Ausgabe 441
Gesellschaft

Sie konnte großzügig loben

Von Rupert Koppold
Datum: 11.09.2019
Gespür für das Kleine wie für das Große und Ganze bescheinigt unser Autor der vor Kurzem verstorbenen Kollegin und Freundin. Es sind persönliche Erinnerungen an die Kritikerin Sybille Simon-Zülch.

Am 24. August 2019 ist die in Stuttgart aufgewachsene Medien- und TV-Kritikerin Sybille Simon-Zülch in ihrem Wohnort Bremen gestorben. "Von Blumenspenden bitten wir abzusehen", so steht es in der Traueranzeige der Familie, wer wolle, der könne jedoch eine Spende an "Kontext:Wochenzeitung" senden. Denn dieses "politisch-kulturelle Projekt lag Sybille als Schwäbin und Journalistin sehr am Herzen". Ich habe Sybille gekannt, und ich weiß, dass sie auch einen Text wie diesen nicht so dürr und sachlich begonnen hätte, dass es ihr vielmehr gelungen wäre, sofort ihren eigenen Ton anklingen zu lassen. Fangen wir also noch einmal an mit diesen Zeilen, die nicht zum summierenden Nachruf werden sollen, sondern zu einer persönlichen Erinnerung an eine Kollegin und vor allem an eine sehr gute Freundin. 

Vor fast zwanzig Jahren haben meine Frau und ich sie zum ersten Mal getroffen, an einem Kiosk vor dem Filmpalast in Venedig. Dort wurden Snacks verkauft mit Namen wie Gregory Speck, worüber Sybille und wir uns genauso amüsieren konnten wie über das seltsame Verhalten mancher Festivalbesucher oder über Filmszenen, die vom Pathetischen ins unfreiwillig Komische verrutscht waren. Immer noch hallt dieses herzhaft-lebenslustige Lachen nach, so untrennbar mit Sybille verbunden, dass auch in den Todesanzeigen ihrer vielen Freunde in Bremen daran erinnert wird. Kurz gesagt: Wir waren damals in Venedig sofort auf einer Wellenlänge. Von nun an trafen wir uns jedes Jahr beim Festival in dieser Stadt, in der Sybille und ihr Mann Thomas eine Wohnung gemietet hatten und sich als wunderbare Gastgeber zeigten. In freundlicher Konkurrenz kochten sie italienische Delikatessen und servierten sie auf einer kleinen Dachterrasse. Ach, Sybille, es war das gute Leben, es war "la dolce vita"!  

Verabredungen zum Essen, Trinken und Miteinander-sprechen, sei es in Venedig, in Sybilles und Thomas' Zweitwohnung in Zuffenhausen, bei uns oder auch in Kneipen und Restaurants, das waren nun Eintragungen im Kalender, auf die wir uns freuten. In unseren Gesprächen wurde es dann oft auf heitere Art "dienstlich". Denn Sybille, die in den achtziger Jahren die Bremer "taz"-Ausgabe mitgegründet, Kritiken für die "Frankfurter Rundschau", die "Süddeutsche" oder "epd Medien" geschrieben und seit 2001 in einer wöchentlichen Kolumne der "Stuttgarter Zeitung" das deutsche Fernsehen mit kenntnisreich-spritzigen Anmerkungen begleitet hatte, war eine leidenschaftliche Journalistin, bei der Privates und Beruf ineinander über- oder sogar aufgingen. Ebenso elegant wie kompetent hat sie durch den TV-Dschungel geführt, eingeordnet oder aussortiert. Wobei die pointierten Texte der Alfred-Polgar-Liebhaberin nicht nur Gebrauchsanweisungen fürs TV waren, sondern als glänzende Unterhaltung für sich stehen konnten.

Sie konnte bissig sein und sie konnte schwärmen

Sybille hat nicht bildungsbürgerlich-arrogant auf das Fernsehen herabgeblickt, bei ihr hatte auch Populäres einen Platz und eine Chance. Selbst in ihren spitzesten Bemerkungen – und wie jung, quick und lustig sie formulieren konnte! – ist noch ein Appell an die Macher zu spüren, doch bitte die Möglichkeiten des Mediums auszuloten. Sie konnte nach gründlich-analytischer Begutachtung auch generös loben, ja sie konnte und wollte auch schwärmen. Wenn für sie allerdings etwas billig und schäbig war, wenn sie hinter allzu Seicht-Routiniertem den Zynismus der "Kreativen" witterte, dann setzte es was. Das pikierte Naserümpfen war nämlich nicht ihre Sache, sie konnte bissig sein. Verbissen aber war sie nie, weder im Schreiben noch im persönlichen Gespräch. In ihrer ersten und im Jahr 2001 geschriebenen Kolumne für die "Stuttgarter Zeitung", aus der StZ-Feuilleton-Chef Tim Schleider in seinem Nachruf zitiert, formuliert Sybille ihr Credo: Dass man als Kritikerin das Medium eben nicht verachten dürfe, und dass man selber "die Verführungskraft des Trivialen an der eigenen Lust zum genüsslichen Lümmeln im Fernsehsessel erkennt".

Eine Fernsehdokumentation wie "Kulenkampffs Schuhe", in der die frühen Jahre der Bundesrepublik sich mit allen Versehrungen und Verdrängungen in ihrer quasi therapeutischen TV-Historie spiegeln, hat Sybille geliebt. Die Regisseurin Regina Schilling hat dieses Sich-Einmummeln in die deutsche TV-Unterhaltung so beschrieben: "Am Samstagabend aber war alles gut: friedlich vereint vor dem Fernseher, wir Kinder frisch gebadet und im Schlafanzug, hinter uns der Vater, rauchend, mit einem Bier, die Mutter mit einem süßen Mosel." Auch die 1945 geborene Sybille hatte dieses Gespür für die Historie und den Stellenwert des Mediums, für das Kleine und für das Große und Ganze. Und natürlich ging ihr Interesse auch über Film und Fernsehen hinaus: Zum Beispiel konnten wir mit ihr wunderbar lästern über das Unsinns-Projekt S 21!

So gern aber hat Sybille empfohlen (und sich auch empfehlen lassen). Die klassisch gewordene Krankenhausserie "Emergency Room" etwa, die wir nach anfänglicher Skepsis selber zu schätzen lernten. Oder die Netflix-Serie "Shtisel", die es schafft, einen für das jüdisch-orthodoxe Leben in Jerusalem zu interessieren. Auch auf Schauspieler, die eher Nebenrollen spielen oder erst spät bekannt wurden, hat sie aufmerksam gemacht, zum Beispiel auf Bettina Kupfer, Susanne Wolff oder Bjarne Mädel, und schon ganz früh auf Heath Ledger. Immer war ihr dabei die Stimme wichtig, jede Synchronisation für sie deshalb so etwas wie Mundraub. In einer Mail an mich hat sie über den Hauptdarsteller des Films "In den Gängen" geschrieben: "Franz Rogowski, den ich in ,Love Steaks‘ zum ersten Mal gesehen habe (danach in fast jedem Film, in dem er spielte), trifft mich, um es kitschig auszudrücken, mitten ins Herz. Ich finde ihn, seine Körpersprache, seine Mimik und die Modulation seiner Stimme unglaublich. Was er in ein einziges Wort legen kann, drückt den ganzen Charakter seiner Figur aus." Sybilles eigene Stimme war warm, klar, dunkel timbriert. Eine schöne Stimme, nun für immer verstummt.


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4 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Kaemmer
    vor 1 Woche
    Auch ich war ein großer Fan von Sybille Simon-Zülch und habe ihr eine große Freude gemacht, als ich sie mal in einer mail mit der legendären Münchener Film-und Fernsehkritikerin Ponkie verglich, die ich ebenso schätzte und deretwegen ich lange die Münchener Abendzeitung kaufte. Schade, nun schreiben beide nicht mehr, wenn auch nicht aus dem selben Grund: Ponkie ist 93 - and still alive!
  • M. Stocker
    vor 1 Woche
    Und schon wieder ein Grund weniger, die StZN zu abonnieren. Ihre Kolumnen waren Pflichtlektüre am Wochenende. Wenn einen nichts aufheitern konnte, ihre wunderbar ironischen Kommentare konntens.
  • Claudia Heruday
    vor 1 Woche
    Ja, auch wenn ich sie persönlich nicht kannte, die Nachricht vom Tod mich persönlich sehr berührt. Immer wenn sie (in Venedig) Ferien machte, vermisste ich ihre Kolumne in der Stuttgarter Zeitung. Nun bleibt sie als wunderbare Lob- und Kritikerin in Erinnerung...
  • Hermann Schmid
    vor 1 Woche
    Ihre Kolumnen in der Stuttgarter Zeitung habe ich geliebt - ganz im Gegensatz zu jenen von Sibylle Krause-Burger. Einfühlsam die Eine, das Gegenteil die Andere. Ich vermisse diese großartige Draufschauerin, und gegen Stuttgart 21 war sie auch - wie sympathisch!

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