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Alles überhitzt

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"Ich hab ein neues Manifest verfasst, und hab ihm etwas mehr Protest verpasst", singt Ärzte-Star Farin Urlaub auf einer Solo-Platte: "Jetzt muss es nur noch in die Druckerei, aber die haben heute hitzefrei." Und das wäre ja mal ein Einfall! Während gerade allen Ernstes über die Einführung der 42-Stunden-Woche debattiert wird, wäre die Zeitlupen-Apokalypse der eskalierenden Klimakatastrophe wenigstens einen Deut attraktiver, wenn Arbeitspausen aufgrund unzumutbarer Temperaturen zumindest ein bisschen weniger Malocherei bedeuten würden. Doch auch die Sonne hat sich als Krücke des Systems entpuppt. Jedenfalls führt die drückende Hitze bei Farin Urlaub nur dazu, dass er nicht mehr aus dem eigenen Saft herauskommt: "Also bleib ich noch ein bisschen hier im Garten, und die Revolution muss warten."

Doch nicht alle lassen sich vom erbarmungslosen Wetter einer Woche voller Temperaturrekorde kleinkriegen. Unermüdlich protestieren etwa die S-21-Gegner:innen gegen die Pläne einer Deutschen Bahn, die überall, wo sich die Gelegenheit bietet, einen Tunnel graben will – und dabei so ausufernde Beton-Orgien fabriziert, dass es Dieter Reicherter, Richter im Ruhestand, ein "Klimaverbrechen" nennt.


Ebenfalls in Protestlaune sind die Männer, die jüngst auf dem Parkdeck des Stuttgarter Pressehauses die Fäuste reckten: Beschäftigte zweier Druckereien, die dem Arbeitsplatz künftig nicht wegen hitzefrei fernbleiben könnten, sondern weil sie von den Sparplänen einer Managerriege betroffen sind. Die findet zum einen, Drucker brauchen keinen Tarifvertrag und behauptet zum anderen, dass die journalistische Qualität nicht beeinträchtigt werde, wenn ein großer Teil der Zeitungsmacher:innen vor die Tür gesetzt wird. Wie bei "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten", die trotz eines radikalen Stellenabbaus weiterhin "hochwertigen Lokaljournalismus" versprechen. Nur: Wie soll das gehen, wenn fast ein Viertel der Redaktion ausgemustert wird? Was ist, wenn das leitende Personal in seinem autosuggestiven Wahn womöglich noch den Unsinn glaubt, den es verbreitet, und gar nicht erkennt, wie es seine Kundschaft für dumm verkauft? Doch Obacht, der Zorn der restlichen Abonnent:innen wächst.

Und die Gesellschafter, also die Verlagsherren und -damen, denen der Laden gehört, schauen zu. Nichts zu hören von den Inhaber:innen der vierten Gewalt, wie sie ihrem Auftrag gerecht werden wollen. Stattdessen rufen sie nach dem, den sie kontrollieren sollen. Nach dem Staat, der ihnen Geld rüberschaufeln soll, weil alles teurer wird. Das Papier, die Energie, der Mindestlohn. Vier Länder, Sachsen, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein, wollen über den Bundesrat beim Bund Geld locker machen, weil die Medien eine "überragende Bedeutung für das Funktionieren der Demokratie" haben, wie Sachsens Medienminister Oliver Schenk sagt.

Wie viel gescheiter wär's, diese Medien würden sich fragen, wie viel Glaubwürdigkeit sie vernichten, wenn sie Journalist:innen aus dem Haus drängen, die genau diese Rolle übernehmen. Wenn sie zulassen, dass an der Basis, im Lokalen, die Axt angelegt wird. Schaut in die USA. Aber es könnte natürlich auch sein, dass sie ihren Propagandaabteilungen glauben und gemeinsam in ihren Raumschiffen um die Betonblöcke in Möhringen kreisen.


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1 Kommentar verfügbar

  • ewald koenig
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Artikel-Zitat:
    » Nichts zu hören von den Inhaber:innen der vierten Gewalt, wie sie ihrem Auftrag gerecht werden wollen. Stattdessen rufen sie nach dem, den sie kontrollieren sollen. «

    Journalisten und Herausgeber neigen oftmals zur Selbstgefälligkeit, kritisieren Sachstände
    für die sie…
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