Ausgabe 419
Editorial

Krawall sticht Inhalt

Von unserer Redaktion
Datum: 10.04.2019

Mal angenommen, die Fans des VfB Stuttgart hauen sich nach dem Spiel in der Mercedesstraße auf den Kopf. Und die Polizei schreitet ein. Ob dann über dem Spielbericht steht: Schlagstöcke gegen Hooligans? Wohl kaum. Aber wenn sich 4000 Menschen auf dem Schlossplatz versammeln, friedlich viele Reden hören, anschließend einen Demonstrationszug bilden, ein paar Versprengte ein leer stehendes Haus heimsuchen, und die Polizei tut, was sie glaubt, tun zu müssen, dann lautet die Überschrift in den StZN: Polizei setzt bei Mietendemo Pfefferspray ein. Und kupfert dann auch noch ein Foto von den linken "Beobachternews" ab.

Krawall sticht Inhalt, stellt Kontext-Redakteur Minh Schredle fest, der sich alles angeschaut hat. Draußen wie drinnen. Ein offeneres Ohr für all das, was gesagt wurde, könnte die Debatten ums Wohnen bereichern, bilanziert er in seiner Geschichte. Das Starren auf die Klickzahlen (Blaulicht!) tut es nicht. Die Reden von Mietervereinschef Rolf Gaßmann und verdi-Sekretär Cuno Brune-Hägele tun es, und sind deshalb verlinkt.

Mit dabei waren auch Vorstand und Redaktion von Kontext. Zum einen wegen der offenen Ohren, zum andern wegen der Flagge, die es zu zeigen gilt. Auch bei diesem Thema, das so viele Menschen bewegt, das die Ungerechtigkeit in dieser Gesellschaft beispielhaft zeigt, kann Kontext nicht abseits stehen. Mal ganz abgesehen davon, dass so ein Stand eine vorzügliche Möglichkeit ist, nette Menschen zu treffen.

Kontext beim "taz lab"

Das gilt auch für Berlin, für den "taz lab"-Kongress. Kontext-Redakteur Oliver Stenzel war am Wochenende dort, zusammen mit Vorstand Johannes Rauschenberger. Und beide haben festgestellt: Berlin, wie haste dir verändert. Nicht nur, weil die Mieten bald Stuttgarter Niveau erreicht haben. Sondern auch, weil selbst im einstigen Sponti-Paradies Kreuzberg nicht mehr so leicht Pflastersteine aufzutreiben sind. Ein paar davon hätten sie gut brauchen können, zum Beschweren des Info-Materials am Kontext-Stand im Besselpark. 

Dort fanden sich wieder einmal viele Wohlgesonnene aus allen Ecken der Republik ein, wobei diesmal in Hamburg und Lüneburg eine leichte Ballung auszumachen war. Kurz dahinter kamen Karlsruhe, Leipzig und Duisburg. Zwischen den Gesprächen schoben sich die beiden Kontextler im Schichtbetrieb in einige der über 70 Veranstaltungen (alle knallevoll). Mit Absicht ausgelassen haben sie jene, bei der "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt zu Gast war. Über den Umgang mit ihm hat Kontext-Autor Mario Damolin schon vor einigen Wochen eine kleine Handreichung verfasst.

Besser in die Runde mit der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan und dem Syriza-Politiker Giorgios Chondros. Beide waren sich einig, dass die neoliberale Politik in Europa gebrochen werden müsse, weil diese den anhaltenden Rechtsruck befeuere. Da hätte auch Philosophieprofessor Michael Weingarten mitdiskutieren können. In seinem aktuellen Kontext-Beitrag legt er dar, warum liberale Demokratien die Balance zwischen ihrer liberalen und ihrer demokratischen Seite immer neu ausbalancieren müssen - was gar nicht so einfach ist. Sein Text ist zugleich eine Einstimmung auf den Demokratiekongress der Anstifter am kommenden Samstag, den 13. April. Kontext ist Kooperationspartnerin, Autor Arno Luik mit einem Hauptreferat zum Thema Medien vertreten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

3 Kommentare verfügbar

  • B. Schmidt
    am 10.04.2019
    Vor ein paar Jahren machte man sich staatlicherseits wenigstens noch die Mühe, agent provocateurs gewollte Eskalationen herbeiführen zu lassen (z.B. 30.9.2010, Stuttgart, Mittlerer Schlossgarten). Inzwischen bewerkstelligen es die Polizei und die dafür verantwortlichen Politiker höchstselbst. -Was kommt als Nächstes?..
    • Alfred Denzinger
      am 10.04.2019
      Das trifft es ganz gut. Die Polizei eskaliert und behauptet dann einfach, sie hätten das tun müssen, um eine Hausbesetzung vorbeugend zu verhindern. Ihre Frage "Was kommt als Nächstes?" ist mehr als berechtigt. Man darf gespannt sein.

      Für diejenigen, die nicht vor Ort waren:
      https://www.youtube.com/watch?v=MImOIJRYZrY
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 10.04.2019
    DLF Kultur Feature am Sa. 13.04. von 18.05 bis 19.00 Uhr "Polizeigewalt in Deutschland - Täter in Uniform" https://www.deutschlandfunkkultur.de/polizeigewalt-in-deutschland-taeter-in-uniform.3682.de.html?dram:article_id=439245 Wiederholung vom 24.07.2018
    Anschläge auf friedliche Bürger, Misshandlungen in Gewahrsamszellen, Totschlag und Mord im Dienst: Die Liste der Vorwürfe ist lang. Strafanzeigen gegen Polizisten führen selten zu einem Verfahren und fast nie zur Verurteilung der Beschuldigten. Geschädigte, die sich wehren, bekämen oft die ganze Härte des Gesetzes zu spüren, sagen Kritiker. Wird der Rechtsstaat seinem Anspruch gerecht? Nach dem jüngsten Bericht der Bundesregierung zur Lage der Menschenrechte in Deutschland 2018, gibt es keinen Handlungsbedarf für eine unabhängige Untersuchung solcher Fälle.


    Was sagt uns das, die wir in den Folgejahren der Gründung der [b]Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte[/b]* aufgewachsen sind?
    Es gibt sie, diese 30 Artikel der AEMR, die jedoch kein Bestandteil in tagtäglicher Anwendung durch unsere STAATSDIENER sind, die _ihren_ AMTSEID darauf zu leisten haben!!!

    Opferschutz | Tipps und Hinweise ihrer Polizei | Rückseite:
    Menschlichkeit
    und
    Gerechtigkeit
    sind unser Ziel.
    Neuauflage der Broschüre „Opferschutz – Tipps und Hinweise ihrer Polizei“ https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/neuauflage-der-broschuere-opferschutz-tipps-und-hinweise-ihrer-polizei/
    Die Erstauflage der Broschüre „Opferschutz – Tipps und Hinweise ihrer Polizei“ wurde 2002 durch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg im Namen des Innenministeriums herausgegeben und seither mehrfach aktualisiert. – Referat Prävention praevention@polizei.bwl.de

    [b]Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte[/b]* AEMR im Dezember 1948 durch mehr als 50 Gründerstaaten ratifiziert – heute 193 Staaten, die sich für die Einhaltung der 30 Artikel innerstaatlich und interstaatlich verpflichtet haben.
    https://www.amnesty.de/allgemein/kampagnen/70-jahre-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte
    Kennst du sie alle? Mache dich mit ihnen vertraut. Hilf mit, sie für dich selbst und für deine Mitmenschen einzufordern. In einer Zeit, in der Regierungen zunehmend grundlegende Rechte beschneiden, müssen wir sie gemeinsam umso entschlossener verteidigen!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!