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Plötzlich war alles anders

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Früher kletterte er auf Felsen und Berge, heute kann ein Bordstein schon ein unüberwindbares Hindernis sein: Ein Unfall zwang den Tübinger Sportlehrer Sebastian Frey in den Rollstuhl und veränderte seine Zukunft schlagartig. Das Porträt eines Querschnittsgelähmten, der den Mut nicht verloren hat.

Er hat den Sprung schon oft gewagt. Von der Klippe, die etwa acht Meter aus dem Meer ragt, an der Ostküste Mallorcas bei Porto Christo. Ausreichend Wassertiefe, klare Sicht bis zum Grund — kopfüber in die Wellen. Niemand weiß, was bei diesem Sprung schief gelaufen ist, der der letzte seines Lebens wurde. Niemand weiß, warum sich die beiden Halswirbel verschoben, das Rückenmark einquetschten und Sebastian Frey zum Querschnittsgelähmten wurde.

Zum Klettern reiste Frey 2008 mit dem Ferienflieger nach Mallorca, zurück brachte ihn die Deutsche Luftrettung. Damals war er 34 Jahre alt. Nachdem er ins Wasser eingetaucht war, erstarrte sein Körper — er drohte zu ertrinken. Drei Schwimmer zogen ihn an Land. Ein Hubschrauber flog ihn in eine Klinik in Mallorcas Hauptstadt Palma, wo er zwei Tage später operiert wurde. "Intuitiv habe ich sofort gewusst, dass ich gelähmt bin", sagt Frey. "Dass es für immer ist und was das bedeutet, war mir damals nicht klar."

Die Kletterwand in der Halle des Deutschen Alpenvereins in Reutlingen hätte Frey früher mit Leichtigkeit bezwungen. Mitten unter den Sportlern, die sich mit Liegestützen, Klimmzügen oder Seilspringen aufwärmen, sitzt der 40-Jährige heute in seinem Rollstuhl. Von der Brust abwärts ist er gelähmt. Die Arme kann er bewegen und so schiebt er seinen Rollstuhl selbst durch den Trubel. Es riecht nach Schweiß, nach dampfenden Sportklamotten und muffigen Handtüchern. Frey schwitzt nicht, sein Körper reagiert seit dem Unfall weder auf Hitze noch auf Kälte.

Bis zu seinem Unfall lief sein Leben so, wie er sich das vorgestellt hatte: Mit seiner Freundin war er seit sieben Jahren liiert, sie lebten bereits in einer gemeinsamen Wohnung in Tübingen. Er freute sich morgens ans Gymnasium zu gehen, wo er Lehrer ist, und seinen Schüler Sport und Englisch beizubringen. Seine Freizeit war mit Sport verplant, am liebsten spielte er Basketball oder er kletterte. Es zog in raus in die Natur, in die Berge oder ans Meer zum Surfen. Als nächstes wäre wohl ein Kind gekommen. Er führte eine glückliche Beziehung, hatte einen Beruf, der ihm Freude machte und Hobbys, die ihn erfüllten. So hätte es weitergehen können.

"Basti" nennen die Jugendlichen ihren Klettertrainer. Seit etwa zehn Jahren zeigt er ihnen, wie sie an der Steilwand sichere Tritte und Griffe setzen. Vor seinem Umfall stieg er voraus, seit sechs Jahren erklärt er die Technik vom Rollstuhl aus. Obwohl er sitzt, fällt auf, wie groß der 40-Jährige ist — über 1,90 Meter. Auch seine Hände sind riesig. Sie benutzt er, wenn er als Trainer eigentlich etwas mit den Beinen demonstrieren müsste. "Die Füße überkreuzen" sagt er etwa und kreuzt die Hände. Die Rechte bewegt er flink, die Linke ist zusammengekrümmt, steif, ohne Gefühl, kaum bewegbar. Unter der Jeans zeichnen sich die dünnen Beine ab. Die Muskeln haben sich durch die fehlende Belastung stark abgebaut, die Knochen sind weich und porös geworden. 

Wenn Frey mit seinen Kletterschülern Scherze macht, zieht sich ein freches Grinsen über sein Gesicht. Er ist ein Kumpel-Typ, aufgeschlossen. Als Trainer kennt er hier viele der Leute, grüßt sie freundschaftlich. Nichts ist ihm anzumerken, als Gelähmter an einem Ort, an dem alles in Bewegung ist. Niemand wundert sich über den Rollstuhlfahrer in der Kletterhalle, der nur zuschauen kann. Sebastian Frey lässt keinen Zweifel daran, dass er hierher gehört. 

Alltägliches wird unmöglich

Kurz nach seinem Unfall ahnte Frey noch nicht, wie sich sein Leben verändern würde. Er wusste nicht, dass er in Zukunft sein Hemd nicht mehr alleine zuknöpfen kann. Oder Hilfe beim Binden der Schnürsenkel oder beim Öffnen einer Konservendose braucht. Er wusste auch nicht, dass er in der Schule erst ab der dritten Stunde unterrichten kann, weil es morgens zu lange dauert, bis sein Kreislauf in Schwung kommt. Dass er in Zukunft den Großteil seiner Kraft und Zeit darauf verwenden muss, den Alltag zu bewältigen. 

Querschnittslähmung C5/C6 lautet die Diagnose. Das Rückenmark zwischen dem 5. und 6. Halswirbel ist vernarbt, es kann die Befehle des Gehirns an keine Nervenenden weiterleiten, die unterhalb der Verletzung liegen. Die Impulse dringen nur bis zu der Stelle in seinem Nacken vor, die heute von einer hellen, länglichen Narbe markiert ist. In Deutschland gibt es etwa 100 000 Querschnittsgelähmte, jährlich kommen ein- bis zweitausend dazu. Die meisten zwingen Unfälle in den Rollstuhl. 

Frey musste nach dem verhängnisvollen Sprung ein neues Leben beginnen. Obwohl er noch in derselben Wohnung wohnt, denselben Job hat, sogar noch Sport unterrichten könnte, hat sich alles von Grund auf verändert. Seine Freundin hat ihn drei Jahre nach seinem Unfall verlassen, nach zehn Jahren Beziehung. Sie kam mit dem neuen Leben ihres Partners nicht zurecht. Statt Basketball und Klettern ist sein Sport heute Rollstuhlrugby. Dreimal die Woche hat er Termine beim Physiotherapeuten.

Mit seinem weißen Kleinbus fährt der Lehrer in den Hof des Uhland-Gymnasiums. Er beschleunigt und bremst nur mit seinen Händen. Auf Knopfdruck öffnet sich die Schiebetür, Frey hievt sich vom Fahrersitz in den Rollstuhl, rollt auf die Rampe, die sich, begleitet von einem mechanischen Ton, auf den Asphalt senkt. Vor seinem Unfall besaß er kein Auto. Früher war er in Tübingen viel mit dem Rad unterwegs. Jetzt ist das Auto für ihn die einzige Möglichkeit, eigenständig längere Strecken zurückzulegen.

Vor drei Jahren hat Frey eine Foto-AG an seiner Schule ins Leben gerufen. Fotografieren ist ein neues Hobby von ihm. Eines der wenigen, die er noch hat, nachdem er so viele aufgeben musste. Wenn er Zeit hat, setzt er sich in seinen Kleinbus und fährt auf der Suche nach Motiven durch die Gegend. Die meisten Fotos schießt er vom Fahrersitz aus. Mit dem Rollstuhl aussteigen wäre umständlicher und verschiedene Perspektiven kann er im Sitzen ja doch nicht einnehmen. Frey ist an den Rollstuhl gefesselt, doch er nimmt es ihm nicht übel. Sein "Rolli" ist wie ein Teil seines Körpers, er erleichter ihm denn Alltag, er gehört dazu.

Vier Schüler kommen an diesem Tag in die AG. Frey hat das Equipment im Auto verstaut und sagt seinen Schülern, wo sie es finden können. Geduldig erklärt er ihnen, was sie holen und tun sollen. Frey ist es gewohnt, in Worte fassen zu müssen, was andere einfach zeigen oder selbst machen können. "Das nervt natürlich manchmal", sagt er, "vor allem im Kletterunterricht."

Seine Schüler schickten ihm Briefe und Basteleien

Wenige Tage nach seiner Operation kehrte Frey zurück nach Deutschland. In der Station Q der Unfallklinik in Tübingen verbrachte er die nächsten zehn Monate zur Rehabilitation. Q steht für Querschnittsgelähmt. Nach seiner Entlassung wollte er zurück an die Schule, er brauchte eine Aufgabe. Auch die Schüler wollten ihn zurückhaben. "Die haben mich bombardiert mit tausend Briefen und mit selbstgebastelten Sachen", sagt Frey und sein Blick wird weich. Das volle Pensum, 25 Unterrichtstunden pro Woche, schafft er nicht. An die Tafel kann er nicht mehr schreiben, jede Stunde muss er ganz genau durchplanen und auf PowerPoint Folien zusammenfassen. Zwölf Stunden die Woche unterrichtet er auf diese Weise.

Es ist ein frühlingshafter Tag, die Foto-AG will heute in den nahegelegenen Park. Einer der Schüler soll das Modell geben, er wird Basketball spielen, sie werden ihn fotografieren — von unten, während er am Korb hängt, beim Dreier werfen oder Korbleger machen. Frey beobachtet seinen Schüler beim Spiel mit dem Ball. "So war ich früher auch", sagt er. "Wenn ich einen Ball in der Hand hatte, habe ich alles um mich herum vergessen." Rollstuhlbasketball kann er nicht spielen, ihm fehlt die Rumpfmuskulatur, die er für den Wurf braucht.

Nach etwa der Hälfte der Reha-Zeit teilten ihm die Ärzte mit, dass er wohl nie wieder wird gehen können. Nie wieder laufen, rennen oder springen. Doch er wusste es sowieso schon. "Den Sport aufzugeben, ist das kleinere Übel", sagt Frey. "Mit dem Alltag klar kommen ist manchmal schwierig und sehr zeitintensiv." 

Frey lebt heute ein Leben voller Stolperfallen. Viele Bordstein, manche Türen und jede Treppe werden zu Hindernissen. Viele könnte er ohne Hilfe nicht überwinden. "Ich habe kein Problem damit, Leute zu fragen, ob sie mir helfen", sagt er. "Aber manchmal nervt es, dass ich sie fragen muss." 

Selbst banale Dinge werden unmöglich: "Wenn ich spät abends Bock auf Nudeln mit Tomaten aus der Dose habe, dann klingle ich nicht beim Nachbar und bitte ihn, die Dose zu öffnen", sagt Frey. "Dann bleibt es eben beim Bock haben." Weil er sein Hemd nicht zuknöpfen kann, zieht er eben einen Pullover an. Weil er Flaschen nur schwer aufkriegt, macht er sie nach dem öffnen einfach nicht mehr richtig zu. 

Freys Leben spielt sich heute in einem kleineren Radius ab als früher. Jeden Tag stößt er an seine Grenzen. Er plant nicht mehr in die Zukunft, höchstens den nächsten Urlaub. Eine Familie zu gründen kann er sich vorstellen, doch eine Partnerin hat er nicht.

"Ich versuche nicht daran zu denken, wie mein Leben früher war", sagt Frey. "Das tut mir nicht gut." Die Hoffnung, dass die Medizin irgendwann Querschnittslähmungen heilen kann, bleibt. In der Reha sagten sie ihm, er solle hoffen, aber nicht warten. "Ich würde nicht sagen, dass ich unglücklich bin", sagt er. "So wie es ist, komme ich klar. Ich bin zufrieden."

Carolina Torres kam nach der Begegnung mit Sebastian Frey aus dem Staunen nicht mehr heraus. Von ihm will sie sich abschauen, wie man auch in den schwierigsten Situationen Auswege findet.


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