KONTEXT:Wochenzeitung
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Das Weiße im Auge der Presse

Das Weiße im Auge der Presse
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Ich habe das Weiße im Auge der Presse gesehen! Es war furchtbar. Und das kam so. Als ich heut meine Zeitung (ja, meine!) aus dem Briefkasten hievte, kam sie mir derart schwer vor, dass ich sie umgehend auf die Briefwaage legte. Und ungelogen – satte 383 Gramm! Wwwoh, dachte ich – und freute mich auf die Lektüre. Die Freude war verfrüht: Die Zeitung selbst wog nämlich nur 152 Gramm, die beigelegten Prospekte 231 Gramm. In Wahrheit hab ich heut ein Paket Prospekte bekommen, dem – ganz bescheiden – eine Tageszeitung beilag.

In meiner Tageszeitung nimmt das Weiß eh zu wie das bildhafte Gestalten. Mit dem Weiß meine ich größer werdenden Ränder einer Zeitungsseite, den luftigen Durchschuss – man muß praktisch fürs gleiche Geld viel weniger lesen und ist mit seiner Zeitung schneller durch. Aufgefallen ist mir natürlich auch, dass die Pressefotos immer größer werden, ihr Informationswert und der dazu gehörende Text dafür immer bescheidener. Ganz zu schweigen davon, dass viele Fotos erkennbar aus den PR-Büros der Börsen, Versicherungen, Messeveranstalter oder Autohersteller kommen oder ihre gepamperte Abfallprodukte sind, die den Fotoagenturen vor die Tür gekippt werden.

Klar, Leute, mit dem Inhalt nimmt auch der Anteil der Anzeigen ab. Todesanzeigen überwiegen deutlich bei dieser medialen Wetterlage und künden vom Zeitungssterben. Schad wär's nicht, ich hab' ja Kontext, könnte ich jetzt sagen, aber das ist mir denn doch zu wenig. Der alte Erich Schairer, längst im Himmel, denn unten tät er sich Grabe rumdrehen, einstens einer der Herausgeber der Stuttgarter Zeitung, war ein Freund scharfer und klarer Worte – und ein Gegner von Anzeigen. Frei sollt die Presse sein, und unabhängig und aufklärerisch, gegen den Stachel sollt sich löcken. Kontext hätt er also gemocht. 1933 wurde ihm in seiner "Sonntagszeitung" von den Nazis die Politik verboten – heute bedarf es solcher Verbote nicht. Viele Presseorgane verbieten sich die Politik selbst. Das Weiße wird größer.

Apropos 1933. Vor 80 Jahren, bei der Machtübergabe an die NSDAP, gab's als erste Belohnung eine Novellierung des Reichspressegesetzes, dann das Propagandaministerium unter Leitung von Joseph Goebbels – und jede Menge Journalisten und Verleger, die eine tiefe Verbeugung vor den Nazis machten. Die hatten Berufsverbot oder mussten ins KZ, wenn sie nicht vorher abgehauen waren. Ein paar Tausend waren das, so oder so gerechnet. Sie fehlten 1945, als man von vorn anfangen musste. Das merkt man bis heute. Aber die Presse erinnert sich nur ungern an diese Zeit – und erst recht nicht an Widerständler wie den Schairer. Es bleibt weiß.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.

 


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4 Kommentare verfügbar

  • C. Kling
    am 03.05.2013
    Antworten
    Danke Herr Grohmann, Sie sprechen mir aus der Seele. Ich bin eine der ZustellerInnen, die diese dicken Zeitungen austragen "dürfen". Aber die "Oberen" der Verlage interessiert nicht wie, sondern nur dass es gemacht wird. Ich habe von den letzten Tagen Bilder gemacht, wie so ein Zeitungswagen…
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