KONTEXT:Wochenzeitung
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"Wir starten durch!"

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Die Aufmerksamkeit der Medien war ihnen sicher: Den Drehpunkt-Projekten, die aus arbeitslosen Schleckerfrauen Unternehmerinnen und Nahversorgerinnen machen. Doch die Banken sitzen auf den Bürgschaften und die Politik hält sich vornehm zurück. Die Verkäuferinnen und die Gewerkschaft Verdi bleiben hartnäckig: „Wir starten durch“, sagen die Frauen mit kämpferischem Trotz.

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Conny Heitzenröther trägt die Haarsträhne mit trotzigem Selbstbewusstsein. Grün leuchtet sie im grauen Haar, so apfelgrün wie der geschlossene Schlecker in Welzheim einmal leuchten soll, wenn sie und ihre zwei Mitstreiterinnen darin endlich ihren eigenen Laden aufmachen und die blauen Aufkleber abkratzen können. Blau ist die Farbe des insolventen Drogeriemarkt-Giganten, der Conny Heitzenröther erst zur schlechtbezahlten Verkäuferin und mit seiner Insolvenz zur Arbeitslosen machte. Die Zukunft heißt Drehpunkt und ist apfelgrün. Doch noch dreht sich nichts in Welzheim, weil die Banken sich Zeit gelassen haben mit der Bürgschaft. Die wiederum braucht es, damit aus dem EU-Fördertopf Gelder fließen können.

Dabei stecken die Welzheimerinnen voller Ideen, wie der Genossenschaftsladen einmal aussehen soll, den sie in Eigenregie und unterstützt von der Gewerkschaft betreiben wollen. Männer lassen sich in solchen Situationen eine Bart stehen, Conny Heitzenröther hat sich das Haar gefärbt. "Die Farbe bleibt so lange, bis wir unseren Laden aufmachen", sagt sie an ihrem Info-Stand auf dem Welzheimer Frühlingsmarkt und bläst die grüne Strähne entschlossen aus dem Gesicht. Von der Verkäuferin zur Unternehmerin, da kann Kampfgeist nicht schaden. Geplant war, Mitte April zu eröffnen. Warten ist hart, wenn man voller Elan steckt.

Schleckerfrauen – fast wäre es das Unwort des Jahres 2012 geworden. Mit der Pleite des Ehinger Metzgermeisters Anton Schlecker standen zehntausende Verkäuferinnen auf der Straße. Nur wenige haben inzwischen Arbeit gefunden. Und so könnte das Baden-Württemberger Modell zum bundesweiten Exportschlager werden.

In Bietigheim haben die Kunden den Laden gestürmt

Auch in Bietigheim-Buch sah der Plan anders aus. "Heute haben unsere Kunden den Laden gestürmt", sagt Marina Juhrich, lehnt sich zurück und lacht. Was soll's – die drei vom Drogeriemarkt, die keine Schleckerfrauen sein wollen, haben halt vor der offiziellen Eröffnung aufgemacht. Dass man flexibel sein muss, das haben Marina Juhrich, Birgit Schubert und Rosina Fuhrmann schon bei der überraschenden Schleckerpleite im vergangenen Jahr gelernt. Bei den unzähligen Bewerbungen, die sie danach geschrieben haben und bei den prompt folgenden Absagen. Sie haben den alten Schleckerladen in Bietigheim bei Stuttgart gemietet, haben die Wände gestrichen, neue Regale aufgestellt und Waren bestellt.

Die Kunden haben sich am Schaufenster die Nase platt gedrückt, den Frauen beim Renovieren zugesehen. Jetzt wollen sie nicht länger warten, auch wenn die Regale erst halb gefüllt sind. Heute ist Wochenmarkt in der Siedlung und die Drogerievorräte zu Hause sind schon seit Wochen erschöpft. Sie haben den Verkäuferinnen die Treue gehalten, nun wollen sie einkaufen. "Ich habe Sie so vermisst", sagt eine alte Frau, umarmt Rosina Fuhrmann, und legt erst danach Shampoo, Seife und Katzenfutter auf den Kassentisch. Der Kassiererin schießen die Tränen in die Augen. Sie dreht sich verstohlen weg. "Ich Sie auch", sagt sie leise. Arbeit hat auch mit Würde zu tun. Nutzlos hat sich Rosina Fuhrmann nach der Schleckerpleite gefühlt, ausrangiert und ohne Chancen, mit ihren 51 Jahren jemals wieder einen Job zu bekommen. Nun ist sie wieder da. In ihrem alten Laden, der nun zu einem Drittel ihr gehört. "Ich hab gute Laune", verkündet Birgit Schubert, als sich alle im Kaffeezimmer treffen, das auch Lagerraum und Büro ist. Die drei Frauen lachen.

Zusammen sind sie 169 Jahre alt, haben 47 Jahre bei Schlecker gearbeitet und sind zum ersten Mal in ihrem Leben selbständig unterwegs. Marina Juhrich, 60 Jahre, klein und zäh und die Chefin im Ring. Rosina Fuhrmann, 51 Jahre, großes Herz, Verkäuferin mit Leib und Seele. Birgit Schubert, 58 Jahre, 40 Bewerbungen und 40 Absagen, eine Frohnatur, die sich nicht beirren lässt. Sie kennen sich, sie schätzen sich, sie kämpfen das gemeinsam durch: "Wir verstehen uns ohne Worte", sagt Marina Juhrich, "ein Blick genügt." Drei Köpfe nicken.

Anschlussverwendung hätte das Unwort des Jahres 2012 werden sollen

Die Verkäuferinnen aus Bietigheim und Welzheim gehören zu den 25 000 Frauen, die bundesweit als "Schleckerfrauen" bekannt wurden, als der schwäbische Drogerie-Gigant im vergangenen Jahr Pleite ging. Die Politik versprach Hilfe. Doch eine Auffanggesellschaft scheiterte ebenso wie der waghalsige Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), aus den Verkäuferinnen Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen zu machen. Die Arbeitsagenturen versprachen, sich um die meist älteren Verkäuferinnen zu kümmern, bisher haben nur wenige einen Job gefunden. Und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sprach wenig einfühlsam von "Anschlussverwendung", gerade so, als seien die Frauen eine kaputte Dichtung, die nur schwer irgendwo anders einzusetzen ist. "Anschlussverwendung hätte das Unwort des Jahres werden sollen", sagt Marina Juhrich, die den Wirtschaftsminister nur Fipps nennt.

Marina Juhrich war eine der ersten, die sich für das Ladenprojekt meldete. Das war im Spätsommer 2012, als Verdi die Schleckerfrauen ins Stuttgarter Gewerkschaftshaus einlud und Christina Frank die Ladenidee zum ersten Mal präsentierte. "Ohne Christinas Trost und Unterstützung hätten wir das alles nicht geschafft", sagt Birgit Schubert. "Fragen Sie Christina", sagt Marina Juhrich jedem, der mehr über dieses Genossenschaftsmodell wissen will.

Christina Frank, kurzes, wie elektrisiert hochstehendes Haar, Schnellrednerin und Energiebündel, ist Gewerkschaftssekretärin und so etwas wie der Schutz- und Racheengel der Ex-Verkäuferinnen im Schlecker-Imperium. Die Stuttgarter Verdi-Frau kämpfte einst bei Schlecker für Tarifverträge, Betriebsräte und anständige Arbeitsbedingungen. Später, als die Drogeriemarktkette Pleite ging, beim Insolvenzverwalter dafür, dass ihre Frauen nicht leer ausgingen. Und noch später bei der Arbeitsagentur für eine anständige Behandlung der arbeitslosen Frauen. Doch weil die meist älteren Verkäuferinnen nur schlecht bezahlte oder gar keine Angebote bekamen, überlegte sie sich mit Verdi neue Wege.

Aus der Idee könnte ein Exportschlager Made in Baden-Württemberg werden

Als Gewerkschafterin weiß Christina Frank, welche der Schlecker-Läden gute Umsätze machten. Warum also nicht ganz gezielt die ausgucken, mit den Vermietern reden und die Läden in Eigenregie übernehmen? Das sichert zum einen die örtliche Nahversorgung und schafft zugleich Arbeitsplätze für die schwer vermittelbaren Frauen. Die Bürgermeister haben das schnell begriffen, nicht nur die in Welzheim und Bietigheim. "Inzwischen bekomme ich Anfragen von Gemeinden aus ganz Deutschland", sagt Christina Frank. Aus der Idee könnte ein Exportschlager werden, made in Baden-Württemberg.

Christina Frank hat einen Verein zur Förderung der Nahversorgung gegründet, dessen Vorsitzende sie ist, als Dach für die einzelnen Läden, sieben sind es inzwischen in Baden-Württemberg. Dieser Verein koordiniert vom Kassensystem über die Lieferanten alle gemeinsamen Aktivitäten und organisiert Bürgerversammlungen, um für die Idee des Tante-Emma-Ladens im Ort zu werben. In Stetten am kalten Mark hat der Musikverein eine Probe abgesagt und kam geschlossen zur Versammlung, um für den Dorfladen zu demonstrieren und allen Verhinderern den Marsch zu blasen. Der Name ist inspiriert von Herbert Grönemeyers WM-Song "Zeit, dass sich etwas dreht".

Für Christina Frank heißt Drehpunkt: Gespräche mit Vermietern und Gemeinden, zähe Verhandlungen mit Banken, Trost für die Frauen, wenn es mal wieder nicht voran geht mit der Finanzierung. Die 57-jährige Gewerkschafterin fühlt sich für ihre Schleckerfrauen verantwortlich. Wenn die engagierte Kämpferin etwas anpackt, sind ihr Achtstundentage ebenso schnurz wie die Hierarchie bei Verdi, weshalb sie im eigenen Haus nicht von allen geliebt wird. Von den Schleckerfrauen dafür umso mehr. Dann bringt schon mal eine Pralinen mit in Franks Gewerkschaftsbüro, dessen Türen immer offen stehen, und überreicht sie mit den Worten: "Weil du abgehst wie Schmidts Katze."

Tierische Power und Hartnäckigkeit

Über diese tierische Power sind auch die Welzheimer Drehpunkt-Frauen froh. Ohne den Trost von Christina Frank hätten sie die lange Wartezeit bis zur Fiinanzierung nicht durchgestanden. Dabei wollen die drei vom Welzheimer Drehpunkt endlich ihre Ideen umsetzen. Das wissen auch ihre Kolleginnen in Bietigheim. Früher haben sie konkurriert um das beste Ergebnis, heute arbeiten die Schleckerfrauen zusammen, um alle Läden zum Laufen zu bringen. "Gehen Sie nach Welzheim", sagt Marina Juhrich, "die sind super kreativ." 

An diesem sonnigen Wochenende stehen die kreativen Welzheimerinnen auf dem Frühlingsmarkt des Luftkurorts. Sie wollen ihren Kunden und Unterstützern zeigen, dass sie nicht aufgegeben haben. Die Sonne scheint auf die hübsch verpackten Duschartikel und die Färbemittel, die die Frauen aus dem eigenen Geldbeutel bezahlt haben, damit sie beim Frühlingsmarkt wenigstens eine Kleinigkeit zu verkaufen haben. Die Luftballons für ihren Stand haben sie aus Erdmannhausen geholt, dem Drehpunkt-Pilotprojekt, manche Tipps von den Bietigheimer Frauen. Sie helfen und sie unterstützen sich. Auch das hat sich geändert seit Schlecker, wie so vieles in ihrem Leben.

In ihrer Zeitrechnung gibt es vor und nach Schlecker

Mitte April schon sollte der neue Drehpunkt in Welzheim aufmachen, der WDR hatte sich schon angekündigt. Doch sie mussten dem Fernsehteam absagen. "Wann macht ihr endlich auf?", fragen die Flaneure auf dem Frühlingsmarkt. Und die Frauen erklären immer wieder dasselbe. "Ich könnte hier eine Platte auflegen", scherzt Martina Bareiss, trotz allem guter Dinge und schlagfertig, die zweite im Welzheimer Bunde. Martina Bareiss, 51, Conny Heizenröther, 47, und Lea Weiss, 23, tragen heute alle Schattierungen von grün. "Komisch, seit wir die Idee mit dem Drehpunkt haben, finde ich sogar noch Schuhe, die grün sind", sagt Conny Heitzenröther und zeigt auf ihre Sneakers. 

Sie wollen einen Lieferservice einrichten für das örtliche Altenheim und für alte Mitbürger, die nicht mehr selbst einkaufen können. Im Laden selbst sollen örtliche Anbieter einen Stand mieten können, um dort ihre Produkte zu verkaufen. Und auch eine Sitzecke für Ältere und eine Spielecke für Jüngere haben die Welzheimerinnen geplant. Das alles erzählen sie beim Frühlingsmarkt. "Aber vor allem stehen wir hier, damit ihr seht, dass wir nicht mit euren Stützlis abgehauen sind", sagt Martina Bareiss und zwinkert. Die Zuhörer lachen.

Die Stützlis sind silberne Münzen, eine für 50 Euro. Sie sind eine Art zinsloses Darlehen, womit die Kunden nach drei Jahren in den Drehpunktläden einkaufen können. Abgeordnete haben schon welche gekauft, aber ansonsten sei die Unterstützung durch die Politik ausbaufähig, wie es Christina Frank in einer seltenen Anwandlung von Diplomatie ausdrückt. 80 Stützlis haben die Welzheimerinnen gesammelt, 100 die Frauen aus Bietigheim, das bedeutet 4000 Euro beziehungsweise 5000 Euro Anschubfinanzierung. Rührende Szenen spielen sich bei den Bürgerversammlungen ab. Eine blinde Frau kommt vorbei, um einen Stützli zu erstehen, damit sie auch weiterhin im Ort einkaufen kann.

Im Welzheimer Häkelkreis, wo Conny Heitzenröther und Martina Bareiss für ihren Laden warben, haben die Frauen gesammelt und das Geld zusammen geworfen, weil für Rentnerinnen 50 Euro nicht einfach so aus der Portokasse zu bezahlen sind. Am Schluss konnten sie sogar drei Stützlis kaufen. Die drei Frauen am Stand können viele dieser Geschichten erzählen. Sie brauchen sie, damit ihnen der Atem nicht ausgeht. Inzwischen haben sie die Bürgschaft in der Tasche und können den alten Schleckerladen gegenüber der Welzheimer Kirche renovieren. "Endlich", stöhnt Martina Bareiss erleichtert. 

In ihrer Zeitrechnung gibt es vor und nach Schlecker. Egal ob in Bietigheim, Erdmannhausen oder in Welzheim, aber auch bei der Gewerkschaft verdi in Stuttgart. Sie mögen alle schlecht schlafen. Christina Frank in Stuttgart, weil die Gewerkschaftssekretärin unablässig über Bürgschaften nachdenkt, wie sie den Banken Dampf machen kann, und danach wie Dagobert Duck von seinen Talern von ihren Stützlis träumt. Marina Juhrich in Bietigheim, weil sich nachts das Gedankenkarussell um Kredite, Kassensysteme und Lieferverträge besonders schnell dreht.

Doch ganz gleich, ob man das Pilotprojekt in Erdmannhausen besucht, in Bietigheim vorbeischaut oder mit den Welzheimer Frauen spricht: Es ist weniger die Angst, die den Schleckerfrauen den Schlaf raubt als vielmehr die Aufregung, etwas Neues, eigenes zu machen, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, etwas zu wagen. "Wir sind von Schleckerfrauen zu Kampfweibern geworden", sagt Marina Juhrich und blinzelt angriffslustig über ihre Lesebrille, "jetzt starten wir durch."

Wer die kämpferischen Schleckerfrauen unterstützen will, kann spenden. Und zwar an: Institut für Nahversorgung e.V. Konto: 835 665 003 Volksbank Ludwigsburg, BLZ 604 901 50


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2 Kommentare verfügbar

  • Andreas Esch
    am 22.05.2013
    Antworten
    Interessanter Artikel - alles Gute für die Damen und Ihre Projekte!

    Korrekturhinweis am Rande: Röslers Fast-Unwort heißt "Anschlussverwendung", nicht "Anwendungsverwendung" (was auch ziemlich tautologisch wäre).
    Solch ein Menschenbild kommt wohl - je nach Veranlagung und Charakter - davon, wenn…
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