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Zum Fremdschämen

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Im Gemeinderat von Frankenstein (Rheinland-Pfalz) schließen sich CDU und AfD zur Fraktion zusammen, in Altenstadt (Hessen) wählen SPD, FDP und Union einen NPD-Mann einstimmig zum Ortsvorsteher, und in Brandenburg fährt eine rechtsextreme Partei mit einem Neonazi als Spitzenkandidaten 24,5 Prozent ein. Für Medienschaffende stellt sich daher (hoffentlich) die Frage: Wie können wir verantwortungsvoll berichten über diese Entwicklungen? Als eine Moderatorin eine Zusammenarbeit zwischen AfD und CDU als "bürgerliche" Koalition ins Spiel brachte, zeigte der MDR jüngst bereits, wie man es nicht macht. Nachgezogen haben die "Stuttgarter Zeitungsnachrichten". 

Vergangene Woche brachten die Zwillingszeitungen StZ und StN ein Interview mit dem "als gemäßigt geltenden" (StZN) baden-württembergischen AfD-Landesvorsitzenden Bernd Gögel. Geführt von insgesamt vier RedakteurInnen – unter ihnen immerhin die ehemalige Berlin-Korrespondentin, ein Politik-Ressort-Chef und ein stellvertretender Chefredakteur. Da könnte man meinen, bei so viel Power und Erfahrung hat das journalistische Quartett den Gögel mal so richtig in die Mangel genommen. Stattdessen lieferten sie dem Landtagsabgeordneten Steilvorlagen, seine Partei von extremistischen Umtrieben freizusprechen.

Eine Kostprobe: "Für mich besteht die AfD zu 98 Prozent aus bürgerlichen Kräften, es gibt nur wenige Problemfälle", darf Gögel hier verbreiten. Und es folgen, seitens der zahlreichen FragestellerInnen, keine Widerworte, sondern Zuspruch: "Aber diese Problemfälle prägen das öffentliche Bild der AfD", merken die vier JournalistInnen an. Dazu passt dann auch die Überschrift des Interviews: "Das Grundgesetz gibt die roten Linien vor." Ohne Gegenrede darf Gögel behaupten, in Baden-Württemberg liefen "gerade einmal zwei Parteiausschlussverfahren – und zwar ausschließlich wegen parteischädigenden Verhaltens und nicht etwa wegen rassistischer, nationalistischer oder gar antisemitischer Tendenzen". Dabei läuft eines der Verfahren gegen Wolfgang Gedeon – bundesweit bekannt als bücherschreibender Holocaust-Leugner, der fraktionslos, aber als AfD-Parteimitglied im baden-württembergischen Landtag sitzt.

Auch schlimm ist das Leser-Frage-Antwort-Video, das die Zeitungen mit Gögel flankierend produziert haben ("Was wollten Sie den AfD-Landeschef schon immer mal fragen? Schicken Sie uns Ihre Frage bis ...", StZN online vom 30. August). Warum bekennt sich die AfD eigentlich nicht zum Antifaschismus?, will dort jemand wissen. Und Gögel sinniert darüber, dass sich seine Partei ja generell "immer und klar und auch heute jeden Tag distanziert vom Extremismus" und sich daher nicht auch noch von "allen Spielarten separat" lossagen müsse: "Alles, was nicht auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen kann und stehen darf, akzeptiert die AfD nicht." Dass die StZN derart das Narrativ dieser rechtsextremen Partei bedient, ist mehr als beschämend.

Je öfter Medien den bereits jetzt schon vielzitierten Begriff vom "bürgerlichen" Anstrich der AfD wiederholen, desto besser verfängt er im Konsumentenhirn. Und dabei helfen nicht nur die "Stuttgarter Zeitungsnachrichten". Die "Badische Zeitung" zitiert Gögel in einem Interview von Ende August mit "Wir müssen unsere Programmatik so artikulieren, dass die Menschen nicht erschrecken", was letztlich sogar zur Überschrift wurde. In einem Gastbeitrag für die "Welt" darf Alexander Gauland, der stolz sein will auf die "Leistungen" deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen, ganz arglos fragen: "Wer bestimmt, was heute bürgerlich ist?" Der AfD sollten Medien diese Definition ganz bestimmt nicht überlassen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 15.09.2019
    Antworten
    Zur gedruckten Ausgabe einer Tageszeitung greife ich noch, wenn mich die mit Sehnsucht verbundene Erinnerung packt. Nach raschelndem Papier, dem Duft nach Holz, Alkohol, fetter Druckfarbe und modrigem Wasser. Als Gesellschafterin beim Frühstück oder als Begleitung einer Bahnfahrt. Heute ist es…
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