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"Jetzt kommt die Gegenkonversion"

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Remilitarisierung, unsichtbares Kriegsgerät, Waffenmesse in Stuttgart, möglicherweise Militärforschung in Tübingen: Die Informationsstelle Militarisierung hatte ein arbeitsreiches Jahr – mit einer ungewöhnlichen Erkenntnis.

Nach drei Tagen Dauercamping gegen die Militärmesse Itec in Stuttgart, kennt man die Gegend oben an der Messe in Stuttgart richtig gut. "Ich weiß jetzt sogar, wann am Flughafen welche Klos geputzt werden", sagt Christoph Marischka und schmunzelt. Die Demonstrationen gegen die Itec im Mai diesen Jahres fällt für den Mitarbeiter der Informationsstelle Militarisierung (Imi) unter die Rubrik "Positives aus dem Jahr 2018". So viele Leute, so viele Initiativen, so viel neue pazifistische Vernetzung in Land und Bund. "Das war richtig spitze."

Soldat in Afghanistan mit Kindern

Widerstand braucht Information

Ausgabe 359, 14.02.2018
Von Anna Hunger

Die Informationsstelle Militarisierung in Tübingen, kurz Imi, macht keine schöne Arbeit. Aber gute. Und eine, die immer wichtiger wird. Seit mehr als 20 Jahren sammeln die Mitglieder in der Geschäftsstelle Hintergründe zu Kriegen, Militär und Rüstung auf der ganzen Welt.

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"Die Imi macht keine schöne Arbeit. Aber gute. Und eine, die immer wichtiger wird." Mit diesen Worten haben wir im Februar ein Portrait über die Tübinger Initiative begonnen. Seit 1996 sammelt die Initiative digitales und analoges Material zu Kriegen, Aufrüstung und Militär auf der ganzen Welt, um Hintergrundinformationen bereit zu stellen. Wie war das Jahr 2018 für die Ehrenamtlichen?

Ungewöhnlich sei es vor allem gewesen, sagt Marischka, dass sich zu allen Brandherden und schwelenden Konflikten kein neuer großer Krieg hinzugesellt hat, in den sich die Mitarbeitenden einarbeiten mussten. Im Jemen und in Mali kennen sie sich mittlerweile aus, in Syrien sei die Lage nicht weiter eskaliert und in Korea, Äthiopien und Eritrea hätten sich sogar zeitweise friedliche Lösungen für uralte Konflikte angedeutet. "Sonst hatten wir immer das Gefühl, dass sich jedes Jahr irgendwo ein neues Schlachtfeld aufgetan hat." 

Dafür waren die Imis mit der Aufrüstung im Inland gut beschäftigt. Sogar direkt vor der eigenen Haustür mit dem Cyber Valley, dem Forschungsstandort für künstliche Intelligenz in Tübingen, der Wirtschaft und Universitäts-Standort miteinander verquickt. Studierende hatten erst Ende November und zum ersten Mal seit 2009 den Tübinger "Kupferbau" besetzt, um unter anderem gegen möglicherweise drohende Militärforschung durch das Valley in der Studentenstadt zu demonstrieren. Auch Amazon macht sich im Neuen Cyber Valley breit. Ein Konzern, der seine Geschäfte vor allem mit Nicht-Militärischem macht. Bisher. In Tübingen will er Grundlagenforschung zum Thema "maschinelles Lernen" betreiben. Dass Forschungsergebnisse aus diesem Feld auch militärisch genutzt werden, sei nahezu sicher, sagt Marischka.

Und: Der Trend zur Entmilitarisierung von Flächen, sagt Marischka, gehöre der Vergangenheit an. "Jetzt kommt die Gegenkonversion", sagt er, die Remilitarisierung von schon aufgegebenen Kasernen. Wie etwa in Ulm. Und die Carl-Schurz-Kaserne in Hardheim im Odenwald soll, nachdem 2015 die letzten Panzer den Standort verlassen haben, eventuell das neue 6. Panzerbataillon der Bundeswehr beherbergen. Der spektakulärste Fall dieser Art spielt sich derzeit in Haiterbach im Landkreis Calw ab. Dort soll das Kommando Spezialkräfte KSK (medienbekannt durch Hitlergruß-Partys und <link http: www.taz.de _blank external-link>extrem rechte Strukturen) ein Übungsgelände bekommen.


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