Ausgabe 420
Editorial

Süß, ein Kätzchen

Von unserer Redaktion
Datum: 17.04.2019

Stuttgart 21 wird 25 Jahre alt. Und überrascht uns immer wieder neu: Deutschlands bestgeplantes Großprojekt ist so brillant durchdacht, dass die Feuerwehr nicht mit Wasser löschen kann, wenn es an der falschen Stelle brennt. Bei den Bauarbeiten an einem S-21-Tunnel, der einmal den Stuttgarter Hauptbahnhof mit dem Stadtteil Untertürkheim verbinden soll, ging vergangenen Mittwoch eine Betonspritzmaschine in Flammen auf. An einer Stelle, "wo baubedingt nur mit Löschpulver und CO2 gelöscht werden sollte", schreibt die Suttgarter Feuerwehr in ihrem Einsatzbericht. Die Folge: Es dauerte fast sechs Stunden, den Brand zu löschen.

Und was tun "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten"? Sie verbreiten Erfolgsbotschaften der Deutschen Bahn, statt eine kritische Frage zu stellen. "Arbeiten können nach Maschinenbrand weitergehen", überschreiben die StN ihren Online-Bericht, als wäre das die eigentliche Nachricht. In der Printversion ist das magere Textchen, nur 43 Zeilen lang, auf Seite 17 unten rechts zu entdecken. Das ist das gleiche Umfeld, in dem am Folgetag beinahe ebenso ausführlich über das Schicksal eines armen Kätzchens berichtet wird, das auf eine Tanne geklettert ist und sich dann nicht mehr herunter traute. (Entwarnung: "Sie wurde in einen Tierrettungssack gesteckt.")

Aus Sicht der Bahn jedenfalls ist der Brand "ein ziemlich unaufregendes Ereignis" gewesen, zitiert der "Südkurier" den S-21-Projektsprecher, der sein Handwerk bei den "Stuttgarter Nachrichten" gelernt hat. Also alles Wölkchen?

Eher nicht. Denn immerhin kann in einigen Tunnelabschnitten offensichtlich nicht mit Wasser gelöscht werden. Der Grund dafür ist, dass Anhydrit im Untergrund sich nicht so gut mit Feuchtigkeit verträgt: Das Gestein quillt auf und der Tunnel ist futsch. Die brennende Maschine habe die Feuerwehr laut Einsatzbericht erst "mit Ketten und einem Radlader in einen Bereich" ziehen müssen, "wo sie mit Wasser endgültig abgelöscht werden konnte". Nun zu den Preisfragen: Was würde passieren, wenn an gleicher Stelle ein Zug brennt? Ließe der sich mit Ketten in einen Bereich ziehen, wo er endgültig abgelöscht werden kann? Würden Passagiere im Zweifelsfall sechs Stunden durchhalten?

Das sind Fragen, die auch die Gruppe Ingenieure22 umtreiben. Sie rechnen vor, dass es sich bei der Betonspritzmaschine "um ein relativ kleines Gerät mit gerade einmal 300 Litern Hydrauliköl und 120 Litern Diesel" handle. Demgegenüber "führen moderne Triebwagenzüge 1600 Liter Transformatorenöl mit sich und sind zehn bis hundert Mal schwerer als das havarierte Arbeitsgerät". Über den "strukturellen Wahnsinn des Immobilienprojekts S 21", sagte der Hamburger Enthüllungsjournalist Arno Luik am Wochenende auf dem Demokratiekongress der Anstifter, erfahre der Leser hier in Stuttgart nur wenig. "Es sei denn, er liest Kontext." Das freut uns natürlich sehr! Und wir haben es als zusätzlichen Ansporn genommen, 25 Jahre nach der "überfallartigen" (Ex-Bahnchef Heinz Dürr) Verkündung des Großprojekts am 18. April 1994 noch einmal besonders in die Tiefe zu gehen, um den "strukturellen Wahnsinn" in möglichst vielen seiner kaum zählbaren Facetten zu beleuchten. Dietrich Heißenbüttel befasst sich mit den windigen, hochspekulativen Immobiliengeschäften, die das Projekt S 21 seit dem Startschuss begleitet haben. Johanna Henkel-Waidhofer untersucht die Rolle der SPD, der, so das Fazit, Einsicht und Mut gefehlt hätten, gravierende Irrtümer zu korrigieren. Und Oliver Stenzel schreibt über die kreative Finanzierung des Projekts, die neuerdings noch kreativer wird: Immer mehr Kosten werden ausgelagert. Und trotzdem wird das Projekt, auch ganz offiziell, immer teurer.

Geraubte Heimat – Edzard Reuter im Gespräch mit Can Dündar

Das hat sich das 3Sat-Filmteam nicht entgehen lassen. Die Preisverleihung der Helga und Edzard Reuter Stiftung im Berliner Max Liebermann Haus im November vergangenen Jahres. Schließlich steht der Preis für Völkerverständigung, Edzard Reuter war da, klar, und Can Dündar unter den Festgästen. Beste Kulisse also für ein Doppelporträt mit dem Titel "Geraubte Heimat – Exil in der Türkei und Deutschland". Zwei prominente Persönlichkeiten, zwei Schicksale, zwei Generationen: Edzard Reuter, 91, Zeuge des Jahrhunderts, ehemaliger Daimler-Benz-Chef, und Can Dündar, 57, Journalist, bekannter Erdoğan-Gegner. Beide mussten ihr Heimatland auf der Flucht vor einem Despoten verlassen, beide verbindet die Erfahrung des Exils und die Liebe zur Türkei. In Edzard Reuters und Can Dündars Biografien kreuzen sich die Wege der langen deutsch-türkischen Geschichte auf exemplarische Weise. Einst nahm die Türkei Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland auf – heute gewährt Deutschland den Verfolgten des Erdoğan-Regimes Zuflucht.

"Schier das Herz habe es ihm zerrissen", bekannte Edzard Reuter im Kontext-Interview kurz nach dem Putschversuch in der Türkei und den Repressionen Erdoğans. Nun sprechen er und Can Dündar in der 3Sat-Dokumentation über ihre Exilerfahrungen und darüber, wie es mit den deutsch-türkischen Beziehungen weitergehen soll. Am Samstag, 20. April, in 3Sat, um 19.20 Uhr.


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2 Kommentare verfügbar

  • Philipp Horn
    am 23.04.2019
    Die Betonspritzmaschine heißt so, weil sie Beton an die Tunnelwände spritz.Und wenn der mal dort ist, kann da auch nix mehr quellen. Ich lese Euch ja wirklich gerne & zahle auch gerne,aber da habt Ihr Euch doch etwas vergaloppiert.
  • W. Hundt
    am 17.04.2019
    Die eigentliche Frage im Zusammenhang mit dem Brand im S21-Tunnel bleibt leider auch in diesem Artikel wie schon bei der StZ im Dunkeln. Was genau bedeutet: "wo baubedingt nur mit Löschpulver und CO2 gelöscht werden sollte"?
    Alle Ihre weiteren Ausführungen beruhen auf der Annahme/dem Wissen(?), dieser Sachverhalt bleibt nach einer (ggf. nie erfolgenden) Fertigstellung so bestehen, und damit jede geäußerte Kritik als berechtigt ebenfalls, die ich grundsätzlich teile. Nun handelt es sich aber um eine Betonspritzmaschine - noch nicht um einen Zug. Daraus ließe sich m.E. schlussfolgern: die zum Anhydrit hin ggf. besser abschirmenden Tunnel-Innenwände sind "baubedingt" noch nicht fertig. Damit würde die Dramatik in Ihrem geschätzten Artikel doch einiges an Kraft einbüßen, und leichter als Übertreibung abgetan werden können. So wäre die Recherche unvollständig und der berechtigten Kritik an S21 kein guter Dienst erwiesen.
    Ob ein brennender Zug überhaupt mit Wasser gelöscht werden sollte, wäre noch eine weitere Frage einer plausiblen Kritik.
    Wie auch immer, Danke, dass Kontext an S21 und dem Widerstand dran bleibt.

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