Und wer kommt nun weiter am Ende der "Endstation Sehnsucht"? Stella vielleicht, die ihrem Gatten Stanley Kowalski die Stange hält, obwohl der soeben ihre Schwester Blanche vergewaltigt hat? Oder gar Stanley, der rabiate Krieger an der Weltkrieg-II- und danach an der Business-Front, der sexuelle Gewalt als ultimative Vernichtungswaffe einsetzt gegen seine Todfeindin? Seine Schwägerin, die ihn belogen und – seiner Überzeugung nach – betrogen hat? Die ihn übel diffamierte und seine Ehe sabotierte?
Nur Opfer ist die mittellose höhere Tochter aus Belle Reve – dem schönen Traum, der nur noch Illusion ist, seit das gleichnamige Familienlandgut für Schulden draufging – jedenfalls nicht. Die zarte Blanche, die im Stuttgarter Alten Schauspielhaus wie ein lichtscheues Elflein im geblümten Negligé durchs Leben der Schwester und den Lärm von New Orleans schwirrt, hat eine verdammte Nazi-Ideologie im Kopf. Gegenüber Stella leert sie den Kropf – und Stanley hört heimlich mit. Stanley habe etwas "Untermenschliches", "Tierisches", sagt Blanche, gehöre zu einer grunzenden Affenhorde, sei ein "Überlebender der Steinzeit" und obendrein – als Sohn polnischer Einwanderer – ein "Polacke".
1947, als "Endstation Sehnsucht" in New York uraufgeführt wurde, gerade mal zwei Jahre nach dem Sieg über das deutsche Verbrecherregime, war das unverkennbar der Sound, bei dem sich aristokratischer Hochmut, Rassismus und Sozialdarwinismus zum arischen Herrenmenschen paaren. Ironisch nur, dass die von diesem Denken geprägte Blanche ausgerechnet vom geschmähten Stanley sozialdarwinistisch überholt wird. Er ist der Fitteste, der stets überlebt: als Militär-Rambo, als Handelsvertreter einer Maschinenfabrik, als Sexprotz und protziger Selbstbehaupter ohne Scheu vor Brutalität.
Also Herrenmenschen unter sich. Im Kampf zwischen Blanche und Stanley steckt der Klassenkampf zwischen alter Grundbesitzerbourgeoisie – ökonomisch pleite, kulturell hochnäsig – und dem sich nach oben boxenden Einzelkämpfertum in den marktfähigen Branchen: Belle Reve versus American Dream. Darunter klaffen menschliche Abgründe. Tennessee Williams reißt sie auf in seinem berühmtesten Stück. Regisseur Robin Telfer überbrückt sie im Alten Schauspielhaus mit lockerem Boulevard, bevor es in der letzten halben Stunde denn doch handlungsgemäß herb zur Sache geht.
Vergewaltigung als Normalität
Telfers Neuinszenierung, die am vergangenen Freitag Premiere hatte, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Gewiss hat die finale Steilkurve ihre dynamischen Qualitäten. Doch wenn die Katastrophenanbahnung nebst Desaster-Symptomen zur Harm- und Belanglosigkeit geschrumpft wird, taumelt man nur in den Textschlingen, ohne in den Abgrund zu blicken.
Die Zyklen von häuslicher Gewalt und Versöhnungssex werden von der Regie mit leichter Trash-TV-Anmutung à la "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" allzu leicht gewichtet. Wenig wird spürbar vom Risiko der Eskalation, das Stella (sonst sehr überzeugend: Sheila Bluhm) auf sich nimmt, wenn sie diese "Umgangsformen" zur Normalität erklärt. Sozusagen zu Unkosten einer Liebe, die ihr über alles geht: die zu Stanley. Darin aber zeigt Sheila Bluhm weder Hörigkeit noch Amour fou, sondern die klare Entscheidung gegen das modernde Belle-Reve-Milieu, für das moderne Leben in der Kampfzone eines heruntergekommenen, aber vitalen Altstadtviertels.
Überzeugend ist Bluhms bodenständige Stella, weil sie sich exakt in die Rollenkonstellation fügt: als Gegenfigur zu Schwester Blanche und ihrer Illusionswelt. Doch auch Stella bleibt am Ende – nach der Vergewaltigung Blanches – das Sich-Illusionen-Machen nicht erspart: Der Preis für die Weiterführung der Ehe mit einem Haustyrannen und Sexualverbrecher steigt in die Klasse der Lebenslügen à la Blanche. Wobei Blanche zuletzt in die Klapse kommt, während Stellas Stern über ihrer (un-)heiligen Familie samt frisch entbundenem Nachwuchs aufgeht. Mit Moral darf man diesem aufrichtigen Drama nicht kommen (Elia Kazan hat es in seiner berühmten Verfilmung von 1951 getan und das Ende moralisierend verändert: Stella verlässt Stanley – ob für immer, bleibt offen).
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