Ausgabe 429
Kolumne

Das China-Syndrom

Von Peter Grohmann
Datum: 19.06.2019

Der Rotchinese, anders als sein Onkel in Hongkong, ist zufrieden. Wenn er Glück und Partei hat, hat er ein Auto und eine Frau und mehr als eine Handvoll Reis, kann urlauben, wo er mag und kommt zurück. Freiwillig. Er bleibt weder in Westberlin noch sonst wo, nicht mal in Hongkong, er kommt einfach zurück ins Reich der gelben Rotwesten, in den Überwachungs- und Terrorstaat. Sehr seltsam.

Vor 66 Jahren und bis heute feiern die Wessis gern den Volksaufstand in der DDR, so, als seien sie selbst am 17. Juni 1953 – Arsch hoch, Zähne auseinander – dabei gewesen, so, als hätten sie sich höchstselbst den Panzern der Roten Armee entgegengestellt, mit nix in der Hand außer Zivilcourage, und ganz so, als seien sie ziemlich beste Freunde von Hausbesetzungen, Blockaden, Streiks und brennenden Fahnen. Das war der Friday for Future der Bauarbeiter, der Hennings-dorfer Stahlkocher, der Elite der Demokratie, verraten von der Partei der Arbeiterklasse. Hut ab.

Wenn sich die Parteien mangels überzeugender Argumente momentan gegenseitig ohrfeigen, könnte man ihnen sagen: Ihr hattet genügend Zeit, genügend Geld, aber halt keinen Arsch in der Hose. "Fridays for Future" stellt daher jetzt vermutlich eine der wichtigsten Fragen der Zeit: Wie viel Ungehorsam verträgt eine Demokratie? Wie viel braucht sie, um zu überleben? Genügen Lippenbekenntnisse wie die der Regierung zum Beispiel in Sachen Rüstungsexport oder fliegt, wie jetzt, so ein Schwindel mal wieder auf? Und wie steht's mit der "Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (Henry David Thoreau, "Civil Disobedience", 1849)? Der Jubel ist immer groß, wenn auswärts die Massen gegen die Herrschenden aufstehen. Nur im eignen Land mag man's nicht.

Wenn sich vom 20. bis 23. Juni 2019 die Klimaschutz-Protestanten wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau in Aachen und im Rheinischen Revier an Bahngleise ketten, Straßen blockieren oder in die Wiesen von Garzweiler kacken, ist die Aufregung darüber gut vorbereitet, größer jedenfalls als über die Klima-Expertise, die Scheuers 20-köpfige Expertengruppe eben vorgelegt hat. Feinstaub-Emissionen werden nicht streng genug reguliert, stellen die führenden deutschen ProfessorInnen verschiedener Fachrichtungen fest. Scheuer tobt, und die Zweifler an den Grenzwerten wollen auswandern.
 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 20.06.2019
    Wer nicht hinschaut, kann nichts sehen (Krabat)! Danke für Ihre Beobachtungen: "Wenn sich die Parteien mangels überzeugender Argumente momentan gegenseitig ohrfeigen, könnte man ihnen sagen: Ihr hattet genügend Zeit, genügend Geld, aber halt keinen Arsch in der Hose. "Fridays for Future" stellt daher jetzt vermutlich eine der wichtigsten Fragen der Zeit: Wie viel Ungehorsam verträgt eine Demokratie? " Sie stellt die Gretchenfragen!

    Heute zu Fronleichnam habe auch ich mich gefragt, was die Katholische Kirche eigentlich feiert? Das habe ich heute gefunden:
    „Der letzte Staufer, der Enkel Friedrich Barbarossas und Sohn Heinrichs VI. hatte wie seine Vorfahren eine hohe Auffassung von den Rechten und Pflichten seines Amtes. Die kaiserliche Gewalt leitete sich unmittelbar von Gott ab, wurde also nicht vom Papst verliehen, der sich diese schnöde erschlichen hatte. Als Erbe des Augustus übte das Oberhaupt des Imperiums eine Vorherrschaft über alle politischen Gebilde der Christenheit aus; dieser Primat gehörte somit nicht dem Papst.
    Die Verantwortung des Kaisers umfasste auch die Aufsicht über die Kirche in seinem Herrschaftsgebiet. Dem Papst blieb bei dieser Machtverteilung wenig mehr als die Lehrhoheit und die moralische Kontrolle des Klerus; selbst innerhalb des Patrimonium Petri war seine Herrschaft durch kaiserliche Rechte eingeschränkt.“
    Quelle: Pontifex Die Geschichte der Päpste
    von Volker Reinhardt C.H.Beck 2017 ISBN 978 3 406 703812 2 S.346 f.

    Das Fest der leiblichen Gegenwart Christi in der Eucharistie wurde erstmals 1246 im Bistum Lüttich in der Basilika St. Martin gefeiert und 1264 von Papst Urban IV. durch die Bulle Transiturus de hoc mundo zum Fest der Gesamtkirche erhoben. Auslöser dieser Entscheidung war das Blutwunder von Bolsena, das von ihm im Jahre 1263 als echtes Wunder anerkannt worden war. Unter anderem schrieb Urban IV.:
    „Wir haben es daher, um den wahren Glauben zu stärken und zu erhöhen, für recht und billig gehalten, zu verordnen, dass außer dem täglichen Andenken, das die Kirche diesem heiligen Sakrament bezeigt, alle Jahre auf einen gewissen Tag noch ein besonderes Fest, nämlich auf den fünften Wochentag nach der Pfingstoktav, gefeiert werde, an welchem Tag das fromme Volk sich beeifern wird, in großer Menge in unsere Kirchen zu eilen, wo von den Geistlichen und Laien voll heiliger Freude Lobgesänge erschallen.“

    Der letzte Staufer, Konrad von Hohenstaufen (geboren am 25. März 1252 auf Burg Wolfstein bei Landshut) wurde 1267 vom Papst exkommuniziert und am 29. Oktober 1268 im Alter von 16 Jahren in Neapel enthauptet.
    Sein Wappen trägt jedes KfZ in BW auf dem Nummernschild und jeder Polizist am Ärmel! Soll das ein Trost für den Missbrauch an Kindern darstellen?

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