Ausgabe 381
Kolumne

Demokratie wagen

Von Peter Grohmann
Datum: 18.07.2018

Das Wichtigste zuerst: "Wir wollen mehr Demokratie wagen", wie das uneheliche Kind Willy Brandt alias Herbert Frahm 1969 behauptete, als es Kanzler wurde. Heute nimmt Deutschland 50 Flüchtlinge auf und beim Stuttgarter Sommerfestival der Kulturen bekommen alle, die "öffentlich" anreisen, zwei Gläser Sekt zum Preis von einem.

Wären nicht erst im Oktober 2018, sondern bereits am nächsten Sonntag Wahlen in Bayern, käme die CSU auf 39 Prozent, scharf verfolgt von AfD und Grünen mit je 14 Prozent, während die SPD mit satten zwölf und die Linken immerhin mit drei Prozent punkten könnten. In der gleichfalls gebirgigen Sächsischen Schweiz, der Heimat meiner Omi Glimbzsch, wird erst 2019 gewählt. Hinter den Bergen kann die AfD dort mit 40 Prozent rechnen, die NPD sattelt noch sieben Prozent drauf.

Falls beim einen oder der anderen jetzt Unruhe aufkommt (die erste Bürgerpflicht, so die Hoffnung von Jürgen Habermas 1958): Dort, wo der Pole keine Fahrräder klaut, sieht alles viel ruhiger aus. So Gott will und uns kein Krieg heimsucht, hätte zwar auch dort das schwarz-rote Regierungsbündnis in Dresden keine Mehrheit mehr und die Wahl, entweder die Linken oder die AfD mit ins Boot zu nehmen, um noch mehr Demokratie zu wagen. Aber woher kommts? "Es fehlt der Linken an überzeugenden Konzepten", meint wohl Sahra Wagenknecht. Doch offenbar fehlt auch der Demokratie selbst ein überzeugendes Konzept.

Vielleicht braucht man ja gar keine Opposition? Nehmen wir afrikanische Staaten, die FIFA oder Russland, da gehts auch ohne, und wir kommen trotzdem gut miteinander aus. Herr Müller sitzt ja direkt in der Bundesregierung und möchte, dass europäische Kommissare gewissermaßen die Macht in Afrika übernehmen und den anderen Schwarzen sagen, wie man richtig wirtschaftet und sich wohlfühlt zu Hause (Wohlfühl-Kapitalismus). Von 2021 bis 2027 solle die EU für Afrika 39 Milliarden Euro ausgeben, sagt Müller. Mit dem Geld, sag ich jetzt mal, könnten die Afrikaner dann Hähnchen, Getreide oder Dieselfahrzeuge und manches mehr bei uns kaufen.

Wahr ist: Als Togo noch deutsch war, 1848, mussten die Menschen jedenfalls nicht abhauen (sofern sie anständig waren). Ja, die guten alten Zeiten! Die "Neue Rheinische Zeitung" hatte 1848 eine Auflage von 60 000 Exemplaren – aber sie könnte der taz nie das Wasser reichen. Wir sehen: Fehlfarben! Geschichte wird gemacht – es geht voran. Wenn wir trotzdem nicht locker lassen: Wir brauchen keine Alternative für Deutschland, aber "drübernaus". Das hält uns wach.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle "Wettern"-Videos gibts hier zum Anschauen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Kornelia .
    am 19.07.2018
    Lieber Peter,
    Rotgrünlinks versiffte haben das Aussitzen Kohls nicht überstanden und sind zur Alternativlosigkeit verkommen!
    Und hier hat die AfD die Lücke genutzt und sich als einzige Alternative präsentiert! Chapeau!
    Und die Mitte-Linken reagieren aussitzend, beleidigt, trotzig, jammern, diffamierend und spaltend... Nicht-Chapeau!
    Für den 2.Demokratie-Kongress hatte ich vorgeschlagen:
    Welche Demokratie und wenn ja wie viele?
    Deutschland ist in der einzigartigen Situation auf mehrer Demokratien schauen zu können: Weimarer Republik, deutsche demokratische Republik und bundesrepublikanische... was war falsch, was gut, was gut gemeint aber schlecht....was sind unsere Visionen von Demokratie?
    Ein dritter Demokratie-Kongress stand nie an?
  • Peter Meisel
    am 19.07.2018
    Zur Erinnerung: Vor vier Tagen haben die Franzosen den 14. Juli 1789 gefeiert! Mit der Prise de la bastille wurden die Fürsten und Könige abgeschafft und die Republik gegründet. Danach haben sie uns noch die Menschen-Rechte erfunden und auch uns vermacht! Wir leben, dem Namen nach in einer solchen Republik?
    „Denn in den Demokratien, wo es nach dem Gesetze zugeht, ist kein Aufkommen für die Demagogen, weil daselbst die Besten aus den Bürgern die Stimmführer sind.“
    Heute lese ich hier die Zukunft zeichnet sich hier ab: "entweder die Linken oder die AfD mit ins Boot zu nehmen, um noch mehr Demokratie zu wagen." Auch die FDP überholt die SPD links und mit der AfD ergibt dies ein beängstigendes Potential: National + Sozialistisch! Das soll wieder unsere Zukunft werden?
    Das Schlimme dabei ist der Zustand Europas und 2019 sind Wahlen in Europa!!
    Der hier zitierte Jürgen Habermas hat uns am 5.7. die Augen geöffnet! Zitat:
    „"Europa brauche mehr Solidarität. Mehr gemeinsames europäisches Handeln.
    Die verzagten Sozialdemokratischen Parteien unterfordern normativ ihre Wähler.
    Der Rechtspopulismus verdankt sich vielmehr der verbreiteten Wahrnehmung der Betroffenen, dass die Eu garnicht daran denkt, handlungsfähig zu werden.
    Solidarität ist keine Nächstenliebe. Aber erst recht keine Konditionierung zum Vorteil einer Seite.
    Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten Imperativen eines weltweiten von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt.
    Das gilt erst recht für die Asylpolitik, wenn die europäischen Nationen nicht in die vergiftetet Mentalität ihrer Zeit als Kolonialmächte zurückfallen wollen."
    ergo: wer nicht hinschaut, kann nichts sehen! Danke - Peter Grohmann, Ihr Wettern ist schon wieder nicht lustig! Wann nutzen wir unser Kapital nach Marx:
    Unseren Kopf (lat. caput) mit Augen zu sehe, Ohren zu hören, Hirn zum Denken und einen Mund unsere Meinung laut zu äussern!
    So haben bereits die Römer die Republik gegründet. (nachzulesen unter Lucretia Legende)
    Das Volk, also wir müssen uns einmischen und ebenfalls wettern!

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