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Das China-Syndrom

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Der Rotchinese, anders als sein Onkel in Hongkong, ist zufrieden. Wenn er Glück und Partei hat, hat er ein Auto und eine Frau und mehr als eine Handvoll Reis, kann urlauben, wo er mag und kommt zurück. Freiwillig. Er bleibt weder in Westberlin noch sonst wo, nicht mal in Hongkong, er kommt einfach zurück ins Reich der gelben Rotwesten, in den Überwachungs- und Terrorstaat. Sehr seltsam.

Vor 66 Jahren und bis heute feiern die Wessis gern den Volksaufstand in der DDR, so, als seien sie selbst am 17. Juni 1953 – Arsch hoch, Zähne auseinander – dabei gewesen, so, als hätten sie sich höchstselbst den Panzern der Roten Armee entgegengestellt, mit nix in der Hand außer Zivilcourage, und ganz so, als seien sie ziemlich beste Freunde von Hausbesetzungen, Blockaden, Streiks und brennenden Fahnen. Das war der Friday for Future der Bauarbeiter, der Hennings-dorfer Stahlkocher, der Elite der Demokratie, verraten von der Partei der Arbeiterklasse. Hut ab.

Wenn sich die Parteien mangels überzeugender Argumente momentan gegenseitig ohrfeigen, könnte man ihnen sagen: Ihr hattet genügend Zeit, genügend Geld, aber halt keinen Arsch in der Hose. "Fridays for Future" stellt daher jetzt vermutlich eine der wichtigsten Fragen der Zeit: Wie viel Ungehorsam verträgt eine Demokratie? Wie viel braucht sie, um zu überleben? Genügen Lippenbekenntnisse wie die der Regierung zum Beispiel in Sachen Rüstungsexport oder fliegt, wie jetzt, so ein Schwindel mal wieder auf? Und wie steht's mit der "Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (Henry David Thoreau, "Civil Disobedience", 1849)? Der Jubel ist immer groß, wenn auswärts die Massen gegen die Herrschenden aufstehen. Nur im eignen Land mag man's nicht.

Wenn sich vom 20. bis 23. Juni 2019 die Klimaschutz-Protestanten wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau in Aachen und im Rheinischen Revier an Bahngleise ketten, Straßen blockieren oder in die Wiesen von Garzweiler kacken, ist die Aufregung darüber gut vorbereitet, größer jedenfalls als über die Klima-Expertise, die Scheuers 20-köpfige Expertengruppe eben vorgelegt hat. Feinstaub-Emissionen werden nicht streng genug reguliert, stellen die führenden deutschen ProfessorInnen verschiedener Fachrichtungen fest. Scheuer tobt, und die Zweifler an den Grenzwerten wollen auswandern.
 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 20.06.2019
    Antworten
    Wer nicht hinschaut, kann nichts sehen (Krabat)! Danke für Ihre Beobachtungen: "Wenn sich die Parteien mangels überzeugender Argumente momentan gegenseitig ohrfeigen, könnte man ihnen sagen: Ihr hattet genügend Zeit, genügend Geld, aber halt keinen Arsch in der Hose. "Fridays for Future" stellt…
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