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Dinosaurier aus Brasilien

Irritator geht nach Hause

Dinosaurier aus Brasilien: Irritator geht nach Hause
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Im April wurde angekündigt, dass ein Dinosaurierschädel aus dem Naturkundemuseum Stuttgart an sein Herkunftsland Brasilien zurückgehen soll. Seine Erwerbsgeschichte ist nur ein Beispiel für neokoloniale Forschungspraktiken, die in Deutschland noch immer üblich sind.

Bei den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen vergangenen Monat in Hannover ging es um vieles. Wachstum, Wohlstand und die Schaffung von Arbeitsplätzen standen im Mittelpunkt, Frieden, Demokratie und Umweltschutz wurden auch besprochen. Es wäre durchaus zu verzeihen, wenn man beim Durchlesen der abschließenden Erklärung nicht bis zum allerletzten Punkt kommt, der für Stuttgart Auswirkungen haben wird: Deutschland und Brasilien würden "die wissenschaftliche Zusammenarbeit im Bereich der Fossilienforschung" wertschätzen und deshalb engeren Austausch anstreben. Daher "begrüßen" beide Regierungen den Umstand, dass das Land Baden-Württemberg bereit sei, das Fossil Irritator challengeri "nach Brasilien zu übergeben".

Was die gönnerhafte Formulierung nicht deutlich macht: Das genannte Fossil, der beeindruckende Schädel eines fleischfressenden Dinosauriers, kam unter fragwürdigen Umständen nach Deutschland – zumindest aus brasilianischer Sicht. Seit 1942 gelten Fossilien dort als staatliches Eigentum, seit 1990 ist die Ausfuhr bestimmter Fossilien verboten. Doch der illegale Export und der weltweite Handel damit florieren weiterhin. In den Steinbrüchen Nordost-Brasiliens stoßen Arbeiter immer wieder auf Fossilien im Kalkstein, der dort abgebaut wird. Statt sie an den Staat zu übergeben, verkaufen die schlecht bezahlten Arbeiter ihre Funde nicht selten an Händler, die sie illegal außer Landes bringen. Finanzstarke Privatleute, aber bisweilen auch staatlich unterstützte Museen kaufen sie schließlich für viel Geld meist bei Auktionshäusern oder Händlern im globalen Norden.

Das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart gibt an, den Schädel von Irritator challengeri 1991 erworben zu haben. Eine UNESCO-Konvention von 1970 soll zwar den Handel mit geraubten Kulturgütern, zu denen auch Fossilien gehören, weltweit unterbinden. Da Deutschland diese aber erst 2007 ratifiziert hat, kann der brasilianische Staat das Fossil nicht auf der Grundlage dieses Abkommens zurückfordern. Eine zivilrechtliche Herausgabeklage wäre aufgrund der dreißigjährigen Verjährungsfrist der Tat allerdings aussichtslos, so Rechtswissenschaftler Paul Stewens von der Universität Maastricht. Die Beschaffung von Fossilien, die aus dem Globalen Süden unter Missachtung der dortigen Gesetzgebung nach Europa geschmuggelt wurden, trage aber eindeutig neokoloniale Züge.

Einzigartige Forschungsquelle

Durch den internationalen Handel entsteht in den Herkunftsländern ein wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Schaden – vergleichbar mit dem Raub archäologischer Artefakte. Ähnlich wie bei diesen profitieren in der Regel Museen in reicheren Ländern vom illegalen Export der Kulturgüter. Auch Wissenschaftler:innen in diesen Ländern können sich mit den Lorbeeren der Erforschung einzigartiger Funde schmücken, während ihre Kolleg:innen im Ursprungsland der Objekte leer ausgehen. Gerade bei Dinosauriern, von denen nur ein einziges Fossil gefunden wurde und dieses damit bisweilen repräsentativ für eine Art oder eine ganze Gattung sein kann, ist dieser Umstand besonders eklatant. So auch bei Irritator challengeri: Der Schädel in Stuttgart ist das erste und bislang einzige Fossil seiner Art, nach dem diese beschrieben wurde. Ein solches Exemplar wird im Fachjargon "Holotyp" genannt, eine einzigartige Ressource für die Forschung. Einer Studie nach befindet sich über die Hälfte der bekannten in Brasilien entdeckten Dinosaurier-Holotypen außer Landes, davon viele in deutschen Institutionen.

Beschrieben wurde Irritator challengeri 1996 von dem deutschen Paläontologen Eberhard Frey und britischen Kolleg:innen. Seinen Gattungsnamen verdankt der circa 113 Millionen Jahre alte Fleischfresser dem Gefühl der Verärgerung (englisch: irritation), das die Beschreibenden befiel, als ihnen klar wurde, dass geschäftstüchtige Fossilienhändler dessen Schnauze künstlich verlängert hatten – vermutlich, um den Preis hochzutreiben. Der Artname "challengeri" hingegen bezieht sich auf Professor Challenger, Held von Arthur Conan Doyles Roman "Die vergessene Welt". Brasilianische Forschende waren an der Erforschung der neuen Art bislang nicht beteiligt. Von der angeblich so geschätzten Zusammenarbeit Deutschlands und Brasiliens bei der Fossilienforschung ist in der Entdeckungsgeschichte des Irritator noch nicht viel zu merken.

Wie kam es also dazu, dass der Irritator nun angeblich bald in seine Heimat zurückkehrt? In einer schriftlichen Stellungnahme erklärt Lars Krogmann, wissenschaftlicher Direktor des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart, dass sich das baden-württembergische Wissenschaftsministerium zwar nicht zur Rückgabe verpflichtet sieht, aber angesichts der hohen Bedeutung des Fossils für Brasilien bereit sei, dieses "im Rahmen eines Gesamtkonzeptes zur vertieften wissenschaftlichen Kooperation an Brasilien abzugeben". Grund dafür, schreibt Krogmann, sei "die Überzeugung, dass eine vertiefte Kooperation für beide Seiten von hohem wissenschaftlichem Nutzen wäre".

Junge Forscher:innen fordern Rückgabe

Womöglich will die Landesregierung aber auch einen Shitstorm abwenden, wie er vor wenigen Jahren das Naturkundemuseum in Karlsruhe getroffen hat. Dieses hat 2023 einen Dinosaurier an Brasilien zurückgegeben, der den vorläufigen Namen "Ubirajara jubatus" erhalten hatte. Die Namensgebung wurde allerdings mitsamt ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung zurückgezogen, als die problematische Erwerbsgeschichte des Fossils ans Licht kam. Unter den Autoren der zurückgezogenen Studie: wieder Eberhard Frey, bis Januar 2022 Leiter der Geologischen Abteilung des Naturkundemuseums Karlsruhe. Unter anderem hatten das Museum und Frey widersprüchliche und falsche Angaben darüber gemacht, wann genau der vogelähnliche kleine Dinosaurier nach Deutschland gekommen war. Letztlich ließ sich nicht beweisen, dass der Kauf nicht nach der Ratifizierung der UNESCO-Konvention 2007 stattgefunden hatte, und das Fossil ging an Brasilien zurück. Die baden-württembergische Landesregierung, so berichteten damals die Badischen Neuesten Nachrichten, sei "stinksauer" auf das Museum in Karlsruhe gewesen. Zusätzlich zu den rechtlichen Unsicherheiten hatte sich inzwischen eine Bewegung vor allem junger Paläontolog:innen und Jurist:innen zusammengeschlossen, um die Rückgabe des Fossils nach Brasilien zu fordern – unter anderem mit einer Kampagne in den sozialen Medien unter dem Hashtag #UbirajaraBelongstoBR. Das Thema traf offenbar einen Nerv: Auf der Webseite des Museums soll es regelrechte Hasskommentare gegeben haben.

Die Parallelen zur Causa Irritator sind offenkundig: Zwar ist hier klar, dass die Ausfuhr des Fossils lange vor Deutschlands Beitritt zur UNESCO-Konvention stattgefunden hat, Eigentum des brasilianischen Staates war und ist es dennoch. Auch hier wurde in sozialen Medien auf den Fall aufmerksam gemacht, nun unter dem Hashtag #IrritatorBelongstoBR. Ein offener Brief an Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne), in dem die Rückgabe des Schädels gefordert wurde, bekam 268 Unterschriften, besonders von jüngeren Expert:innen. Sowohl beim Irritator als auch bei Ubirajara begegnet man teilweise den gleichen Personen, etwa Eberhard Frey. Frey ist nicht nur in beide Fälle verwickelt, sondern auch ein glühender Verfechter des Ankaufs von Fossilien für deutsche Museen. Auf sein Konto und das seines britischen Kollegen David Martill, der auch bei der Beschreibung des Irritator mitgearbeitet hat, gehen noch weitere umstrittene Fossilien. Auch zu diesen läuft eine Rückforderungskampagne. Während die Landesregierung und das Naturkundemuseum sich bislang mit öffentlichen Mitteilungen zurückhalten, haben sich brasilianische und internationale Forschende bereits erfreut in der Presse geäußert. Wann genau die Rückgabe stattfinden soll, ist indes noch unklar: Laut Museumsdirektor Krogmann werde dies in den kommenden Monaten mit den zuständigen Stellen in Brasilien besprochen. Ein Pressesprecher des Wissenschaftsministeriums schreibt auf Nachfrage, man wisse vermutlich im Juli mehr.

Wer allerdings die Hoffnung hegt, in den nächsten Monaten in Stuttgart noch einen letzten Blick auf Irritator challengeri zu erhaschen, wird enttäuscht werden. Das Fossil ist – wie der größte Teil der Sammlung des Museums – nicht in der öffentlichen Ausstellung zu sehen.

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2 Kommentare verfügbar

  • Gerald Wissler
    vor 3 Stunden
    Antworten
    Was hat eigentlich der heutige Staat Brasilien mit Dinosauriern zu tun, die vor 100 Millionen Jahren in der Gegend lebten ?
    Zumal 99,2 Prozent der heute in Brasilien lebenden Menschen Nachfahren sind von Menschen, die in den letzten 500 Jahren als Kolonialisten in das Land gekommen sind.

    Was…
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