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Das Verhör

Das Verhör

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Die Schülerin Constanze Wollenweber hat eine Geschichte ans Licht gebracht, über die in Weinheim an der Bergstraße niemand sprechen wollte: Vor sechzig Jahren hat die Polizei rund 200 Frauen, die Fehlgeburten erlitten hatten, einem brutalen Verhör unterzogen. Die Staatsanwaltschaft war auf der Suche nach Lohnabtreiberinnen.

In Weinheim hat man Anfang der 50er Jahre über die peinlichen Verhöre von Frauen nicht einmal gesprochen, Ende der 80er gab es richtige Demonstrationen gegen den Paragrafen 218 wie hier in Memmingen. Foto: Martin Storz

Mit ihrer Arbeit ist die Oberstufenschülerin die baden-württembergische Landessiegerin beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten geworden, sie geht nun ins Rennen um den Bundessieg.

Frau Wollenweber, Sie sind gerade 18 Jahre alt. Wieso beschäftigten Sie sich mit einem Abtreibungsthema von vor sechzig Jahren?

Ich bin durch meinen Geschichtslehrer darauf gekommen, als er den Wettbewerb vorgestellt hat. Er wusste, dass es in Weinheim mal irgend so eine Aktion gab, aber nichts Genaues. Ich hab dann auch nicht richtig verstanden, was damals passiert war, und mich erkundigt. Am Anfang hat mir das Thema gar nicht so gut gefallen. Jetzt fasziniert es mich.

Dass 200 Frauen auf das Polizeirevier gebracht und heftig unter Druck gesetzt wurden, war in Weinheim nicht bekannt?

Von den Leuten, mit denen ich geredet hatte, wusste niemand darüber Bescheid. Das Thema ist nur in zwei Büchern zur Stadtgeschichte erwähnt, da aber auch nur ganz kurz.

Woher rührt Ihre Faszination?

Ich war total empört; als ich mich genauer mit dieser Polizeiaktion beschäftigt habe, habe ich mich beinahe persönlich als Frau angegriffen gefühlt. Am Anfang konnte ich mich in die Personen nicht reinfühlen,Constanze Wollenweber. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Thomas Hörner. konnte nicht richtig verstehen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Wahrscheinlich, weil ich über die Zeit damals nicht viel wusste. Dann habe ich mit meiner Oma darüber geredet, die war damals ungefähr so alt wie ich jetzt, um etwas über die Stimmung in der Zeit herauszufinden. Auch mein Opa half mir, er war Geschichtslehrer. So konnte ich mich immer besser hineinversetzen. Meine Großeltern wohnten aber nicht in Weinheim, und meine Oma ist daher auch nicht befragt worden.

Haben Sie auch mit Betroffenen gesprochen?

Ich habe darüber nachgedacht, wie ich das machen kann. Ein Zeitungsartikel hat mich davon aber abgehalten. Der Text war 37 Jahre, nachdem das passiert war, geschrieben worden. Der Journalist berichtete, dass niemand mit ihm reden wollte, dass alle Frauen sagten, sie wollten das endlich vergessen. Und außerdem hatte ich viele schriftliche Quellen und ein kleines Zeitproblem. Ich habe auch noch Freundinnen gefragt, deren Familien schon lange in Weinheim wohnen, die haben wiederum ihre Omas gefragt, und die haben größtenteils gesagt, sie wüssten nichts davon. Das kann ich mir aber kaum vorstellen. Das Thema war damals in der Presse, man kann es kaum verpasst haben. Vielleicht war es mit so viel Scham behaftet, dass sich niemand mehr daran erinnern möchte, habe ich mir dann gedacht. Und habe den Plan verworfen.

Wie sind Sie stattdessen vorgegangen?

Als Erstes habe ich mir ein Bild von der Zeit gemacht, durch Filme und eben ältere Bekannte. Dann bin ich ins Stadtarchiv gegangen, da gibt es wahnsinnig viele Quellen dazu, zwei dicke Ordner. Der eine ist voll mit Zeitungsartikeln aus ganz Deutschland, der andere mit Beschwerdebriefen und Protokollen von einer Juristin, die mit den betroffenen Frauen Sprechstunden gemacht hat, damit sie sich beschweren konnten.

Ihr Wettbewerbsbeitrag besteht aus zwei Teilen, einem literarischen und einem nüchtern-wissenschaftlichen. Wie lange haben Sie daran gearbeitet? 

Anfang Oktober 2010 habe ich von dem Wettbewerb erfahren und mich relativ bald entschieden mitzumachen. Diesen Februar war dann Abgabe. 

Nächste Woche bekommen Sie 250 Euro Preisgeld und eine Urkunde aus der Hand von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer. Auf welche Schwierigkeiten stießen Sie bei Ihrer Arbeit?

Erst mal war es ein Thema, das vorher noch niemand in eine Ordnung gebracht hatte. Ich hatte die vielen Zeitungsartikel, das war total unübersichtlich. Ich musste mir erst  ein Bild davon machen, wer überhaupt alles beteiligt war, etwa ein Polizist, der sich geschämt hat, die Frauen in Weinheim, die er kannte, abzuholen. Ich habe die Artikel teilweise mit unterschiedlichen Stiften angemalt, eine Farbe für betroffene Frauen, eine für Ärzte, für die Staatsanwaltschaft. Es war auch nicht einfach, das Ganze neben der Arbeit, die ich für die Oberstufe in der Schule habe, zu machen. Meine Weihnachtsferien sind beispielsweise fast komplett dafür draufgegangen. Und man musste über diese lange Zeit motiviert bleiben.

Sind Sie eine gute Schülerin?

Es teilt sich: In kreativen, sprachlichen Fächern bin ich ziemlich gut, in den Naturwissenschaften hapert's.

Haben Sie deshalb auch einen Kurzroman verfasst? Das ist doch sicher schwerer.

Nein, mir ist es fast leichter gefallen. Ich habe zuerst den faktischen Teil gemacht, und da musste ich ganz neutral bleiben. Da habe ich mich natürlich mit den beteiligten Menschen beschäftigt und mich gefragt, wie ging's denen damit. Das konnte ich in dem Teil nicht unterbringen. Ich habe dann einfach mal mit dem Roman angefangen, weil kreatives Schreiben eh zu meinen Hobbies gehört. Es hat mir total Spaß gemacht, die Fakten so zu verarbeiten, und daraus ist der Text dann entstanden.

Sollte im Deutschunterricht mehr Platz für kreatives Schreiben sein?

Für mich schon. Ich habe einen Zusatzkurs Literatur gewählt, wo man kreatives Schreiben macht oder Gedichte verfasst. Für mich war das super, aber der größte Teil des Kurses hat sich darüber geärgert. Denn es ist schwierig, solche Texte zu bewerten. Wenn man sich hinsetzt und legt sein ganzes Herzblut in ein Gedicht, gibt das dann ab und bekommt eine schlechte Note zurück, ist das verletzender, als wenn man eine schlechte Note in Mathe schreibt.

Sie wollen dann sicher Schriftstellerin werden.

Eigentlich wäre es schon mein Traum, ich liebe das Schreiben. Aber ich weiß, dass es wahnsinnig schwierig ist, davon zu leben. Deswegen werde ich mir jetzt erst einen Brötchenjob suchen und sehen, ob es nebenher geht. Ich habe auch schon überlegt, Journalistin zu werden, auch Theaterwissenschaften und Germanistik interessieren mich.

Die Frauen in Ihrem Text sind alle überraschend stark. Wieso denn?

Ich weiß auch nicht so genau warum, eigentlich kam es einfach so. Ich habe viele Briefe von den Frauen gelesen, die sich beschwert haben. Es waren nicht viele Frauen, aber immerhin einige. Darunter waren auch Frauen, die gar nichts damit zu tun hatten. Die haben dem Bürgermeister geschrieben und gesagt, so geht es nicht, da muss man was dagegen unternehmen. Die Briefschreiberinnen waren sehr empört, vielleicht kommt das auch daher. Da habe ich mir gedacht, eigentlich waren die Frauen damals gar nicht so unterwürfig, wie sie jetzt manchmal geschildert werden.

Das Gespräch führte Sandro Mattioli.

1988/89 wurde in Memmingen gegen den Frauenarzt Horst Theißen prozessiert, wegen des Verdachts der illegalen Abtreibung. Foto: Martin Storz

Hier folgt das Kapitel "Ilse Krüger" aus Constanze Wollenwebers Kurzroman "Haben Sie abgetrieben?". Der gesamte Text ist hier herunterzuladen.

Ilse Krüger

Wir schrieben das Jahr 1951. Es war Mitte Februar, ein kühler, unfreundlicher Monat. Der Krieg war seit Jahren vorbei und hatte Deutschland in einem zerstörten, beschämten Zustand zurückgelassen. Ich aber kämpfte seit über einem Jahr in meinem eigenen Krieg. Gegen meinen Körper, der es sich angewöhnt hatte, mir stets das wieder zu nehmen, was mir am wichtigsten war. Dabei konnte es nur eine Verliererin geben: mich selbst. Alles, wonach Deutschland sich sehnte, war etwas Ruhe, Geborgenheit und Anerkennung. Alles, wonach ich mich sehnte, war, meinem Mann endlich seinen ersehnten Stammhalter zu schenken. Thomas. Das war der Name, den ich ausgesucht hatte. Nach meinem Vater, der im Krieg gefallen war. Ich verlangte nicht viel. Jeder anderen Frau gelang das, was ich nicht zustande brachte. Das Gefühl, dass etwas in meinem Bauch heranwuchs. Kleine zappelnde Beine, die gegen meine Bauchdecke stießen. Und wir hatten es verdient. So sehr, nach allem, was wir im Krieg mitgemacht hatten. Nur ein kleines bisschen Glück. Ein kleines Wesen, das uns jeden Tag, jede Sekunde an die Zukunft erinnerte. Ein kleiner Junge, der ohne Krieg und Schmerz aufwachsen würde, dafür würde ich sorgen. Ein kleiner Junge, auf den mein Mann stolz sein konnte.

Ein bohrender Schmerz presste meine Lunge zusammen. Ich klammerte mich so fest an das Spülbecken, dass meine Fingerknöchel weiß wurden. Hätte ich nicht so viel Übung darin, nicht zu weinen, dann ... Ich stellte mir vor, wie mir die Tränen übers Gesicht laufen würden und in das inzwischen kühle Spülwasser tropfen würden. Wie das Blut, das mir die Beine hinabgeronnen war, das mich verlassen hatte und ihn mitgenommen hatte ... Thomas. Ich zwang mich, tief Luft zu holen und weiter mit dem Geschirr zu hantieren. Funktionieren. "Sie muss wieder auf den Damm kommen, sonst funktioniert das alles doch nicht!" Das waren sie gewesen, die leisen, vorwurfsvollen Worte meiner Schwiegermutter zu ihrem Sohn. Ich hatte sie gehört, weil sie gedacht hatten, ich schliefe. In den Tagen danach, als ich mich nicht mehr aus dem Bett erhoben hatte. Weil alles zu viel war. Weil ich die Kraft nicht hatte. Weil ich unter der Oberfläche eines trüben Sees schwamm und nicht dazu fähig war, aufzutauchen.

Es klopfte. Ich holte tief Luft und räusperte mich, um zu überprüfen, dass meine Stimme da war, um mich zu unterstützen. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, schließlich konnte man nie wissen, wer da kam. Noch immer steckte mir das Misstrauen aus Kriegszeiten in den Knochen. Vor dem Haus stand ein dunkler Wagen, und davor hatten sich zwei Polizisten in Uniform aufgebaut. Sie sahen zu unserer Wohnung hoch. Ich wich vom Fenster zurück. Schon wieder hatte ich das Atmen vergessen, und mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Was wollten sie von uns? War etwas mit meinemFrauenprotest: der Memminger Prozess wurde auch als moderner Hexenprozess bezeichnet. Foto: Martin Storz Mann? War es nicht irgendwann einmal genug? Hatte Gott denn niemals vor, mir etwas Schonzeit zu gewähren? Als ich die Hand nach dem Türknauf ausstreckte, merkte ich, dass meine Finger zitterten. Vor der Tür stand Carl Schmitt, einer der Weinheimer Polizeibeamten. Er war ein guter Freund meines Mannes.
"Sind Sie Frau Ilse Krüger?", fragte er, ohne mich anzusehen. Ich verspürte plötzlich den Drang zu lachen.
"Ich dachte tatsächlich, das wüsstest du, nachdem du letzten Monat bei uns zum Essen eingeladen warst", stellte ich fest, und das spöttische Lächeln auf meinem Gesicht fühlte sich so ungewohnt an, dass ich das Gefühl hatte, es würde meine Haut auseinandersprengen. Endlich hob Carl den Blick, und ich sah die Scham in seinen braunen Augen. Sie machte mir Angst.
"Ich muss das fragen. Ich bin dienstlich hier. Bist du alleine in der Wohnung?" Ich nickte und spürte, wie das Blut aus meinem Gesicht wich und es bleich und ungesund zurückließ. "Wir brauchen eine Auskunft von dir, und wir wären dir dankbar, wenn du sofort mit mir zur Landespolizei Weinheim kommen würdest. In die Rote Turmstraße, du weißt ja, wo", sagte er schnell und fest.

"Wieso das? Hat sie was angestellt?", ertönte eine rauchige Stimme hinter ihm, und ich fuhr zusammen. Es war vermutlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich wirklich froh war, meine Schwiegermutter zu sehen. Sie kam schwerfällig die Treppe hinaufgestapft und wischte sich die schwieligen Hände an ihrer Schürze ab. Plötzlich war ich dankbar für ihre burschikose Art, die mir sonst immer zu schaffen gemacht hatte. Sie schob sich zwischen mich und den Polizeibeamten. Obwohl sie mich, als verwöhntes Stadtkind, nie als richtige Wahl für ihren Sohn angenommen hatte, war ich ihre Schwiegertochter. Schwer atmend sah sie Carl ins Gesicht.
"Sehen Sie denn nicht, dass meine Schwiegertochter gesundheitlich angeschlagen ist?", wetterte sie. Ungerührt blickte Carl ihr in die Augen, und ich wünschte mir plötzlich etwas von seinem Mut.

"Frau Krüger, gut, dass wir Sie hier treffen. Zu Ihnen wollten wir auch noch. Sie können direkt mitkommen. Draußen steht ein Wagen, sodass niemand sich überanstrengen muss. In ein, zwei Stunden sind Sie zurück."

Meine Schwiegermutter runzelte die Stirn – ihre Augenbrauen stießen in der Mitte zusammen – und machte einen so finsteren Eindruck, dass ich mich für einige Sekunden wunderte, wie draußen noch die Sonne scheinen konnte.

"Moment, junger Mann. Zunächst würde ich ganz gerne erfahren, warum wir hier so einfach festgenommen werden!"

Carl schüttelte den Kopf. "Von einer Festnahme kann keine Rede sein, es handelt sich nur um eine kleine Zeugenaussage. Den Grund dafür werden Sie bei der Polizei erfahren."

Ein Stich in die Eingeweide

Murrend riss meine Schwiegermutter meine Jacke von der Garderobe und warf sie mir zu. Mir zitterten die Knie, als ich ihr die Treppe hinunter folgte. Die kühle Luft außerhalb des Hauses jagte mir einen Schauder über den Rücken. "Aber ich bin mir keiner Schuld bewusst", sagte ich zu Carl und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme sich matt und ängstlich anhörte. "Keine Sorge, Ilse", sagte er ruhig, schaffte es aber nicht, mir länger in die Augen zu sehen. "Es ist nichts ... wirklich Schlimmes." Es kam mir vor, als wären seine Wangen etwas geröteter als zuvor, und ich meinte, aus dem Augenwinkel gesehen zu haben, wie die beiden anderen Polizisten sich angrinsten. Alle meine Sinne schlugen Alarm.

Im Wagen war es totenstill, nur meine Schwiegermutter schimpfte ab und zu leise vor sich hin. Beim Sitz der Landespolizei angekommen, wunderte ich mich, dass meine Beine mich überhaupt noch trugen. Vor der Tür trafen wir auf eine Frau, die ich vom Sehen kannte. Sie war hochschwanger und hatte die Hände schützend über ihren Bauch gelegt. Der Stich, der mir in die Eingeweide fuhr, saß tief. Warum sie und nicht ich? Aber als ich in die Augen der Frau blickte, sah ich meine eigene Angst darin widergespiegelt. Wir grüßten uns, und meine Schwiegermutter sagte: "Wollen Sie denn nicht mit reinkommen, es ist doch so kalt." Die Frau schüttelte heftig den Kopf, beugte sich vor und flüsterte: "Ich geh da nicht mehr rein, wenn ich nicht muss. Es geht um eine Abtreibungssache." Mir blieb die Luft weg, und ich musste mich für einen Moment an der Tür abstützen. Meine Schwiegermutter, ausnahmsweise einmal still, packte grob meinen Arm und zog mich hinter sich her. Drinnen standen wir in einem Flur, der nur unwesentlich wärmer war als draußen. Sofort stürzte sich meine Schwiegermutter auf Carl, der uns bedeutete, bei den anderen Frauen Platz zu nehmen, die wartend auf beiden Seiten des Flurs saßen. "Was haben wir mit einer Abtreibungsgeschichte zu schaffen? Können Sie mir das erklären?", zeterte sie, und ihre Stimme hallte durch den Flur. "Sie werden es erfahren." Ich verstand nicht, wie er so ruhig sein konnte. Ich verstand nicht, wie irgendjemand auf der Welt noch ruhig sein konnte. Stumm setzte ich mich zu den anderen Frauen.

Rundum genervte und angespannte Gesichter. Eine Tür zum Flur war geöffnet, dort sah man einen anderen Beamten sitzen, und das genügte, um uns allen jegliche Lust zu nehmen, auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Nicht einmal Blicke wollten wir austauschen. Niemand wollte die anderen sehen, niemand gesehen werden. Die Schande war zu groß. Und doch ertappte ich mich mit der Zeit dabei, wie ich zu den anderen hinschielte und mich fragte, ob es eine von ihnen tatsächlich getan hatte. Hatte eine von ihnen das größte Glück erlebt und etwas dagegen unternommen, während ich ... Wut stieg in mir hoch. Auf die anderen, auf mich, auf alles und jeden. Ich schämte mich so sehr. Die schwangere Frau war nun doch hereingekommen und hatte sich mir gegenüber gesetzt. Ich konnte den Blick nicht mehr von ihrem gewölbten Bauch abwenden. Wusste sie, wie gut sie es hatte? Wusste sie, was andere Frauen dafür geben würden, an ihrer Stelle zu sein? Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, alles, was vor meinem geistigen Auge schwebte, war der gewölbte Bauch der schwangeren Frau. Auch als sie schon längst gegangen war.

Die braune Jacke eines Polizisten hängt über dem Stuhl

Doch schließlich hörte man aus einer geschlossenen Tür direkt neben meiner Schwiegermutter die Stimme einer offenbar erregten, aufgelösten Frau, die mich in die Realität zurückholte: "Ich schwöre es Ihnen bei dem Leben meiner Kinder ...!" Sie brach ab. Mit einem Schlag war die Angst zurück. Nur einige Minuten später wurde ich selbst in ebendieses Zimmer gerufen, aus dem die Frauenstimme gedrungen war. Leise zitternd nahm ich gegenüber dem beleibten Beamten an dem Schreibtisch Platz. Eine braune Jacke hing über meinem Stuhl. Den Polizisten hatte ich noch nie gesehen. Er war nicht von hier. An einem zweiten Schreibtisch saß noch ein anderer Mann, den ich auch nicht kannte. Der Beamte, der mir gegenübersaß, nahm den Stift, auf dem er herumgekaut hatte, aus dem Mund und zeigte damit auf meinen Stuhl.

"Ich lasse den Mantel da hängen, aber räumen Sie meinem Kollegen nicht die Taschen aus!" Er lachte, und sein dicker Bauch bebte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und rang mir ein kleines Lächeln ab. Es tat weh.

"So." Der Mann holte Atem. "Sie sind also die Frau Ilse Krüger? Dann erzählen Sie uns mal ein bisschen was von Ihrem Leben. Wann sind Sie geboren?"

"1924. In München", antwortete ich. Meine Stimme bebte nicht. Kurz dachte ich an meine Schwiegermutter. Ich funktionierte. Und wie ich funktionierte.

"Sie wohnen noch nicht lange hier?"

Ich presste die Lippen zusammen. "Nein, mein Mann und ich haben 47 geheiratet, und dann bin ich mit ihm hierhergezogen. In seine Heimatstadt." Und in diesem Moment wurde mir klar, was passiert war. Ich, die ich in der Nachbarschaft manchmal immer noch als die Fremde angesehen wurde, mit dem fremden, bayrischen Dialekt und den empfindlichen Händen, ich, das Großstadtmädchen, das ohnehin oft belächelt wurde, war von zwei uniformierten Polizisten im Wagen abgeholt worden. Sie hatten vor unserem Haus gestanden. Ich konnte förmlich spüren, wie sich die Nachbarn schon jetzt, in diesem Moment zusammenrotteten, kicherten und lachten, spotteten und feststellten, dass sie es immer gewusst hatten. Wie sie es weitererzählten, wie es von Ohr zu Ohr getragen wurde, bis es schließlich und endlich alle wüssten. Ihre Schadenfreude, ihr Gerede, ihr Flüstern summte in meinen Ohren, und ich musste für einen Moment die Augen schließen.

"Sie haben keine Kinder?", drang die unbarmherzige Stimme des Beamten durch die Decke meiner Verzweiflung.

Ich schüttelte den Kopf.

"Aber sie wollen welche?"

Inzwischen fiel es mir schwer, seine Fragen durch das Rauschen in meinen Ohren zu verstehen. "Mehr ..." Meine Stimme machte sich klein, und ich räusperte mich. "Mehr als alles andere."

"Haben Sie nach Weihnachten letzten Jahres eine Fehlgeburt gehabt? Und war es nicht schon die zweite?" Mir stockte der Atem. Ich hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen. Woher wusste er das? Und wie konnte er mir eine solche Frage stellen? Wusste er denn nicht, was er mir damit antat? Aber er ist Polizist, du musst ihm antworten. Außerdem ein Mann. Meine Gedanken überschlugen sich, und ich nickte erneut. Der Beamte nickte ebenfalls und beugte sich weit vor. Sein Bauch stieß an den Schreibtisch, als er mir mit seinen blauen Augen direkt ins Gesicht sah und fragte: "Wie ist es denn dazu gekommen?" Ich wich automatisch so weit zurück, wie der Stuhl es zuließ.

"Wir wissen es nicht", flüsterte ich tonlos. Ich konnte nur noch geradeaus starren. Auf sein Hemd, das sich über seiner Brust spannte, als hätte er in letzter Zeit schlagartig zugenommen. Die Tür des Zimmers öffnete sich mit einem Krachen, das mich zusammenfahren ließ, und zwei lachende Polizeibeamte betraten den Raum. Carl war einer davon.

"Wie hat sich die Fehlgeburt eingeleitet?", fragte der Mann, ohne sich ablenken zu lassen. Ich drehte mich hastig um, als mir übel wurde, und sah Carl an. Er wich meinem Blick aus. "Muss ich das wirklich beantworten?", fragte ich und wehrte mich gegen die Müdigkeit, die meine Schultern ganz plötzlich nach unten drückte. "Wenn hier so viele Männer im Zimmer sind? Auch noch Männer, mit denen ich im Privatleben zu tun habe?"

Der Beamte, der mich verhörte, verzog sein speckiges Gesicht zu einem doppeldeutigen Lächeln, während er Carl musterte.

"So, so. Im Privatleben zu tun. Nun, Frau Krüger, Sie sind hier bei einer Vernehmung, da antwortet man auf die Fragen, die einem gestellt werden, nicht wahr? Also, wie hat sich die Fehlgeburt eingeleitet?" Carl verließ mit gerötetem Gesicht den Raum. Der andere, der mit ihm gekommen war, setzte sich auf den Schreibtisch des anderen Beamten, der meine Aussage in eine Schreibmaschine eintippte. Ich schluckte und versuchte, meine zunehmende Übelkeit zu ignorieren.
"Es ... hat sich eingeleitet wie jede normale Geburt, denke ich. Ich hatte Schmerzen ... solche Schmerzen." Ich würgte an dem Kloß, der wie ein riesiger Stein in meinem Hals feststeckte.

"Wie ist sie dann abgelaufen? Haben Sie starke Blutungen gehabt?" Jede Frage war ein Pfeil, der sich in meine Eingeweide bohrte. Der Beamte trank einen Schluck Tee aus seiner Thermoskanne. Ihm rann ein Tropfen aus dem Mundwinkel. Ich nahm ihn kaum war. Alles, was ich sah, war Blut. Bäche, große Pfützen. Mein Thomas. Mechanisch nickte ich.

"Ja, viel Blut. Erst ... erst wenig und dann viel. So viel Blut ..." Es war, als würde ich den Beamten und das Vernehmungszimmer nur noch durch eine riesige Blase sehen, die mich umgab. "Und dann haben Sie Herr Doktor Hartmann rufen lassen?" Wieder ein Nicken von mir. So war es gewesen. Und es war zu spät gewesen.

"Warum ausgerechnet ihn?"

"Weil er mein Arzt ist."


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