Am 1. Mai erschallt auf jeden Fall an einem Ort in Stuttgart zuverlässig die Internationale: aus dem Küchenfenster des Finanzvorstands des Kontext-Vereins Johannes Rauschenberger, laut, jedes Jahr, seit Jahrzehnten. Und weil uns das Thema wichtig ist, haben wir diese Ausgabe dem Tag der Arbeit gewidmet: Wacht auf, Verdammte dieser Erde, und geht raus zum 1. Mai! In Göppingen lohnt sich das gleich doppelt. Da ist die AfD sowieso schon stark – 23,1 Prozent bei der Landtagswahl im März – und wittert angesichts des angekratzten Industriestandorts nochmal eine Prise Aufwind. Mit Bundestagsabgeordneten und Personal der Pseudogewerkschaft Zentrum ruft sie dort – wie der DGB – zur 1.-Mai-Kundgebung auf. Heuchlerisch, denn schließlich arbeitet das Zentrum in den Betrieben an nichts anderem als daran, die großen, die richtigen Gewerkschaften zu schwächen – aus ideologischen Gründen. Und auch die Arbeitnehmer, wie einer berichtet, der mal versucht hat, von der Zentrumstruppe um Oliver Hilburger Hilfe zu bekommen.
Wie man es richtig macht, weiß dagegen Nevin Akar. Die Gewerkschafterin hat erst sich selbst nach oben gekämpft und streitet nun für die Kolleg:innen. Unser Autor Korbinian Strohhuber hat die Frau besucht und porträtiert. Und wem noch der nötige Schmackes fehlt für den Feiertagsfreitag, dem seien unsere Kolumnen diese Woche wärmstens empfohlen: die Arbeitersportler von Bernd Sautter, dem die Gedanken beim Schreiben plötzlich völlig aus der Zeit fielen, und der Beitrag von Elena Wolf. Während andere nur den massiven Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft wahrnehmen, ist sie der Meinung, dass linke Positionen, die sonst eher in irgendwelchen mittelgeheimen Marx-Lesekreisen stattfinden, irgendwie im Aufwind zu sein scheinen. "Parallel zur gefühlten Irrewerdung der Welt", schreibt sie, "hat sich auch etwas zum Positiven verändert, das ich zu meiner Studizeit nicht für möglich gehalten hätte: linksradikale Positionen im Mainstream!"
Ja, die Veränderung beginnt halt oft unten. Und manchmal auch wirklich ganz, ganz tief – Stichwort SPD. Mit 5,5 Prozent bei der Landtagswahl hat sich die einst stolze Sozialdemokratie gerade noch so über die Fünf-Prozent-Hürde geschleppt. Unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer hat die Abgeordneten porträtiert. Als "Optimist" betitelt sie beispielsweise den Mannheimer Boris Weirauch. Muss er auch sein, denn er ist ein Zehntel der noch verbliebenen demokratischen Opposition – alle anderen sind AfDler:innen. Die Lage sei "ernst, aber nicht hoffnungslos", sagt er.
Dass sich sogar Aussichtsloses manchmal zum Guten wendet, zeigt auch die Story rund um Solvay, die Firma aus Bad Wimpfen, die viele Jahre lang exorbitante Mengen des Giftstoffs TFA in den Neckar geleitet hat. Unser Autor Gunter Haug hat die Geschichte im September 2024 aufgebracht, groß gemacht und ist mitverantwortlich dafür, dass der Neckar mittlerweile sehr viel weniger giftig ist.
Manches allerdings bleibt immer gleich scheiße. Der Stellen- und Journalismus-Abbau im einst großen und stolzen Stuttgarter Pressehaus zum Beispiel. Nun geht auch noch einer, der der schrumpfenden Zeitung immer zuverlässig Quote gebracht hat, und macht sein eigenes Magazin. Uwe Bogen will nun nämlich "etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit" tun.
Ob die Feier des Arbeiterkampftages für ihn dazugehört, wissen wir nicht. Wichtig wäre es, zumal die CDU in der Bundesregierung ernsthaft vorgeschlagen hat, den 1. Mai als Feiertag abzuschaffen. Deshalb: rausgehen!




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