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Nehmt das, ihr Ökos!

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Die Menschen der Zukunft werden stolz auf uns sein. Darauf, dass wir unseren Weg bis zu Ende gegangen sind. Dass wir nie gehört haben auf die Karussellbremser, die Mahner, die Schwarzseher, die sagten: Ihr müsst Euer Leben ändern. Wir haben das Recht auf den eigenen Untergang immer verteidigt. Nehmt das, ihr Ökos.

Baden-Württemberg, 2014: Um uns herum tobt ein "Kulturkampf". So nennen das CDU und Grüne, nur wer angefangen hat, darüber streiten sie. Die Grünen wollen, dass wir öfter mal zu Fuß gehen statt mit dem Auto zu fahren. Dass wir weniger Fleisch essen, weil es in Massen ungesund ist und die Produktion nebenbei den Planeten ruiniert. Dass sexuelle Vielfalt im Schulunterricht thematisiert wird. Die CDU will ihre Ruhe. Was gibt es schöneres, als ein Leberkäsweckle bei 250 km/h auf der Autobahn zu verschlingen? Und wenn man "sexuelle Vielfalt" nicht zu laut sagt, dann ist es fast, als gäbe es sie gar nicht.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU, Peter Hauk, meint, die Welt, wie die Grünen sie sich wünschen, sei garantiert kein besserer Ort. Verständlich. Man stelle sich das nur mal vor: Überall blasse, ausgemergelte Veganer, denen vor lauter Nährstoffmangel die Zähne ausfallen. Die Widerstandskämpfer der Jungen Union müssen in Stuttgarter U-Bahnschächten auf Rattenjagd gehen, um ihre wohlgerundete Leiber in Form zu halten. Scharen von Schwulen und Lesben ziehen währenddessen ausgelassen tanzend - zu Fuß! - durch die Straßen. Wenn sie auf sexuell Andersorientierte treffen, bilden sie fingerzeigend Trauben und rufen im Chor: "He-tero-sau! He-tero-sau!"

Weil eine solche Welt verhindert werden muss, redet Hauk Klartext. Was die Grünen da betreiben sei "Gesinnungsterrorismus". Sicher, der Begriff ist ein bisschen untertrieben. Womöglich hätte er gern einen drastischeren benutzt, aber bei Nazivergleichen fangen die Deutschen allzu schnell an zu hyperventilieren. Der gelernte Förster stellt fest, dass die Grünen "fast eiferisch" versuchten, alle Bereiche der Politik "mit ihren Vorstellungen zu durchdringen". Das gehört sich natürlich nicht für eine demokratisch gewählte Partei, dass sie ihre Grundsätze in die Gesellschaft trägt. Das wäre ja fast so, als würde sich die Christlich Demokratische Union am Prinzip christlicher Nächstenliebe orientieren. Grüne, die ihr Parteiprogramm wörtlich nehmen, statt es rein symbolisch zu verstehen, sind im Grunde genommen Fundamentalisten. Und vom Fundamentalismus zum Terrorismus, das weiß die CDU, ist es nur ein Schweinshaxensprung.

Gott sei Dank schaltete sich auch noch der emeritierte Politikprofessor Oscar Gabriel ein, der gerne mit der CDU zusammen arbeitet. Er mahnte ausgerechnet mit Rosa Luxemburg: "Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden." Nun ist es zwar nicht so, dass die Grünen gleich alle Abweichler strafverfolgen wollen. Beim Veggie-Day etwa soll ja lediglich an einem Tag in der Woche kein Fleisch in Kantinen angeboten werden. Aber wenn man vom jahrzehntelangen Schnitzel-mit-Pommes-Verzehr schon ganz aufgequollen ist, dann wird der Gang zum Metzger auf der anderen Straßenseite schnell zur sportlichen Zumutung. Wer zahlt, wenn da jemand vor der Fleischtheke überanstrengt zusammenbricht? Sicher nicht die Grünen.

Wir sollten den Meinungsguerilleros von der CDU dankbar sein. Die Freiheit der Deutschen wird nicht nur am Hindukusch verteidigt. Und die Grünen sollten sich lieber eine Scheibe abschneiden, von deren Umgang mit Andersdenkenden. Hätten sie etwas gelernt aus fast sechzig Jahren CDU in Baden-Württemberg, dann hätten sie Tatsachen geschaffen, anstatt die Menschen mit unverbindlichen Empfehlungen zu terrorisieren. Alte funktionstüchtige Kantinen einfach abreißen, neue vegane Kantinen unter der Erde bauen, wer dagegen demonstriert wird mit dem Wasserwerfer kritisch gewürdigt. Überhaupt: Wenn man "Andersdenkende" nicht zu laut sagt, dann ist es fast, als gäbe es keine.

Martin Theis hat gehört, vegane Ernährung sei unnatürlich. Darauf hebt er sein Glas, bevor er ins Auto steigt, ins Büro fährt und die nächsten acht Stunden sitzend verbringt.


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3 Kommentare verfügbar

  • dämlich
    am 26.03.2014
    Antworten
    herrlich schön lesbarer Artikel!
    Vielen Dank, Herr Theis!
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