahn-Haus: ein Heim für Wohnungslose, zum Teil mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, in dem der performative Stadtrundgang beginnt. Der Straßenname Himmelsleiter erinnert an einen historischen Fußweg, der vom Neckartal steil hinauf durch die Weinberge zum Weinbauerndorf Zazenhausen führte. Eine Station der Tour ist ein versteckter Bahnhof Zazenhausen, der in Realität in oder unter Freiberg liegt: eine frühere historische Schicht, über der sich die Großwohnsiedlung erhebt, ohne Verbindung zur Geschichte des Orts.
Auch die Menschen, die hier leben, sind ausnahmslos erst in den letzten 60 Jahren, viele aus anderen Ländern, neu zugezogen: weil sie anderswo in der Stadt Arbeit gefunden haben und eine Wohnung brauchten. Diese für die moderne Architektur charakteristische Trennung führt zu einer Entfremdung, wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in seinem Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" kritisiert hat: eine der Ursachen der Probleme, mit denen das Christoph-Ulrich-Hahn-Haus zu tun hat.
Stimmen hören mit Woyzeck
Psychische Probleme verbunden mit Armut, Ausgrenzung und Alkoholismus: Das beschreibt auch Georg Büchner in seinem Drama "Woyzeck", das unvollendet blieb, weil der Autor 1837 im Alter von nur 23 Jahren verstarb. Woyzeck hört Stimmen. Der mittellose, unterprivilegierte, wenig artikulationsfähige Soldat Franz, eine Randfigur der Gesellschaft, ersticht am Ende seine Freundin Marie. Das Citizen Kane Kollektiv erarbeitet seine Stücke in aller Regel selbst. Doch in diesem Fall kann die historische Vorlage helfen, die Probleme, die heute diagnostiziert werden können, in Relation zu setzen.
Bevor es losgeht, führt eine kleine Ausstellung in Büchners Drama ein – samt dem realen historischen Fall, der ihm zugrunde liegt – und liefert umfangreiches Datenmaterial zu psychischen Erkrankungen heute. Depressionen und Ängste sind auf dem Vormarsch, insbesondere seit Corona auch unter jüngeren Menschen. Ergänzend versucht die in einem psychiatrischen Zentrum in Wiesloch arbeitende Krankenpflegerin Nicole Boch in einer begleitenden Fotoausstellung das innere Erleben psychisch Kranker sichtbar zu machen.
"Woyzeck" ist ein außergewöhnliches Stück. Vor 190 Jahren geschrieben, bietet es eine scharfe Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und ist für seine Zeit überraschend modern. Büchner verwendet Gerichtsakten zum realen Fall des Leipziger Frauenmörders und verarbeitet die Menschenversuche des Mediziners Justus Liebig, der Soldaten veranlasste, sich ausschließlich von Erbsbrei zu ernähren. Mehr als 40 Jahre vergingen, bis die handschriftlichen Fragmente entziffert waren. Das Drama hat eine offene Form, die Szenen haben keine feststehende Reihenfolge. Erst um den Ersten Weltkrieg erreichte das Werk durch Theateraufführungen und die Oper von Alban Berg ein breiteres Publikum.
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