Haben Sie auch schon ein Brezel-Tattoo? Wahlkampfhelfer:innen des Wohl-bald-Ministerpräsidenten Cem Özdemir haben sich bei der Wahlparty der Grünen am vergangenen Sonntag jeweils ein kleines auf den Arm stechen lassen. Als Zeichen des Sieges. Echt jetzt? Eine Brezel?! Ob man wohl demnächst mit einem Teigwaren-Tattoo bezahlen kann?, fragt sich eine Kontext-Redakteurin. "Drei fünfzig bitte" – "Hier, scannen Sie mein Brezel-Tattoo". Erfunden hat das verschlungene Teil 1477 Bäcker Frieder ausgerechnet in Bad Urach, dem Geburtsort von Cem Özdemir, sagt das Internet. Was ein Zufall. Wobei: Brezel-Erfindungsmythen gebe es zuhauf, mahnt unser Historiker Oliver Stenzel, also nicht drauf reinfallen. Vielleicht waren es halt doch wieder irgendwelche Mönche, oder diese Katze, die laut Legende mal Teiglinge in einen Eimer Lauge hat fallen lassen. Wie auch immer: Man kann froh sein, dass sie damals Salz auf das Laugengebäck gestreut haben und keinen – Vorsicht, Flachwitz für Baden-Württemberger:innen – Hagelzucker, haha.
Apropos Hagel. In dieser Ausgabe dokumentieren wir die vollkommene Angeschissenheit der CDU – nicht nur in Baden-Württemberg – ob des knappen Wahlergebnisses (Grüne: 30,2 Prozent, CDU: 29,7). Ein Jungunionist hatte bei "Phönix" noch am Wahlabend die Chuzpe, Ricarda Lang vorzubeten, wie gemein die Grünen doch zum CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel gewesen seien ("rehbraune Augen"). Ausgerechnet Ricarda Lang. Die Grüne, die mit all den üblen Beleidigungen, mit denen sie in den vergangenen Jahren täglich überzogen wurde, einen ganzen Wohnblock tapezieren könnte. Und Jens Spahn, der Bundes-CDUler mit dem Maskenproblem hatte ernsthaft vorgeschlagen, Özdemir und Hagel sollten sich doch das Ministerpräsidentenamt teilen. "Geht’s noch?", fragt unsere Landtagskorrespondentin Johanna Henkel-Waidhofer und hat die unterirdische Aufregung hier zu Papier gebracht.
Unterirdisch ist die Wahl vor allem für die SPD ausgegangen. Gerade mal 5,5 Prozent haben die beiden Ministerpräsidenten-Kandidaten, auf die sich die Wahl zugespitzt hatte, den Sozialdemokrat:innen gelassen. Das heißt: In der demokratischen Opposition gibt es nur noch zehn Abgeordnete! Und dann noch 35 von der AfD. Das ist bitter. Unser Autor Hermann G. Abmayr ärgert sich einmal mehr über die Fünf-Prozent-Hürde. "Eine Verfälschung des Wählerwillens", meint er in seinem Beitrag für Kontext. "Und eine maximale Schwächung der Opposition jenseits der AfD."
Die FDP ist mit 4,4 Prozent raus. Und die Linke? In Vorwahlumfragen stand sie lange stabil bei sieben Prozent und vor der Hoffnung, das erste Mal in Baden-Württemberg in den Landtag einzuziehen. Der Traum ist am Sonntag mit 4,4 Prozent geplatzt. Und damit stellt sich die Frage, wer sich im neuen und rechtesten aller baden-württembergischen Landtage noch hörbar um Sozialpolitik kümmern wird. Die zehn übriggebliebenen SPDler:innen werden anderes zu tun haben. Aber eigentlich ist das auch alles egal, meint unser Kolumnist Cornelius W.M. Oettle: In "the Land" würde eh kein Ministerpräsident gewählt, sondern der Pressesprecher von Mercedes.
Linke hatten auch am Tag vor der Wahl, am vergangenen Samstag, nur wenig zu lachen. Bei einer Demo von "Stuttgart gegen Rechts" gegen einen Aufmarsch von Querdenker:innen, Verschwörungsanhänger:innen und Rechtsradikalen wurden sie mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Polizeipferden vom Marienplatz geprügelt, über 300 wurden eingekesselt. Bis zu acht Stunden lang, schreibt unser Redakteur Korbinian Strohhuber und fragt, ob dieser Polizeieinsatz nicht professioneller hätte laufen müssen.
Bei alledem bleiben viele Fragen. Weiß Markus Söder, dass es bei der CDU-Wahlparty in seinem Nachbarland (Südschiene!) vegetarische Maultaschen gab? Was sagt der Deutsche Bauernverband dazu, dass die "Herrgottsb’scheißerle", die einst in der Fastenzeit Fleisch mittels undurchsichtiger Teigeinfassung vor dem Allmächtigen verstecken sollten, ausgerechnet von vegetarischen Christdemokraten gekapert wurden? Und: Wo kann man sich die CDU-Veggie-Maultaschen tätowieren lassen?




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