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Rache ist Blutwurst

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Rache ist Blutwurst, so grüßt der Iraner in diesen fast sommerlichen ersten Tagen des neuen Jahres den gewöhnlichen Vertreter Nordamerikas, wenn er ihn je treffen sollte. Manche spucken freilich nur Gift und Galle. Dabei hätte es so schön werden können! Alles war unterm Teppich, und dann das! Bei der weiteren, eher theoretischen Debatte (solange man diskutiert, schießt man nicht) darf daher die Frage erlaubt sein: Was sind zum Beispiel die höchsten Kulturgüter der Perser? Gibt es nur die 52 von Trump ausgesuchten oder ist mehr da? Was ist mit dem Zeug, das im Pergamon-Museum lagert? Vieles ist ja eh schon sehr alt, könnte also weg, sagt sich der Präsident des Freien Westens. Bodenschatzmäßig wird auch nicht viel zu holen sein.

Bei uns in Württemberg wüsste man sofort, was mit Kulturgütern gemeint ist: Hans Holbein der Ältere, die Nibelungenhandschrift, die Thronende Mutter Gottes von Ittenhausen. In Polen wäre es eventuell das deutsche KZ in Auschwitz, in Berlin die Schinkelsche Wache. Je nach Abend- oder Morgenland haben die Menschen ganz unterschiedliche Kulturgüter und Ideale. Was ist ihnen wichtig? In den USA ist es der verfassungsmäßig garantierte Schusswaffengebrauch, am Tigris unten geht's mehr in Richtung Dschihad und Nikab, wie ich gelesen habe. Und: Vieles hat die Welt ja auch direkt von uns übernommen, Sarin, Tabun, die Deutsche Bank, die Impfpflicht gegen Masern ...

Der Beginn eines Jahres ist immer gern Anlass, Ihnen allen ein handfestes Glückauf zu wünschen, das alte Jahr Revue passieren zu lassen. An meine Trümmerfrau Omi Glimbzsch in Zittau zu erinnern, an vergessene Vorsätze. Zu fragen, ob man denn selbst alles richtiggemacht hat. Natürlich, sage ich da. Es gab ja gar keine anderen Möglichkeiten.

Eine jugendlich wirkende Leserin dieser Glosse wollte wissen, ob ich denn jetzt ein Kind aus Lesbos genommen hätte, eins von den 4000, um es vor Kinderschändern, Kälte und Tod zu bewahren. Nein. Ehrlich, wir haben lange rumüberlegt: Kann man sich seins aussuchen? Gibt's so was wie einen Stammbaum? Kann man das Kind, wenn es nicht guttut, zurückgeben? Wer zahlt den Transport? Würde man eher eine Afghanin oder einen netten Stupser aus Rojava nehmen? Wenn das Kind etwas größer wäre, müsste es bei uns nicht den ganzen Tag rumhängen wie in einem bayrischen Flüchtlingslager. Es könnte kleinere Einkäufe erledigen, beim Abwasch helfen, Kehrwoche und gutes Deutsch lernen, damit es mich später mal beim Wettern der Woche ablösen kann. Kurz gesagt: Es gab zu viele Wenns und Abers. Wir haben davon abgesehen. Ich schreib' selber.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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