KONTEXT:Wochenzeitung
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In Kooperation mit Theater Stuttgart

Familienbande

In Kooperation mit Theater Stuttgart: Familienbande
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Frank-Lorenz Engel inszeniert am Stuttgarter Alten Schauspielhaus die Krimikomödie "Die acht Frauen" von Robert Thomas – das Original, nicht den Film. Und das lohnt sich.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten. (lee)

Dumm, dreist oder dummdreist? Da macht ein Film, maßgeschneidert für die großen Diven des französischen Kinos, weltweit Furore. Und dagegen will das Stuttgarter Alte Schauspielhaus kriminalkomödiantisch anstinken mit "Acht Frauen" kurz vor Weihnachten? Na klar! Und zwar weder dumm noch dreist noch dummdreist. Sondern clever und mit einem bestens aufgelegten Ensemble. Vergesst also Catherine Deneuve, Fanny Ardant, Isabelle Huppert und Konsortinnen. Oder vergesst sie nicht, denn François Ozons Filmerfolg von 2002 ist aller Ehren wert. Aber hier kommen Sabine Bräuning, Monika Wiedemer, Anne Leßmeister und Kolleginnen, und die mischen eine ganz andere Szene auf: das Theaterstück von Robert Thomas vor seiner Verwandlung ins Drehbuch, und dieses "Huit Femmes"-Original hat literarische Qualitäten, die Regisseur Frank-Lorenz Engel unauffällig und doch kenntlich in Szene setzt.

Er belässt das 1958 geschriebene Stück dort, wo es herkommt und hingehört: im Frankreich der Nachkriegszeit. Solche Historizität macht es gerade nicht zum alten Hut, sondern lüftet die Bedeckung von Köpfen, in denen noch – oder wieder – der Mief und Muff von damals steckt. Konkret: Der Abstand schärft den Blick auf weibliche Emanzipations- und Solidaritätsdefizite, die naturgemäß aufs Konto des vergehenden und möglicherweise wiederkehrenden Patriarchats gehen.

Da flattert also Töchterlein Suzanne (mit kesser Anmut: Barbro Viefhaus) aus dem englischen Internat auf Heimatbesuch ins großbourgeoise Landhaus, und unter dem Herzen trägt sie ein Geheimnis, zu dem sie nicht gerade wie die Jungfrau zum Kinde kam. Die Tochter schwanger, die Mutter auf Fremdgang, die Großmutter geldgeil, die eine Tante bescheuert, die andere schröpft Papa, ihren Bruder, der insgeheim schon pleite ist. Und wahrscheinlich würde er gerade Dienstmädchen Louise vögeln, läge er nicht tot im Bett: blutüberströmt und mit Messer im Rücken. Wer war's?

Alle und keine. Man ist unter sich, lauter potenzielle Mörderinnen, jede mit glaubhaftem Motiv und unglaubwürdigem Alibi. Allerlei Verdruckstes und Verdrängtes jedenfalls hinter der Fassade von An- und Wohlstand, und Karl Kraus' Einsicht, das Wort "Familienbande" habe einen Beigeschmack von Wahrheit, behält auch hier ihre Gültigkeit. Denn wer weiß, was Oma Mamy oder wer auch immer sonst noch im Geheimgang hinterm offenen Kamin verbirgt außer geklauten Wertpapieren und heimlich gesüffeltem Portwein? Sabine Bräuning spielt sie als durchtriebenes Pflegefallluder im Rollstuhl, aus dem sie – "Geld macht sexy" – bei jeder Gelegenheit in den Stand und koketten Schwung federt.

Zahlen müssen die unsichtbaren Männer

Nicht nur wenn sie einen Flunsch zieht und das Gesicht krümmt, zeigt Anne Leßmeister als Tante Augustine treffende Charakterkomik: Als stets beleidigte und ewig jammernde gouvernantenhafte Spießerin und hypochondrische Frustschraube drängt sie – nicht minder zielstrebig, nur weniger erfolgreich als Hannah Rebekka Ehlers' eiskalt berechnende Louise – ins Bett des Hausherrn. Da scheint Katja Hentschels aufrechte Madame Chanel, die Köchin, von anderem Moralkaliber. Wäre sie nicht hintenrum spielsüchtig und – Skandal in den Fifties! – lesbisch.

Marcel, der Patriarch, ist der große Unsichtbare, der nie auftritt, um den sich aber alles dreht in dem Frauenstück, das sich kraft solcher Gravitation des Mannes ins Gegenteil verwandelt. Nicht nur dieser Kunstgriff verbindet die raffinierte Komödie mit Lorcas sehr ernstem Frauendrama "Bernarda Albas Haus", sondern auch die hermetische Situation. Die Tore sind verschlossen, die Schlüssel ebenso verschwunden wie die Zündkerzen aus dem Auto. Niemand kommt raus, keine verlässt das Haus: eine geschlossene Gesellschaft fast wie bei Sartre, dessen Kernsatz "Die Hölle sind die anderen" auch unser Damenkränzchen stillschweigend verinnerlicht hat.

Ehefrau Gaby zum Beispiel, bei Monika Wiedemer eine Etepetete-Fregatte im Ego-Eck, wittert in Schwägerin Pierrette sämtliche Buhl- und sonstigen Teufelinnen – nur weil sie ein etwas freieres, etwas aufregenderes, kurz: ein Neid erweckendes Leben führt. Das natürlich seinen Preis hat, und den zahlt Marcel. Dorothée Kahler gibt die – relativ – Emanzipierte im Hosenanzug, aber keineswegs gefeit vor Momenten der Verunsicherung. Gattin Gaby bittet den Gatten freilich nicht minder zur Kasse – direkt und indirekt, letzteres durch die Liaison mit seinem hinterhältigen Kompagnon Jacques, der ihn in den Bankrott treibt.

So ist Marcel das geheime Umspannwerk, in dem die ökonomischen und erotischen Drähte zusammenlaufen – und durchglühen. Marcel, gestresst, genervt, verzweifelt – das Opfer der Frauen? Sie, die Rächerinnen ihrer Unterdrückung? War's gar ein Suizid? So gelenkig ist der Alte nicht. Catherine, das jüngere Töchterlein, bei Darstellerin Rosa Alice Abruscato aufmüpfig, burschikos, ein bisschen unheimlich und zu allem fähig, hat sich seiner angenommen. Was das heißt? Wird nicht verraten.

Und singen können sie auch noch

Und überhaupt: Die gegenseitigen Ermittlungen fördern nichts Sachdienliches zur Tat zutage, dafür ein Panoptikum der Heuchelei, Verlogenheit und verhohlenen Lebenslust hinter Tabus und tütteliger Moral. Aber die Pilatus-Frage – Was ist Wahrheit? – bleibt ungeklärt. Eingeständnisse können taktische Täuschung, Bezichtigungen bare Lüge sein. Und ob Catherine am überraschenden Ende tatsächlich die Wahrheit spricht?

Die Geburt der Krimikomödie aus dem Geiste des absurden Theaters ist in Engels Regie ein präzis und witzig pointiertes Vergnügen. Su Sigmund beherrscht die Sprache aussagekräftiger Kostüme bis hin zur wundersamen Wandlung der toxischen Augustine in eine kitschige Tüllprinzessin. Als Bühnenbildnerin lässt Sigmund genau hinsehen: überm Kamin die Außenansicht einer Fabrikantenvilla – irgendwo muss die Kohle ja herkommen. Hinter Doppeltreppe und Sofa eine surreal vergrößerte Blumen- und Vogeltapete als Zeichen, dass hier etwas unter die Lupe genommen wird: nicht nur eine Kriminalgroteske, sondern eine Gesellschaft.

Und wer war's nun? Schuld war nur der Bossa Nova. Mögen die Damen geifern und keifen und sich durchaus an die Gurgel gehen: Wenn die Musi dazwischenfährt, herrscht einträchtiges Wippen, Schwingen, Tänzeln und Singen in wunderschönem Karaoke-Stil (musikalische Leitung: Felix Meyerle). Liedgut von Gilbert Becauds "Nathalie" bis Cole Porters "Die Herren pfeifen auf Liebe gern", von Otis Reddings "Respekt" bis Cy Colemans "Big Spender" formiert Solo- und Background-Vocals, ob's nun passt oder nicht. Eben wunderbar absurd.


"Die acht Frauen" im Alten Schauspielhaus Stuttgart – weitere Vorstellungen bis 24. Januar, Infos und Tickets hier.

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