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Julian Schuster beim SC Freiburg

Feine Antennen

Julian Schuster beim SC Freiburg: Feine Antennen
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Der VfB dümpelt derzeit auf Tabellenplatz 16. Zeit, fußballmäßig mal ins Badische zu schauen. Dort überwintert der SC Freiburg trotz schmälerem Budget auf dem nicht ganz unbeachtlichen dritten Tabellenplatz. Dafür ist neben Chefcoach Christian Streich noch ein anderer Mann verantwortlich.

Viel ist in diesen Tagen vom zehnjährigen Dienstjubiläum von Freiburgs Chefcoach Christian Streich die Rede. Doch die bedingungslose Kontinuität in der SC-Führungs-Clique ist nicht das einzige Erfolgsrezept des aktuellen Champions-League-Anwärters. Das schmale Budget zwingt im Breisgau auch regelmäßig zu neuen Ansätzen. Die Installation eines Verbindungs-Coaches im Trainerteam etwa. Dem langjährigen Kapitän Julian Schuster haben sie den neuen Posten nach seiner Karriere als Defensivstratege im Mittelfeld 2018 auf den Leib geschneidert. "Ich habe einen Stamm von rund zehn Spielern aus der Bundesliga-, der U23- und der U19-Mannschaft, die ich individuell betreue", erklärt der 36-Jährige sein wöchentliches Treiben selbst, "mit einer speziellen Schwerpunktsetzung im Training sollen sie so den Sprung zum Bundesliga-Profi vollends schaffen."

Regelmäßige Übungseinheiten auf dem Trainingsgelände mit dem Erstligakader gehören so ebenfalls zu seinen Aufgaben, wie mit den beiden Nachwuchsteams. Doch genauso auch das intensive Videostudium "oder einfach auch mit einem Spieler einmal einen Spaziergang machen, einen Kaffee trinken und einzelne Dinge ganz gezielt ansprechen." Der Erfolg spricht für sich. Nach einer gewissen Durststrecke mit einer wenig ausgeprägten Durchlässigkeit für talentierte SC-Youngsters bei ihrem Sprung in die Eliteliga, geht es nun plötzlich wie beim Brezelbacken: Vor der Winterpause markierte der 20-jährige Kevin Schade den Freiburger Siegtreffer gegen Bayer Leverkusen. Er ist nur einer von einer ganzen Reihe eigener Talente, die zuletzt in der Bundesliga reüssiert haben: Noah Weißhaupt, Yannick Keitel oder Keven Schlotterbeck gehören dazu – Niko Schlotterbeck ebenfalls, der bereits ins Nationalteam berufen wurde. Allesamt Schützlinge von Schusters Boygroup aus Hochtalentierten.

"Das ist eine tolle Aufgabe", sagt der im schwäbischen Bietigheim-Bissingen geborene Schuster, "ich bin so ganz nah an gleich drei Mannschaften dran und kann die Jungs in einer unglaublich wichtigen Phase ihrer Karriere begleiten." Einen Innenverteidiger schnappt sich Schuster so etwa zu einer Viertelstunde Extraschicht innerhalb des Mannschaftstrainings, um mit ihm an seiner Spieleröffnung zu feilen. Er geht beim Verteidiger im Detail darauf ein, wann er in der Box seinen Gegenspieler aufnehmen muss. Bei Stürmern kann es um das Anbietverhalten im Strafraum gehen, um das Abschlussverhalten oder das Lösen vom Gegenspieler.

"Es geht aber nicht nur um Schwächen, sondern auch um Stärken", stellt der über 220-fache Erst- und Zweitligaakteur seine Arbeit dar, "damit bei Standardspezialisten acht von zehn Aktionen gelingen und nicht nur sechs von zehn." Der SC war mit der erste Verein, der die Position des Verbindungstrainers geschaffen hat. Der einstige Profi Otto Addo hat wohl schon etwas länger eine ähnliche Position in Mönchengladbach und Dortmund bekleidet. Einige Klubs haben mittlerweile nachgezogen.

"Schusti ist kaum zu ersetzen"

Schuster kann sich gut in seine Schützlinge hineinversetzen, immerhin wurde auch ihm nie schon als Teenager über ein Nachwuchsleistungszentrum der Weg in die Bundesliga geebnet: Er kickte einst noch als Erwachsener für seinen Heimatverein FV Löchgau in der tiefsten Provinz, ehe er zum VfB Stuttgart II gelotst wurde und schließlich beim Sportclub in der 2. Liga landete. "Im Verein schätzen sie seine feinen Antennen für Stimmungen innerhalb der Mannschaft. Schusti ist auch neben dem Rasen kaum zu ersetzen, er hat ein besonderes Gespür für das Teamgefüge", schildert Steffen Reus, ein führender SC-Funktionär, in seinem Freiburg-Buch "Immer wieder vor!" die Kompetenzen des einstigen Leistungsträgers. "In ihren Jugendteams standen meine Jungs immer im Mittelpunkt", erklärt Schuster heute, "bei den Profis sind sie nun ein Spieler von vielen, jetzt bekommen sie weniger Aufmerksamkeit, das ist oft brutal."

Der Verbindungstrainer lässt seinen Schützlingen genau diese Aufmerksamkeit zukommen, er macht ihnen klar, dass der Weg zur Bundesliga-Stammkraft ein Prozess ist. Dass auch Rückschläge dazu gehören, dass das Imaginieren in eine Opferrolle ob der Nichtberücksichtigung durch den Chefcoach kein Erfolgsweg ist.

Als SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach ihm die neue Stelle im Trainerstab andiente, war Schuster anfangs noch skeptisch. "Ich wollte natürlich lieber eine eigene Mannschaft", erinnert er sich. Doch längst ist er voll überzeugt. Bis auf den Fußballlehrer-Trainerschein hat Schuster bereits einen Übungsleiterschein nach dem anderen erfolgreich erworben. Wie lange er seiner aktuellen Tätigkeit noch nachgehen will, lässt der einstige SC-Kapitän offen. "Irgendwann will ich einmal ein eigenes Team betreuen", sagt er, "ich habe da aber kein Zeitlimit. Es macht mir enorm viel Spaß, die für mich beim SC neu geschaffene Stelle des Verbindungstrainers auszugestalten."

Die Freiburger haben sich als kleiner Bundesligaklub mit der Schaffung des Spezialtraineramts einmal mehr findig gezeigt, ihre Talente auch tatsächlich vollends in die Bundesliga zu führen. Ganz nebenbei bilden sie Verbindungstrainer Julian Schuster auch noch als Coach für höhere Aufgaben aus. Von 20 Jahren als Chefcoach gehen die Wenigsten bei Christian Streich aus.


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2 Kommentare verfügbar

  • vetterka
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Ob man Löchgau jetzt in die "tiefste Provinz" verorten muss sei dahin gestellt. 5 km nach Bietigheim zur S-Bahn rechtfertigen diese Aussage imho nicht. Dort findet auf jeden Fall eine gute Jugendarbeit statt. Der sich in den beiden Schuster-Brüdern, Pischhorn und Röcker zeigt. Ich meine sogar, dass…
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