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Koks

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Rund 60 Prozent aller Spitzensportler sind gedopt – andere Quellen sprechen von 80 Prozent –, und der Rest ist auch nicht ganz sauber. Und das kam so: Als Marvin die Schule wechselte, entdeckte sein neuer Lehrer unglaubliche Talente. Marvin versprach, rein sportlich gesehen, Großes: Eine Eins am Reck, Bestzeit beim 100-Meter-Kinderkraulen im Hallenbad, Erster in der Zielgeraden beim Hürdenlauf. Als das seine Eltern hörten, besorgten sie sich umgehend ein paar Liter Stanozol, um den Kleinen auf Vordermann zu bringen.

Natürlich blieben die Nebenwirkungen nicht ganz aus – das Kind konnte nicht mehr recht Auswendiglernen, musste dauernd pullern und hatte Kopfschmerzen, wuchs allerdings vom Klassenbesten zum Schulbesten und von da zum Bezirksbesten heran. Vom Klavierunterricht (die Noten hatte Marvin vergessen) durfte er ins City-Fitness-Studio wechseln: Dort erkannte der Coach sofort die Stärken, aber auch die Schwächen des Kleinen. "Hab ich dir's nicht gesagt?", wetterte Marvins Mutter ihren Ex an, "kein Eigenblut?" An der Förderung durch Eltern und Mainstream sollte es nicht liegen – mit dem Stimmbruch kamen Amphetamine, Kokain, Ephedrin und anabole Steroide hinzu, hin und wieder ein Päckle Testosteron aus dem Iran oder – alternativ – Clenbuterol aus Bulgarien. Einfach preiswerter. Als sich bei Marvin Bluthochdruck, Hautausschläge und Nervosität bemerkbar machten, griff man auf Rat der Sportärzte auf alternative und urbane Behandlungen zurück – Magnesium, Kieselerde, Sauerkraut, Grüntee, Kalium und essigsaure Tonerde auf einem Teelöffel lauwarmes Wasser.

Im Flur, im Kinderzimmer, ja selbst auf dem Wasserklosett prangten Marvins Urkunden, Fähnchen, Pokale, Medaillen und Fotos all der Jahre, die stolzen Eltern glücklich in der Mitte der Gesellschaft. Aber irgendetwas stimmte nicht. Marvin sah älter aus, als er eigentlich war. Genau genommen viel älter. Mit 14 sah er bereits wie 35 aus. Tränensäcke unter den Augen, graue Haare, Sorgenfalten.

Was tun? Eine Zellular-Kur mit Anti-Aging-Cremes hatte bislang nicht so recht angeschlagen, auch nicht verfaulte Birnen von Streuobstwiesen, wie sie der Ortsvorsteher von Plieningen empfahl. Als letztlich Ödeme, Durchfall und Depressionen hinzukamen, fiel Marvin eine alte Ausgabe von Kontext in die Hände.

In der Erinnerung an Marvin fällt mir eben ein schönes Küchenlied meiner Omi Glimbzsch aus Zittau ein, vor der Jahrtausendwende, das ich erst heut so richtig würdigen kann: "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da! – Junge, halt's Maul, ich weiß es ja ..."

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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