KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Oberstratege Donald Trump

Handel durch Klimawandel

Oberstratege Donald Trump: Handel durch Klimawandel
|

Datum:

Es klingt verrückt, aber stellen Sie sich mal vor, die USA wären gar nicht so doof. Zumindest nicht zu doof, um den Klimawandel zu verstehen. Stattdessen kalkulierten sie die Folgen ein und griffen deshalb nach Kanada und Grönland. Das wäre ja ein Ding, meint unser Kolumnist.

Mit Winfried Kretschmann endet auch das Zeitalter der Grünen. Okay, die Grünen sitzen immer noch in sieben Landesregierungen oder so, aber so ein zumindest gefühlt wahrer Feuilletonsatz donnert als Einstieg einfach herbe geil rein. Verfehlt wär’s indes, die grüne Mission als gescheitert zu betrachten. Die Flaschen von der FDP gab man ja auch nicht ins politische Altglas, weil die Bevölkerung endlich ein Einsehen in die Notwendigkeit staatlicher Umverteilungsmaßnahmen gehabt hätte.

Im Gegenteil: Es bedarf des Angebots der Lindner-Liberalen schlicht nicht mehr, weil die Neoliberalisierung längst sämtliche Lebensbereiche erschlossen hat. Ebenso überflüssig erschiene eine Partei, die das Frauenwahlrecht fordert oder eine bessere E-Scooter-Versorgung in deutschen Innenstädten.

Im Gegensatz dazu hat der Klimaschutz keineswegs sämtliche Lebensbereiche erschlossen. Bei den meisten beschränkt er sich darauf, im Supermarkt die Paprika ohne Verpackung aufs Band zu legen und im Thailandurlaub den Kopf ob der ubiquitären Plastiktüten zu schütteln.

Doch durch den US-Präsidenten und seine Audi-A8-Außenpolitik, also das aggressive Auffahren in der Straße von Hormus samt Überholvorgang auf dem völkerrechten Fahrstreifen, steht die Bundesrepublik womöglich vor einem Durchbruch: Angesichts der Spritpreise linsen dieser Tage auch die letzten Verbrennerpenner neidisch zum Nachbarn mit dem E-Auto. Der Sack lädt bei günstiger Witterung mitunter sogar zu negativen Strompreisen, bekommt also auch noch Geld fürs Tanken. Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Elektrifizierung.

Selten ist's, dass Trump jemanden elektrisiert, aber bei den Deutschen scheint’s zu klappen. Die Grünen schulden Donald dialektischen Dank. Wohnungsmieter wie unsereiner, die weder eigene Solardächer noch private Autolademöglichkeiten haben, stehen zwar angeschmiert da, aber das sind wir ja gewohnt. Mit Ausnahme des deutschen Wirtschaftsministeriums von Gaserina Reiche findet fast überall ein Umdenken statt. Lange hat’s gedauert, aber der mit sämtlichen Zeichen des Entsetzens auf die Zapfsäule gerichtete Blick lässt den Groschen allerorten fallen: Mittels Wärmepumpe, Batteriespeicher und Windrad wird man zusehends unabhängig von Öligarchen. 

Die Krise als Chance – für Milliardärsmuchachos

Darüber, dass Frau Reiche nicht einmal diese Binse begreife, lässt sich als Satiriker trefflich witzeln. Aber auch untrefflich. Zum Beispiel so: Welche Pastaform mag Katherina Reiche am liebsten? Fossili! Selbstredend liegt es bei der Gaslobbyistin allerdings nicht am Intellekt, sondern am Willen. Sie hat kein Interesse an deutscher Unabhängigkeit durch Solar- und Windenergie, weil sie anderen Mächten dient. Dem Niveau der Diskussion täte diese Einsicht gut. Stattdessen lacht man sich scheckig über ihre vermeintliche Blindheit. Die deutsche Debatte sitzt in Platons Höhle und gackert, weil die Schatten ja wohl einen Schatten haben. 

Ähnlich ulkt man über den US-Präsidenten. Der schade sich doch mit seiner Politik sogar selbst. Dass es für den MAGA-Messias ein Ärgernis darstelle, die eigenen Wähler durch erstens Krieg und zweitens gestiegene Energiepreise zu vergrätzen, mag glauben, wer allen Ernstes annimmt, der Mann gebe auch nur einen halben Pfifferling auf die Sorgen einfacher Leute und sei nicht ausschließlich am Wohl seiner Milliardärsmuchachos interessiert. Denn es gerät ja gern mal aus dem Blick: Eine Ölkrise ist keine Ölkonzernkrise. Wir Ottomotornormalverbraucher halten uns benzinbetrübt oder dieseldepressiv die Zapfpistole an die Schläfe, aber die amerikanischen Öl- und Gaskonzerne rechnen mit zusätzlichen 60 Milliarden Dollar. 

Wahrscheinlicher scheint daher doch eine andere Analyse: Die inkriminierten Politikerinnen und Politiker verstehen das alles sehr wohl. Mehr noch: Sie begrüßen es. Ja, auch den Klimawandel. In dem sehen sie eventualiter einfach mehr Chancen als Risiken. Diesbezüglich augenöffnend ist die Forschung des Politikwissenschaftlers Michael Albertus, der unter anderem in seinem Buch "Land Power: Who Has It, Who Doesn’t, and How That Determines the Fate of Societies” die neue Phase territorialer Expansion im Lichte des Klimawandels betrachtet.

Grönland ergrünt

Drum sitzen in Washinton womöglich gar keine Doofis, man setzt dort vielmehr auf das Konzept "Handel durch Klimawandel". Um mit einem großen deutschen Philosophen zu sprechen: "Krise kann auch geil sein!" (Fynn Kliemann). Und die vermutlich größte Krisenchance heißt Grönland.

Wo bislang bitterkalte Tundra herrschte, wachsen im Jahr 2100 wohl Wälder und Wiesen. Landwirtschaft im großen Stil entsteht. Die Niederlande gehen unter, die Sahelzone verbrennt, aber die größte Insel der Welt erwacht zum Leben. Daher das Interesse von Investoren und Invasoren. Die 55.000-Einwohner-Scholle ist sozusagen der Klimaanlagenhersteller unter den Ländern.

Gleiches gilt für Kanada, das laut Michael Albertus mit gut anderthalb Millionen Quadratkilometern Zuwachs an urbarem Land rechnet. Land, das irgendwer bewirtschaften muss. Weil Kanada aber nur 40 Millionen Einwohner hat, haben kanadische Politiker und Geschäftsleute bereits 2014 die "Century Initiative" gegründet, um die Bevölkerung bis zum Jahr 2100 auf mehr als 100 Millionen aufzustocken.

Für manche Regionen steht beim Klimawandel also unterm Strich nicht unbedingt ein Minus. Der Gedanke ist zynisch eingedenk des kommenden Leids. Hitzewellen, Naturkatastrophen, zusammenbrechende Lieferketten, Hunger, Ressourcenkriege. Allein: In der internationalen Politik bilanziert man anders. Es zählt nicht, wie es der Welt absolut geht. (Sonst wäre sie längst eine andere.) Relevant ist, wie einzelne Länder im Vergleich zu den restlichen dastehen. Hier regiert das Prinzip: Ich muss nicht schneller laufen als der Löwe, ich muss nur schneller laufen als du. Sich selbst den Arm abzuschlagen, wenn der andere dafür zwei Beine verliert, ist geopolitisch ein brillanter Deal.

So sieht vorausschauende Politik aus

Drum möchte ich den Kapitalismus auch gegen die gern von Fridays for Future und Konsorten geäußerte Kritik verteidigen, es gehe ihm stets nur um kurzfristiges Profitstreben. Planungen bis ins Jahr 2100 sind ja wohl nicht kurzfristig.

Noch bedeutender als Agrokultur und die vermuteten Rohstoffschätze im grönländischen Boden dürfte die Schifffahrt werden: Das schwindende Eis sorgt für Routen, die Kanada und Grönland qua ihrer Lage enorme Macht im weltweiten Schiffsverkehr zuschanzen. Der Suezkanal, heute Nadelöhr der Weltwirtschaft, ist dann nur noch eine alte Bundesstraße, neben der eine neue Autobahn eröffnet. 

Falls Sie sich jetzt fragen: Schön für Kanada und Grönland, aber was hat das mit den USA zu tun? Dann haben Sie die letzten 250 Jahre vermutlich tiefgefroren im Permafrost vegetiert. Denn was für Kanada und Grönland gilt, gilt freilich auch für Russland, das mit seinem Öl- und Gasexport sowohl von den Ursachen wie den Folgen des Klimawandels profitiert. (Sofern man absieht von sibirischen Waldbränden, einstürzenden Gebäuden auf schmelzendem Permafrostboden und darunter schlummernden, uralten Viren.) Und wo Russland Profite wittert, sind die USA nicht weit.

Die US-Amerikaner verlieren im "Drill, Baby, Drill"-Wahn zwar Kalifornien an die Waldbrände und Florida ans Hochwasser. Doch wie die Weltmacht taktiert, hat der impulskontrollverlustige Chef ja dankenswerterweise coram publico herausposaunt: Kanada werde nolens volens zum 51. Bundesstaat avancieren, Grönland gehöre ja im Grunde ohnehin den USA. Derartiges Gefasel ist eben kein Trump-Spleen, sondern logische US-Geostrategie. 

Demnach herrscht, wo andere Nationen versinken oder verglühen, man selbst aber durch Landnahme, Getreideexporte und Schiffslogistik zur Supersupermacht aufsteigen kann, vielleicht gar nicht die maximale Motivation, sich dem Klimawandel in den Weg zu stellen. Sicher: Offen räumt das niemand ein und in den Kopf kucken kann man keinem. Aber welch Movens auch immer das politische Klimaversagen bestimmt – das Problem scheint nicht, dass die Entscheider die Folgen des Klimawandels nicht ernst nähmen oder zu kurzsichtig agierten. Eher im Gegenteil.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!