Altern ist eine verrückte Sache: Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dieselbe Person, die sich mit einem Nähfaden an der Türklinke die wackeligen Beißer aus dem Kiefer gezogen hat. Vor Kurzem habe ich ein kleines Döschen aus Holz mit der Aufschrift "Milchzähne" gefunden, an das ich eine gefühlte Ewigkeit lang nicht mehr gedacht habe. Zärtlich walge ich die Minibeißer begutachtend in meiner Handinnenfläche. "That's fucking morbid", sagt mein Lieblingsspanier, dem Kinderzähneaufbewahren offenbar nicht als katalanische Kulturpraxis bekannt ist. Nostalgie ist für Loser. Trotzdem staune ich manchmal nicht schlecht, wie sich objektive und subjektive Zeit unterscheiden. Wer ich heute bin. Wer ich einmal war. Wie alle Versionen von mir in einer Metaversion zusammenmorphen. Diese metakognitive Selbstbeobachtung ist lustig, absurd und interessant: Alles fühlt sich gleichzeitig und gleichzeitig ungleichzeitig an. Als wäre alles und nichts passiert. Wie in der Politik. Alles war früher besser scheiße als morgen.
Politisiert wurde ich, als ich an die Uni ging und sich um das Jahr 2007 Vorboten von Entwicklungen abzeichneten, die sich heute in eine global eskalierte Shitshow verwandelt haben: das Elend der Agenda 2010, der Anfang des Endes der SPD, CDU-Überwachungswahnsinn mit Wolfgang Schäuble. Auch außenpolitisch war Deutschland bereits vorne mit dabei, sich unter dem Vorwand von Demokratie und Humanismus an imperialistischen Sauereien in Afghanistan zu beteiligen. Parallel dazu kochte ein Thema erstmals hoch, das heute allgegenwärtig ist: Klimapolitik. Deutschland war Gastgeber des G8-Gipfels in Heiligendamm, der mit bislang ungesehenen Eskalationen von Polizeigewalt einherging. Globalisierungskritik, Anti-Kapitalismus, Umweltbewegung, Systemkritik – ein Schlüsselmoment. Alles schien schlimmer zu werden.
Niemand von uns hatte was zu melden
In den kommenden Jahren nahm ich zum ersten Mal an Demonstrationen teil. Gegen die "Bologna-Reform". Gegen Stuttgart 21. Für Frauenrechte. Ich sah, wie Alte und Schulkinder von der Polizei getreten und gepfeffert wurden. Landete in einer kleinen Parallelwelt aus Marx-Lesekreisen, linken Hochschulgruppen und konspirativen Treffen, bei denen ab einem bestimmten Pegel in der WG-Küche zu Egotronic gegen Deutschland geravt wurde. Wir lasen viel, diskutierten viel, rauchten und tranken und waren uns einig, dass wir "Revo" machen müssen. Aber auch dass das niemanden außerhalb dieser Blase interessierte. Die Überzeugung, dass der Kern der bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnisse faul ist, traf auf gesellschaftliche Gleichgültigkeit. Niemand "von uns" saß ihm Fernsehen oder hatte irgendwas zu melden außerhalb des eigenen Mikrokosmos.
Und wenn es mal eine linke Machtfigur gab, dann vielleicht so jemanden wie Gregor Gysi: nahbar, rhetorisch brillant, immer ein Scoville schärfer – aber eben nie zu scharf für Nicht-Linke. Man wollte ja im Game bleiben. Mitspielen. Links zu sein bedeutete für mich schon immer, nicht ernst genommen zu werden. Für andere vielleicht, nicht ernst genommen werden zu wollen. Denn vor 20 Jahren ging keinerlei hegemoniale Gefahr von Linken aus und auch die parlamentarische Linke ist bis heute ein trauriger Witz. Gleichzeitig mussten Linke in den vergangenen 20 Jahren zusehen, wie sich Rechtsradikale wieder zur Volkspartei normalisierten. Schlaue Linke wissen, dass das keine Betriebsstörung, sondern ein hausgemachtes Problem der bestehenden Verhältnisse ist. Dumme Linke glauben, dass sich das Problem mit einem AfD-Verbot in Luft auflöst. Auch heute fühlt es sich so an, als ob alles jeden Tag nur noch schlimmer wird. Vor ein paar Wochen hat der orangene Irre in den USA angekündigt, die älteste Zivilisation der Welt auslöschen zu wollen. In Deutschland will man bis zum Jahr 2039 die "konventionell stärkste Armee Europas" haben.
Doch parallel zur gefühlten Irrewerdung der Welt hat sich auch etwas zum Positiven verändert, das ich zu meiner Studizeit nicht für möglich gehalten hätte: linksradikale Positionen im Mainstream! Heute sitzt ein 28-jähriger Ole Nymoen ("Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde") bei "Markus Lanz", der sich optisch nicht von einem Sparkassenauszubildenden unterscheidet, und formuliert unmissverständlich Sätze im Öffentlich Rechtlichen, die ich dort so noch nie gehört hatte. Der Witz: Für mich sind sie völlig normal und schon lange wahr. Aber für die meisten eben nicht. Anzusehen wie ein junger Kerl, der über zehn Jahre jünger ist als ich, Dinge sagt, die außerhalb von kleinen linken Zirkeln bislang niemand vor der halben Bundesrepublik sagen konnte, empfand ich als kleine Zeitenwende.
Ole Nymoen, die menschliche Piñata
Und so muss es auch den schäumenden Gästen in den Talkshows gehen, denen sich Nymoen seit Erscheinen seines Buches als menschliche Piñata anbietet, wenn sie mit Zähnen und Krallen verhindern müssen, dass ihr ideologisches Kartenhaus als Exoskelett ihrer gesamten Persönlichkeit zusammenbricht. Dasselbe bei Wolfgang M. Schmitt, der es mit Filmanalysen auf YouTube zu einem reichweitenstarken Marxisten und Wirtschaftsexperten gebracht hat, mittlerweile auch im Schweizer Fernsehen oder auf ARTE stattfindet und zusammen mit Nymoen den Podcast "Wohlstand für alle" hostet, in dem sie wöchentlich alles auf den Kopf stellen, was ein naturalisierter Kapitalismus in Köpfe geschissen hat. Auch er wird aus voller Seele in Kommentarspalten gehasst von Menschen, die sich nicht eingestehen wollen, dass sie ihr Leben lang verarscht wurden. Nymoen hostet zudem zusammen mit dem Politfluencer Simon David Dressler einen Gen-Z-affinen Twitch-Stream namens "Heissa, Papa!", während Wolfgang M. Schmitt zusammen mit dem Soziologen Stefan Schulz "Die neuen Zwanziger" betreibt.
Auch wenn sich diese Stimmen nicht immer in allem einig sind, haben sie eines gemeinsam: Sie diskutieren nicht über einzelne politische Fehlentscheidungen; sie sezieren die gesamte Logik dahinter und halten sich nicht mit Symptombekämpfung und Krisenverwaltung auf. Nymoen, Schmitt und Schulz betreiben Ursachenforschung – öffentlich, zugänglich, und erstaunlich anschlussfähig. Und sie tun das nicht in verqualmten Marx-Lesekreise und abgewichsten Fachschaftszimmern, sondern als eine Gegenöffentlichkeit, die es als linksradikale trojanische Ponys in den Mainstream geschafft haben. Stellen sich Nymoen und Schmitt nicht mit bewundernswerter Stoik empörten Staatsräson-Ghouls und ihren aggressiven Abwehrreaktionen im Fernsehen entgegen, produzieren sie und ihr Kosmos in hoher Schlagzahl Streams, Podcasts, Reactions und andere Formate im Internet oder touren für Lesungen und Real-Life-Veranstaltungen durch die Republik.
Und dann gibt es auch noch Formate, die nicht im Scheinwerferlicht von Abendtalkshows stehen, aber im selben intellektuellen Ökosystem zirkulieren. Podcasts wie "Übertage" oder "99zu1" sind Teil dieses neuen linksradikalen Resonanzraums. Ihre Macher:innen sitzen nicht bei Markus Lanz auf dem Sofa oder im SRF im "Literaturclub"; aber sie sitzen über Bande mit am Tisch, greifen Argumente auf, widersprechen, vertiefen, spinnen Gedanken weiter, die dann wiederum von anderen Formaten im Diskurs-Pingpong aufgegriffen werden, das nicht zentral organisiert ist, sondern sich organisch entfaltet. Diese lose Vernetzung ist vielleicht das eigentlich Neue. Früher war man als Linke Teil einer klar umrissenen Szene. Heute existiert so etwas wie ein verteilter Diskursraum, in dem unterschiedliche Akteur:innen aufeinander Bezug nehmen, ohne sich zwangsläufig direkt zu begegnen. Man hört ein Argument hier, eine Replik aus dem Maschinengewehrlauf eines Fabian Lehr dort, eine Zuspitzung an dritter Stelle. Und plötzlich ergibt sich ein Gesamtbild, das größer ist als die Summe seiner Teile.
Geister unterm Bett
Denn was all diese durchaus unterschiedlichen Figuren eint, ist weniger eine einheitliche Ideologie als eine gemeinsame Praxis: Sie üben reichweitenstarke Fundamentalkritik. Und sie tun das vereinzelt mittlerweile in Räumen, in denen genau das eigentlich nicht erwünscht ist, was sie in eine interessante Position bringt: Sie sind gleichzeitig Teil des Betriebs und seine Störung. Eingeladen, aber als Schreckgespenst zum lustvollen Gruseln. Ghosts under the bed, die man aber jetzt nicht mehr los wird. Denn das Gespenst, das hier umgeht, hat dieses Mal Anzug und Krawatte an, sich die kulturellen Codes des Hegemons angeeignet und kann als das betrachtet werden, was Antonio Gramsci "organische Intellektuelle" nannte: politische Akteure, die auf Alltagspraxen, gesellschaftlich verbreitete Selbst- und Weltverständnisse wirken, um revolutionäre Kräfte zu mobilisieren. Und genau das passiert, wenn das trojanische Pony Nymoen die deutsche Aufrüstung und andere Spielarten der kapitalistischen Mühle nicht als alternativlose demokratiefördernde Notwendigkeit, sondern als stinkende Menschenfleischmaschine im Staatsfernsehen kritisiert. Dann kann man beobachten, wie das gesamte Arsenal reaktionärer Diskursabwehr aufgefahren wird, weil Nymoen schlichtweg einen rosa Elefanten im Raum anspricht, der sich nicht mehr übersehen lässt:
Denn der Krieg in der Ukraine, verkorkste Migrationspolitik, Sozialabbau, der eskalierte Konflikt zwischen Israel und Palästina, eine zunehmend erratische Großmachtpolitik in den USA, die den Rest der Welt mit in den Abgrund zu reißen droht, oder ein imperialistisch motivierter deutscher Aufrüstungsdiskurs: All diese zum Naturereignis erklärten Abgefucktheiten sind nur der Beweis dafür, dass das System, das bislang noch mit Schaum vorm Maul verteidigt wird, die ganzen Probleme produziert. Dass man mit Symptombekämpfung nicht mehr weiterkommt. Dass man jetzt grundsätzliche Glaubenssätze in Frage stellen muss. Dass Deutschland offenbar mittlerweile so geistig bankrott ist, dass man jetzt sogar Marxisten vor ein Millionenpublikum lässt. Wow. Ein historischer Fensterspalt, den es 1918 schon einmal gab. Der führte bekanntlich zwar nicht zur "Revo". Aber er führt jetzt dazu, dass viele Junge, die heute politisiert werden, sehen, wie die letzten Verklärer einer untergehenden Welt öffentlichkeitswirksam unangespitzt in den Boden gerammt werden. Wer wird diesen jungen Leuten in zwanzig Jahren aus dem Spiegel entgegenschauen?




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