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Schmetterlinge

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Soziales und bürgerschaftliches Engagement schreibt mitunter ganz eigene Geschichten – wenn Menschen aufbrechen, Grenzen überwinden und mit ihrer Arbeit Länder verbinden. Menschen wie die junge Bulgarin Bistra Ivanova, die sich in ihrer osteuropäischen Heimat um Kinder aus armen Familien kümmerte und jetzt in Baden-Württemberg angekommen ist. Eine "Schmetterlings-Geschichte".

Vielleicht waren es ja die Schmetterlinge, die Bistra Ivanova endgültig aufbrechen ließen. Die junge Bulgarin hatte aus Papier ihre zarten Flügel geformt und ihnen verschiedene Farben gegeben. Damals, 2002, in Magdeburg, als sie von Sofia dorthin gereist war, um an einem Kunstprojekt für Freiwillige teilzunehmen. "Die Vielfalt Europas" lautete das Thema. In Bulgarien ist Bistra Ivanova in die Freiwilligenarbeit eingestiegen, heute arbeitet sie hauptberuflich in einem Sozialprojekt in Baden-Württemberg. Foto: Mario WezelZunächst hatte sie einen Baum gebastelt, aus Draht, und dann ebendiese Schmetterlinge, aus kleinen Papierfetzen. Die Symbolik war ihr wichtig, bewegte sie, noch heute erinnert sie sich daran, wie sie ihre kleine Arbeit betitelte: "Wir wachsen zusammen."

Vielleicht passt ja das Bild der Schmetterlinge besonders gut zu ihrer Geschichte. Bistra, 31, wache Augen, die gerne lachen, lange, blonde Haare, erzählt impulsiv, wenn es sein muss, mit Händen und Füßen. Es ist eine Geschichte voller Bewegung, hin und her zwischen verschiedenen Welten. Mit einem Fixpunkt: Engagement – für andere und um sich selbst weiterzuentwickeln, voranzubringen. "Die Idee, mich mit Leuten aus anderen Nationen auszutauschen, hat mich immer fasziniert", sagt sie.

Sofia ist ihre "alte" Heimat, dort wuchs sie auf, ging zur Schule. Und in der bulgarischen Hauptstadt studierte sie öffentliche Verwaltung, baute 2004 ihren Bachelor. Das Kunstprojekt in Magdeburg hatte die Studentin erstmals längere Zeit aus ihrer Heimat geführt. Und hinein in die Welt der Freiwilligenarbeit. Sie habe es gespürt damals, als sie mit 19 anderen jungen Menschen aus verschiedenen Ländern arbeitete: "Das ist meine Welt."

Zurück in Bulgarien, stürzte sie sich in den Sommerferien ins nächste Ehrenamts-Projekt, wieder mit anderen Freiwilligen aus aller Herren Länder, Japan, Frankreich, Spanien, England, Italien, Deutschland. "Bulgaria Youth Alliance for Development" hieß das Programm, an dem sie teilnahm. Der Ort, an dem sie arbeitete, stand freilich für eine neue Realität. Eine harte Realität: das Waisenhaus in Plovdiv, einer Stadt nahe Sofia. Jetzt hatte Bistra, selbst noch jung, Kinder und Jugendliche zu betreuen, die ihre Eltern verloren hatten oder deren Familien so arm waren, dass sie zu Hause nicht mehr leben konnten. "Viele waren aggressiv, weil sie selbst Aggressivität erlebt hatten."

Wenn die Helferin an ihre Grenzen kommt

Früh aufstehen, den Kindern Frühstück machen, ihnen zeigen, wie man sich richtig die Hände wäscht, den Tag planen, Spiele und Ausflüge organisieren, alle immer im Blick haben und dabei oft auch noch für die anderen Freiwilligen übersetzen – sie war Mädchen für alles. Die Mehrbettzimmer, in denen sie schliefen, waren spartanisch eingerichtet. Und mitunter voller unangenehmer Mitbewohner. "Es gab Mäuse und Kakerlaken." Dennoch schwärmt Bistra noch heute: "Es war toll, Verantwortung zu tragen."

Doch die junge Frau geriet auch an ihre Grenzen. Beim nächsten Sommercamp, im Jahr 2007, wieder im Waisenhaus von Plovdiv, diesmal von einer kanadischen Einrichtung organisiert. Zwei Monate lang lebte sie wieder mitten in der harten Realität gekränkter oder verlassener Kinder, wurde mit Beschimpfungen konfrontiert, Prügeleien, krassen Emotionen. "Einmal hauten drei ältere Jungs auf einen jüngeren ein", erzählt Bistra, "ich versuchte ihn zu schützen. Nach dem Vorfall hatte sich bei ihm selbst so viel Aggressivität angestaut, dass er mit der Faust eine Glastüre durchschlug. Als er aus dem Krankenhaus zurückkam, war er auf meiner Seite."

Nach dem Camp ging sie ans Meer, wollte sich erholen. "Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr lachen konnte. Ich war Teil der Waisenhaus-Welt geworden, hielt den Bruch zu meinem Leben und Alltag nicht aus. Es war zu viel."

Eine europäische Grenzwanderin

Zu diesem Zeitpunkt war Bistra schon eine europäische Grenzwanderin. Und Deutschland ihre neue, zweite Heimat geworden. 2005 hatte sie in Berlin ihr Masterstudium aufgenommen: Internationale Beziehungen. Zwei Jahre später war sie fertig. Und sprach perfekt Deutsch. Sie suchte einen Job, kellnerte eine Zeit lang, absolvierte in Berlin Praktika, in denen sie Schüler betreute und für den künftigen Beruf fit machte, zunächst als Mentorin, später als Projektmanagerin. "Es ging darum, den jungen Menschen, die teilweise aus Hartz-IV-Familien kamen, zu zeigen, dass man erfolgreich sein kann, wenn man die Selbstinitiative ergreift."

Ihr Wunsch, so erzählt sie, sei es immer gewesen, in Baden-Württemberg zu arbeiten. Er ging in Erfüllung: Seit April 2010 arbeitet Bistra bei "Wir sind dabei! – Integration durch soziales Engagement", einem Projekt der Baden-Württemberg Stiftung und des Landesjugendrings in Stuttgart. Sie ist längst angekommen im "Musterländle" des Bürgerengagements und fördert, ganz im Sinne ihrer eigenen Biografie, die Integration junger Menschen durch soziales Handeln.

Ihre Schmetterlings-Geschichte führt Bistra immer wieder zurück in die alte Heimat, nach Bulgarien. Zu ihrer Familie, zu Mitstreitern des bürgerschaftlichen Engagements, aber auch ins Waisenhaus von Plovdiv – zu ihren Kindern.

2011 ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. In Stuttgart wird es dazu am 20. und 21. September eine Konferenz in der Liederhalle geben. Autoren und Fotografen der Weinstädter Reportageagentur Zeitenspiegel haben sich in den vergangenen Monaten auf den Weg durch Europa gemacht, um in verschiedenen Ländern Projekte der Freiwilligenarbeit zu recherchieren und mit deren Protagonisten zu sprechen. Ein Projekt in Kooperation mit Fachkräften des Bürgerengagements beim Städtetag Baden-Württemberg. Dazu zählt auch dieser Beitrag.


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