Ausgabe 220
Kultur

Massaker und Völkermorde

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 17.06.2015
Die Akademie Solitude in Stuttgart und das ZKM in Karlsruhe haben die Politisierung der Kunst in den letzten 25 Jahren maßgeblich vorangetrieben. Beide feiern dieses Jahr ihr Jubiläum. Das ZKM mit einem großen Tribunal gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts.

Seit 25 Jahren gibt es in Stuttgart die Akademie Schloss Solitude, das größte Stipendiatenhaus Europas. Und seit 25 Jahren das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, untergebracht im 100 Jahre alten Bau der seinerzeit größten Waffen- und Munitionsfabrik Europas: mit zwei Museen und einer Reihe von Instituten die wohl größte Kunstinstitution des Landes. Beide hätten auch schon im Vorjahr feiern können, je nachdem, wovon man ausgeht: vom Gründungsbeschluss oder von der Inbetriebnahme. Das wäre völlig gleichgültig, fiele der Zeitpunkt nicht mit dem folgenschwersten Einschnitt der jüngeren Weltgeschichte zusammen: dem Umbruch von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung.

Sinnfälliger wird dies im Fall einer anderen, ebenfalls 1989 gegründeten Kunstinstitution in Berlin: Die Kongresshalle, 1956 auf Initiative der amerikanischen Außenministerin Eleanor Dulles gen Ostberlin weisend als "Leuchtfeuer der Freiheit" erbaut, wird nach Einsturz durch Materialermüdung und Wiedererrichtung zum Haus der Kulturen der Welt (HKW). Ein besonderer Fokus galt anfangs China und Südafrika: Die Ausstellung "China Avantgarde!" 1993 ging zurück auf eine gleichnamige Ausstellung 1989 in Peking. Nach der Niederschlagung des Aufstands auf dem Tian'anmen-Platz war es dort allerdings mit der künstlerischen Freiheit vorbei.

1996 feierte das HKW das Ende der Apartheid mit der großen Ausstellung "Colours". Seit dem Aufstand von Soweto war die Kunst im Apartheidstaat durch die Bank politisch, wie sich in Sue Williamsons 1989 in New York erschienenem Buch "Resistance Art in South Africa" nachlesen lässt. William Kentridge zum Beispiel, heute im weltweiten Ranking unter den zwanzig bekanntesten Künstlern, hat seine charakteristischen Kohlezeichnungen ursprünglich als Bühnenhintergründe für die Handspring Puppet Company entwickelt, eines der Zentren der oppositionellen Kulturproduktion im Apartheidstaat.

Radikale chinesische Kunst in Stuttgart

Genau dieselben globalen Entwicklungen zeigten sich zur selben Zeit aber auch in Stuttgart. Huang Yong Ping, einer der radikalsten chinesischen Künstler, war nach den Ereignissen auf dem Platz des himmlischen Friedens in Europa geblieben. 1992/93, also im Vorfeld der Berliner Ausstellung, war er Stipendiat der Solitude-Akademie. Weithin bekannt wurde er, als er Bücher zur chinesischen und europäischen Kunstgeschichte in die Waschmaschine steckte.

2001 war Huang erstmals wieder nach China eingeladen. Doch sein mit 50 000 Euro dotiertes Projekt wurde sogleich wieder gecancelt. Huang hatte ein kurz zuvor mit einem chinesischen Abfangjäger kollidiertes amerikanisches Spionageflugzeug im Maßstab eins zu eins nachbauen wollen. Bevor die Chinesen die Überreste an die USA zurückgaben, nahmen sie sie genau unter die Lupe. Die chinesischen Behörden sagten ab, allerdings weil auf Druck der USA Frankreich intervenierte, dessen Staatsbürger Huang inzwischen war.

Eine der radikalsten Ausstellungen, die es jemals im Württembergischen Kunstverein gab, zeigte zugleich erstmals das Werk eines Solitude-Stipendiaten. Orangefarbene Kunststoffsäcke, wie sie zum Abtransport von Leichen in Katastrophengebieten verwendet werden, hingen in zwei Reihen in der Mitte des Saals, wie Schweinehälften in einer Metzgerei. In die Kuppel des Kunstgebäudes projizierte Kendell Geers, ein Südafrikaner burischer Abstammung, Standbilder aus Fernsehfilmen, die den Moment einer Erschießung festhalten. Als Einladungspostkarte druckte der Künstler, der zur selben Zeit auf der Documenta Aufnahmen von Sicherheitsanlagen an südafrikanischen Eigenheimen ausstellte, ein Foto der Justizvollzugsanstalt Stammheim.

Solche radikal politische Kunst wäre im Westeuropa der Nachkriegszeit lange undenkbar gewesen. Nach Immanuel Kants Formel vom "interesselosen Wohlgefallen" sollte Kunst autonom, also nicht fremdbestimmt sein. Nach der Verfemung der Nazizeit avancierte moderne Kunst zum Symbol der Freiheit schlechthin – mit einem deutlichen Fingerzeig in Richtung des kommunistischen Osteuropa. Der von der CIA 1950 gegründete Kongress für kulturelle Freiheit trug mit dazu bei, dass sich im Westen fortan weniger die Politik aus der Kunst heraushielt als vielmehr die Kunst aus der Politik. Kunst: das waren nach Möglichkeit abstrakte Werke der Malerei oder Bildhauerei, im "White Cube" des Ausstellungsraums hübsch gerahmt an der Wand oder auf den Sockel gehoben. Die Documenta-Stadt Kassel und Westberlin waren Frontstädte im Kalten Krieg.

Der Fall des Sozialismus befreit auch die Kunst

Auch wenn es vor allem nach 1968 auch Gegenrichtungen gab: Wirklich zu ändern begann sich dies erst nach 1989. Zum einen war das Gegenüber, der sozialistische Realismus, verschwunden. Zum anderen gehörten der Kunstwelt, die sich bisher als "Westkunst" definiert hatte, nun plötzlich auch Künstler an, die aus Osteuropa und allen anderen Teilen der Welt stammten. Zur Zeit der Eröffnung der Solitude-Akademie war die Berliner Mauer gerade gefallen. Zur allerersten Generation der Stipendiaten gehörten der Maler Neo Rauch, der Schriftsteller Durs Grünbein und der Komponist Helmut Oehring, die heute alle drei zu den bekanntesten Künstlern ihres Metiers zählen und sich damals auf ihrer ersten Westreise befanden.

Mit der Politik des Staatssozialismus wollte Neo Rauch natürlich nichts zu tun haben. Aber sein Hintergrund ist ein ganz anderer als bei westdeutschen Kollegen. Seine Bilder wirken verrätselt. Und doch deutet der Titel "Ordnungshüter" des Gemäldes in der Stuttgarter Staatsgalerie etwas an. Aus dem eigenen Ankaufsetat hätte sich das Museum das Bild nicht leisten können – das Gemälde ist eine Schenkung des Sammlerpaars Ute und Rudolf Scharpff. Rauchs Figuren scheinen von Bildern aus der Zeit der Französischen Revolution irgendwie in die Gegenwart gestolpert und durcheinandergeraten zu sein.

Für die Solitude-Akademie folgte auf die Reisestipendien eine aktive Zusammenarbeit mit Aufbauhilfe für Kunstinstitutionen in Osteuropa. Durch ein Solitude-Stipendium fand der nigerianische Lyriker Ogaga Ifowodo, als Repräsentant der "African Lobby for Democracy" in seinem Land bedroht, kurzfristig in Stuttgart Asyl. Als die Spekulationen der Hedgefonds 2001 Argentinien in den Abgrund stürzten, stellten zwei Designer aus Buenos Aires in die Fenster der Akademiegebäude Schwarzweißfotos von Menschen, die in eine prekäre Situation geraten waren. Titel: Lachen auf Anfrage. Der Direktor der Akademie, Jean-Baptiste Joly, setzte sich vehement dafür ein, ausnahmsweise auch Sonntagsbesucher auf Solitude mit solchen Bildern zu konfrontieren.

Alles ist politisch

"Bei uns ist alles politisch", sagt Joly heute: "Ob die Stipendiaten ihr Land verlassen dürfen, ob sie von der deutschen Botschaft ein Visum bekommen, ob sie länger als die Zeit des Stipendiums in Deutschland bleiben oder in ihre Heimat zurückdürfen – dies sind die grundsätzlich politischen Fragen, aus denen der Solitude-Aufenthalt für die Stipendiaten und für die Mitarbeiter besteht. Die Stipendiaten diskutieren offen, unter sich und mit dem Team, die politischen Fragen, die sich in ihrem Land stellen, ob in den USA, in Palästina, im Kongo oder in Indien."

Während ihrer Zeit auf Schloss Solitude planten die Stipendiaten John Jordan und Tony Credland ein Buch unter dem Titel "wir sind überall. weltweit. unwiderstehlich. antikapitalistisch". Laut Naomi Klein "das erste Buch, das die sprudelnde Kreativität und das radikale Denken der weltweiten Protestbewegungen wahrhaftig einfängt und darstellt". So viel Radikalität war bei der Gründung der Akademie noch nicht vorgesehen: Solitude-Akademie und ZKM sind eher späte Einrichtungen aus der Ära des kunstsinnigen Ministerpräsidenten Lothar Späth und des Kunstbooms der 1980er-Jahre. Wie Joly war allerdings Peter Weibel, ein in Odessa geborener Medienkünstler und seit 1999 Direktor des ZKM, schon immer ein politisch denkender und handelnder Mensch. Als Kurator hatte er 1996 in Graz mit der Ausstellung "Inklusion:Exklusion" erstmals die postkoloniale Weltordnung thematisiert. Seit 2007 gilt der Globalisierung auch ein Schwerpunkt der Arbeit des ZKM. Das Jubiläumsjahr steht nun unter dem Titel Globale.

Zur Einführung in das Programm der Globale veranstaltet Weibel nun vom 19. bis 21. Juni ein "Tribunal gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts", nach dem Modell des Russell-Tribunals gegen die amerikanischen Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg, aber auch nach den Nürnberger Prozessen, Franz Kafka und Samuel Beckett. Auf der Anklagebank sitzen Adolf Eichmann, Stalin und Mao, ebenso wie die Jungtürken für den Völkermord an den Armeniern und die Deutschen wegen des Völkermords an den Herero und des Maji-Maji-Kriegs im heutigen Tansania. Unter Anklage stehen auch die Ursachen für Flucht und Vertreibung und die Zerstörungen durch Wachstumsideologie und Globalisierung.

Bei einem solchen Rundumschlag besteht immer die Gefahr blinder Flecken. Was ist mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki? Werden Ruanda, das Pol-Pot-Regime oder der Putsch gegen Salvador Allende zur Sprache kommen? Es geht um Genozid, aber auch um Umweltverbrechen. Wo fängt das an und wo hört es auf?

Es ist der Hausherr Peter Weibel selbst, der hier Bilanz ziehen will: auch mit einer 360-Grad-Projektion im Panorama-Lab des ZKM, die "Massaker, Völkermorde, Bürgerkriege, Attentate und Terroranschläge" des 20. Jahrhunderts in Wort und Bild vor Augen führt. Zum Auftakt des 300. Stadtjubiläums erinnert das Tribunal auch an die Funktion Karlsruhes, dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts, als "Residenzstadt des Rechts".


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Ausgabe 428 / Knallharte Regeln! / Peter Grohmann / vor 23 Stunden 53 Minuten
Lieber Jörg Taus, danke.











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