"Vom Ernst allein wird niemand stark und hell", meint Timo Brunke. Foto: Joachim E. Röttgers

"Vom Ernst allein wird niemand stark und hell", meint Timo Brunke. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 221
Kultur

Multimedia-Opernball

Von Gastautor Timo Brunke
Datum: 24.06.2015
Kunst ist Herz. Sie ist Leidenschaft. Sie kann nicht "mal eben" erlernt werden, sondern braucht Zeit. Timo Brunke ist einer der Künstler, die "Kulturelle Bildung" an Schulen lehren, und er kämpft dafür, dass sie als das erkannt wird, was sie ist: Element eines erfüllten Lebens. Und nicht nur hübsches Beiwerk.

Seit über 15 Jahren reise ich auf Einladung von Schulen und Bibliotheken durch die Lande, mit Sprachspielen und Texten im Gepäck. Aber ich kann bis heute, nach Hunderten von Schulbegegnungen in der Rolle des Impulsgebers, nicht erkennen, dass die Schule als Institution sich besinnen würde, wie sie selbstverständliche musische Fähigkeiten und kulturelle Verhaltensweisen in der Sekundarstufe fördern will. Spätestens mit dem Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe verliert sich der Anspruch, Grundlagen wie Zuhören, Rhythmus, Singen, Rezitieren, Tanz oder Musizieren als Alltagspraxis zu verstetigen. Die Lehrer müssen Wissen vermitteln – während das Liederbuch im Regal verstaubt.

Aber was spricht denn gegen ein Trommel-Projekt an einer Werkrealschule im Brennpunkt, in der schon seit Jahren kein Musikunterricht mehr stattfand? Dietrich Heißenbüttel hat die Probleme und Hintergründe des Konzepts und der Praxis der Kulturellen Bildung in der Kontext-Ausgabe 188 ("Glückliche Gesichter") aufgeführt: Wirtschaftsverbände sorgen sich darum, auch in der Zukunft genügend taugliche Auszubildende zu finden.

Tanzprojekt an der Stuttgarter Friedensschule. Foto: Reiner Pfisterer
Tanzprojekt an der Stuttgarter Friedensschule. Foto: Reiner Pfisterer

Auch Politiker stutzen, wenn sie sich die Bildungsbiografien sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler ansehen: Irgendetwas fehlt zum gewünschten Ergebnis. Aber was? Es fehlt die Muße.

Ein Film war es, der die Kulturelle Bildung, die sich so sperrig anhört, populär gemacht hat: "Rhythm is it" ist sein Titel. Ein Dokumentarfilm über ein opulent bestücktes Tanz-und-Musik-Projekt mit Berliner Schulen, den Berliner Philharmonikern und dem charismatischen Tanzlehrer Royston Maldoom machte der Erwachsenenwelt klar, woran es der Schule mangelt: an Räumen für künstlerische Selbsterfahrung. Der Film wurde 2004 ausgestrahlt. Damit begann das Wort "Kulturelle Bildung" die Runde zu machen.

Als Künstler schüttle ich den Kopf

Dabei wurde zu der Zeit keinesfalls das Rad neu erfunden. Die vom Reformwillen der Siebzigerjahre geprägte Jugendarbeit hat mit ihren Mitteln viel erreicht: Jede Waldorfschule ist ein stehender Beweis für die Attraktivität musischer Verantwortung. Nun sollte in den Augen vieler Wirtschaftslenker und Bildungsverantwortlicher dieses Desiderat in den Staatsschulen flächendeckend etabliert werden.

Aber anders als beim Kita-Ausbau war man sich klar darüber, dass das Fachpersonal – die freien Künstlerinnen, Künstler – in benötigter Menge nicht zur Verfügung stand. Auch war und ist Geld – etwa für dauerhafte Künstlerstellen an allgemeinbildenden Schulen – nicht vorgesehen. Aber so, wie "Rhythm is it" es zeigte, genau so schien es machbar, die seit Jahrzehnten immer weiter ausgedünnten musischen Fächer an den Staatsschulen zu ersetzen: durch Projekte. Und das ist heute noch die Praxis. Doch geht diese Rechnung auf?

Als Künstler schüttle ich den Kopf: Wie soll ein dreiwöchiger Workshop, mit einem freien Tanzlehrer und von Dutzenden Unterbrechungen geprägt, das Leben verändern? Eine achte Klasse im Hallschlagviertel bleibt sich selbst treu, wenn der Tanzpädagoge mangels Deputat wieder weiterzieht.

Ich habe an der Friedensschule im Stuttgarter Westen sechs Jahre damit zugebracht, zu verstehen, was es braucht, um künstlerisches Arbeiten in einer ganz normalen Staatsschule zu verankern. Wunderbare Begegnungen und Kooperationen haben dort mein Leben bereichert. Ich habe zwei Deutschlehrerinnen kennengelernt, die bereit waren, alles hinter sich zu lassen, was sie an der Hochschule gelernt hatten – um dann die künstlerischen Maximen Schritt für Schritt mit ihren Methoden und Kenntnissen zu verschwistern. Aber das braucht Zeit.

Auf Bildern sieht leicht aus, was viel Zeit und Mühe in Anspruch nimmt. Foto: Reiner Pfisterer
Auf Bildern sieht leicht aus, was viel Zeit und Mühe in Anspruch nimmt. Foto: Reiner Pfisterer

Vor diesem Hintergrund kann ich die oft nicht langfristig angelegten Projekte der sogenannten Kulturellen Bildung nicht als das sehen, als was sie gelten möchten. Diese Projekte liefern unentwegt schöne Abschlussberichte, Dokumentationen voll glänzender Augen und klatschender Auditorien. Alles ist gut auf diesen Fotos. Aber der Deutsche Arbeitgeberverband täuscht sich, wenn er glaubt, das Wesen der Kunst und der musischen Bildung damit verstanden zu haben und zur Tagesordnung übergehen zu können. Er hat die Schulreife aus ökonomischen Motiven heraus um ein Lebensjahr heruntersetzen lassen. Allein diese Maßnahme zeigt, wie wenig er von Rhythmus versteht. Er möge sich über so manch mangelndes Taktgefühl heranwachsender ArbeitnehmerInnen nicht wundern.

Event statt Bildungserlebnis

Es fehlt an Muße in der Welt. Spiel, Gemeinschaft, Fantasie, seelischer Reichtum können nicht gemessen und nicht direkt genutzt werden. Also kommen sie in den Bildungsplänen nicht vor. Und mit dem Ende der allermeisten Projekte versackt die Werkrealschule vor Ort wieder in den alten Trott.

Die Krise der musischen Grundversorgung hat mit unserem mangelnden Verständnis für Gegenwart zu tun. Die Erwachsenen leben so sehr in der Zukunft, dass sie ihren Kindern und Jugendlichen alles Gegenwärtige nur noch unter der fluffigen Haube des Events bieten können. Der Event: die Absage an alle leisen, kleinschrittigen, stetigen Bildungserlebnisse (wie sie eine inspirierte Grundschullehrerin auch heute noch im Repertoire haben kann).

So ernst ist die Schulzeit, und so ernst die Frage nach der Zukunft, dass das zweckfreie Spiel darunter leidet. Das Spiel, von dem Johan Huizinga in seinem epochalen Werk "Homo ludens" schrieb, dass es die Wiege aller menschlichen Kultur sei. Die Schule als Institution wurde in den letzten Jahren dazu genötigt, weitere Spielräume im Bewusstsein zu schließen. Angesichts des globalen Wettbewerbs wagt es hierzulande kein Ministerium und keine Stiftung, der Autorität eines bestimmten Phantasmas von Zukunft ins Gesicht zu lachen. Das Maskottchen dieser Zukunft, die um alles in der Welt zu meistern ist, ist ein offener, dunkler Schlund. In diesen Abgrund droht jeder zu fallen, der nicht lesen, schreiben und rechnen kann.

Aber vom Ernst allein wird niemand stark und hell.

Darum wurden wir Künstler gerufen: Denn wir spielen, und zwar professionell. Wir haben gelernt, über diesen Zukunftsschlund hinwegzuspringen und eine Gegenwart zu erschaffen – ob als Maler, Tänzerin, Musikerin oder Autor. Keiner zweifelt mehr daran, dass der Mensch die Kunst zum Leben braucht. Aber dass das zweckfreie Spiel, die Muße, die im Unterricht vorgebrachte Anekdote eines Lehrers aus dem echten Leben – dass es die kleinen Gesten und Auszeiten sind, die dafür die Grundlagen legen, das weigert sich die Arbeitswelt anzuerkennen.

Für die IHK mag Kultur etwas sein, was man in einer Petrischale binnen weniger Tage sehen, messen und verwerten kann. Wir Künstler wissen, wie lange es braucht, um sich die Kompetenzen und Haltungen zu erarbeiten, die uns auf dem freien Markt überleben lassen. So sieht man unsere Skills: unseren langen Atem, unsere Risikofreude, unser Selbstvertrauen, unsere Empathie – und hält sie für erstrebenswert. Wir sollen der Schule liefern, was wir können – Kultur-Lieferando sozusagen.

Kulturelle Bildung darf kein "Kultur-Lieferando" sein. Foto: Joachim E. Röttgers
Kulturelle Bildung darf kein "Kultur-Lieferando" sein. Foto: Joachim E. Röttgers

Aber Meral, Bulud und Zeynab, Samreen, Samir und Korab können das von uns Freien nicht lernen. Dafür sind und bleiben ihre Lehrerinnen und Lehrer zuständig. Hier stehen die Politiker und die Wirtschaftslenker in der Verantwortung. Wir sollten ihnen die Droge der Kulturellen Bildung entziehen und es ihnen klar und deutlich vermitteln: Das Selbstverständliche muss wieder selbstverständlich werden. Schule selbst muss wieder eine Sphäre des Erlebens werden. Das Rastern und Evaluieren muss sich bescheiden lernen. Die Pädagogen müssen in ihren eigenen musischen Anlagen wertgeschätzt werden.

Auf Grundlage musischer Grundbildung in jeder Schule und in jeder Klasse; durch die Klassenlehrerin, den Musiklehrer, den Kunstlehrer, die Deutschlehrerin, den Sportlehrer kann sich alles Weitere ereignen, bis hin zum ultimativen Abschluss eines gigantomanischen, spartenübergreifenden Multimedia-Opernballs.

Info:

Von Freitag, 26. 6. bis Samstag 27. 6. findet mit viel Musik, Spielen und Workshops im "Ost – freie Szene im Deport" in der Landhausstraße 188/1 das Manifestival statt, das "Symposium zur Kulturellen Bildung mit Praxisblick". Mehr dazu finden Sie unter diesem Link.


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