Ausgabe 155
Gesellschaft

Tod im Netz — was vom User übrig bleibt

Von  Jasmin Siebert
Datum: 19.03.2014
Was geschieht eigentlich mit Texten auf dem eigenen Blog, offenen Ebay-Rechnungen und Shitstorms auf Twitter, wenn wir sterben? Darüber macht sich kaum ein Mensch Gedanken. Birgit Aurelia Janetzky schon. Ein Gespräch mit der Online-Nachlassverwalterin über den Tod im Netz.

Dass sie ihrer Zeit voraus sei, haben Birgit Aurelia Janetzky schon viele gesagt. Vor vier Jahren gründete sie in Denzlingen bei Freiburg ein Unternehmen, das hilft, digitale Identitäten zu "beerdigen" und den Nachlass im Netz zu verwalten. Janetzky taufte es Semno. "Semnos" ist das griechische Wort für Würde. Janetzky und ein Team freier Mitarbeiter analysieren im Auftrag von Angehörigen Laptops und Handys Verstorbener, löschen Nutzerkonten und retten Online-Guthaben. Dabei ist die 51-jährige Geschäftsführerin eigentlich katholische Theologin. Seit 15 Jahren arbeitet sie als freiberufliche Trauerrednerin, begleitet Angehörige Verstorbener und berät Menschen, die beruflich mit dem Sterben zu tun haben. Sie hält Vorträge und schreibt im Internet über Trauer und Tod.

Nachlassverwalterin Birgit Aurelia Janetzky: "Ein Grab ist sinnlicher als eine virtuelle Kerze."
Nachlassverwalterin Birgit Aurelia Janetzky: "Ein Grab ist sinnlicher als eine virtuelle Kerze."

Frau Janetzky, wie kam es, dass Sie sich mit dem digitalen Nachlass beschäftigen? 

Ich wurde ungefragt auf Esoterikseiten zitiert und wollte die Einträge löschen lassen. Das klappte erst, als ich drohte zu klagen. Da hatte ich den Gedanken: Wer kümmert sich eigentlich um die Daten von Verstorbenen? Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass sich in Deutschland noch niemand mit dem digitalen Nachlass beschäftigt hat. 2008 gab es noch keinen Anbieter in Deutschland. Also habe ich ein Geschäftsmodell entwickelt. 

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Mich hat die lange Begleitung einer Mutter sehr bewegt. Deren Tochter wollte Modell werden und nahm sich mit 15 Jahren das Leben. Wir haben mehr als 30 Nutzerkonten auf Modellplattformen gelöscht. Das Mädchen hatte dort Fotos eingestellt, zum Teil spärlich bekleidet. Ich wurde damit konfrontiert, wie unbedarft eine Jugendliche mit ihren Bildern und auch mit den Kontakten auf diesen Seiten umgeht. Dieser Einblick hat mir sehr zu denken gegeben. 

Das Internet ist ein unendlich großer Raum, in dem Texte und Bilder bis in alle Ewigkeiten aufbewahrt werden. Wir sind dort sozusagen unsterblich. Ist das Netz das Himmelreich der digitalen Generation?

Der philosophisch-theologische Begriff meint mit unsterblich etwas anderes als eine Ansammlung von Daten im Internet. Aber das Netz bietet umfangreiche Möglichkeiten, Bilder und Texte Verstorbener aufzubewahren und anderen zugänglich zu machen. Das ist sehr schön. Nur sollte man das nicht Unsterblichkeit nennen, sondern Erinnerung.

Kann der Gedanke, dass ein Mensch im Netz weiter existiert, nicht auch tröstlich sein?

Nein, ich halte das für irrelevant. Wichtiger ist, dass ich meine Familie und meine Freunde in ihrem Leben berührt habe. Trost finden im Netz eher Trauernde, zum Beispiel auf Seiten wie "meineTrauer.de". Viele nutzen geschützte Foren, in denen sie anonym sind. Wenn sie nachts nicht schlafen können, setzen sie sich an den Rechner und finden in der Regel jemand anderen, der auch nicht schlafen kann. Mir erzählen Menschen immer wieder, dass ihnen das geholfen hat.

Ist das Internet eine Möglichkeit, dass die Tabuthemen Tod und Trauer einen Weg zurück in den Alltag finden? Zum Beispiel dadurch, dass man täglich das Facebook-Profil eines verstorbenen Freundes sieht.

Ein Profil, das einfach weiter besteht, bewirkt nicht automatisch eine Auseinandersetzung mit Tod und Trauer. Es geht in solchen Netzwerken oft darum, gesehen zu werden, sich betroffen zu zeigen und der Erste zu sein, der die Nachricht vom Tod eines "Freundes" weiterverbreitet. 

Die Trauer in sozialen Netzwerken sehen Sie also kritisch, weil es auch um Selbstdarstellung geht?

Ja und es gibt noch eine andere Schwierigkeit. Jetzt jährt sich zum Beispiel gerade der Amoklauf von Winnenden zum fünften Mal. Nach der Tat haben sich Journalisten in soziale Netzwerke eingeloggt. Die wollten O-Töne, Kontakte, Hintergrundinformationen. Das ging so lange, bis das Online-Portal SchülerVZ die Gruppen dicht gemacht hat.

Sollten Tod und Trauer also doch eher privat bleiben?

Wenn ich das Internet in der Trauerzeit nutze, muss ich mir bewusst sein, dass sich Dinge öffentlich verbreiten und dass ich die Kontrolle darüber abgebe. Wenn zum Beispiel ein Bekannter eine Gedenkseite einrichtet, muss die trauernde Familie sicherstellen, dass sie jederzeit Zugriff hat, auch wenn sich der Bekannte nicht mehr dafür interessiert. Beispielsweise um Spameinträge zu verhindern oder Verlinkungen zu Pornoseiten. Mir wurde auch schon erzählt, dass der Sohn aus der ersten Ehe eines verstorbenen Mannes ohne zu fragen eine Gedenkseite gemacht und Sachen drauf geschrieben hat, die die zweite Ehefrau nicht gut fand und löschen lassen wollte. So entstehen neue Konflikte in einer Familie und neue Felder für Rechtsanwälte.

Eine virtuelle Gedenkseite hat den Vorteil, dass man sie von überall aus besuchen kann. Anders als ein echtes Grab. 

Natürlich. Doch der Bildschirm ist wenig sinnlich. Es ist doch etwas anderes, ob auf einem digitalen Grab Blumen verwelken oder ob ich auf den realen Friedhof gehe, wo ich die Vergänglichkeit spüren kann. Aber es fällt vielen Menschen leichter, eine virtuelle Kerze anzuzünden als an der Haustür zu klingeln. Dadurch verlernen wir aber auch, uns der Trauer auszusetzen. Die Angehörigen Verstorbener erleben viel Unsicherheit in ihrem Umfeld. Menschen gehen ihnen aus dem Weg, weil sie nicht wissen, wie sie mit Trauer umgehen sollen. Der Onlinekontakt kann daher auch ein Schritt hin zum persönlichen Kontakt sein.

Sie wünschen sich, dass die digitalen Medien den Weg zur analogen Kommunikation ebnen?

Ich denke, wir testen gesellschaftlich gerade aus, welche Formen hilfreich sind. Einer Generation, die keine Briefe mehr schreibt, sage ich nicht: Im Trauerfall muss es schwarz umrandetes Papier sein. Wenn ich eine Todesnachricht per Mail verschicke, sollte ich allerdings gut überlegen, an welchen Verteiler sie geht, damit ich niemanden schockiere. 

Fast 240 000 Menschen haben bereits eine Botschaft auf "ifIdie1st.com" verfasst. Dem, der als erstes stirbt, verspricht die Seite Weltruhm. Mit der Facebook-App "ifIdie.net" kann man Botschaften verfassen, die nach dem eigenen Tod an Facebook-Freunde verschickt werden. Wird hier der Tod verharmlost?

Die App findet nur witzig, wer nicht davon betroffen sind. Natürlich ist der Tod nicht immer ernst. Aber der Humor, den ich in realen Trauergesprächen erlebe, ist weicher. Bei Erinnerungen an witzige Situationen wird auch gelacht. Und es gibt Menschen, die im Abschied sehr humorvoll sind. Aber auf einer anderen Ebene als in so einem Videoclip.

Facebook-Nachrichten aus dem Jenseits sind beliebt. Birgit Janetzky sieht das eher kritisch.
Facebook-Nachrichten aus dem Jenseits sind beliebt. Birgit Janetzky sieht das eher kritisch.

Wie sehen für Sie sinnvolle Abschiedsrituale im Netz aus?

Ich muss mich fragen: Ist das eine Form, die für mich persönlich passt oder finde ich sie grundsätzlich problematisch? Es ist beispielsweise okay, per Webübertragung an einer Trauerfeier teilzunehmen, wenn bestimmte Dinge beachtet werden. Zum Beispiel die Persönlichkeitsrechte der anderen Trauergäste.

Sie betreiben zwei Homepages, sind Mitglied in mehreren sozialen Netzwerken, Sie twittern und bloggen. Was soll mit Ihrem digitalen Nachlass geschehen, wenn Sie eines Tages sterben?

Twitter kann sofort abgeschaltet werden. Auch auf Facebook muss ich nicht weiter vertreten sein. Die sozialen Netzwerke sind für den Austausch unter den Lebenden gedacht. Mein Blog... 

... grabauf-grabab.de ...

... darf bleiben. Mit einer Startmeldung, dass die Blogschreiberin verstorben ist, aber sich die Menschen hier weiter zum Thema Tod informieren können. Er soll auch zentrale Erinnerungsanlaufstelle sein. Wer mich kennt, weiß, da gibt es den einen Ort. Im echten Leben habe ich ja auch keine fünf Grabsteine.

Jasmin Siebert (27) hat auch schon Botschaften an ihre Nachfahren hinterlassen - unter dem Wohnzimmerboden in ihrem Elternhaus.


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