Ausgabe 416
Editorial

"Bild" ist keine Reise wert

Von unserer Redaktion
Datum: 20.03.2019

Das Email-Postfach, immer wieder ein Quell großer Überraschungen. So etwa vor zwei Wochen bei Kontext-Autor Mario Damolin. In seinem Posteingang lag eine Mail von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt. Der lud ihn "herzlich" zu einem Redaktionsbesuch nach Berlin ein, da könne Damolin "seine Vorurteile einer Recherche aussetzen". Besagte Vorurteile hat Damolin nach Reichelts Meinung in seinem Artikel "'Bild'-Chef im Delirium" in Kontext-Ausgabe 414 geäußert, einem Bericht über eine Podiums-Diskussion über "Ethik und Moral im Journalismus" in Heidelberg, zu der der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma den "Bild"-Mann geladen hatte. Auch vom Moderator der Diskussion, dem wissenschaftlichen Leiter des Zentralrats Herbert Heuß, erreichte Kontext eine Reaktion, allerdings keine Einladung; Heuß schickte eine Replik unter dem Titel "Kontext verfehlt" (hier nachzulesen).

Sonderlich zimperlich ist unser Autor da tatsächlich weder mit Reichelt noch den Veranstaltern umgegangen, doch seine Kritik kam nicht nur mit einem gerüttelt Maß Süffisanz, sondern auch wohlbegründet daher. Und wohlbegründet ist auch seine Absage an die Umarmungsversuche des "Bild"-Chefredakteurs in unserer aktuellen Ausgabe – für die uns sowohl der Künstler Peter Lenk als auch Comic-Legende Gerhard Seyfried ein paar Motive zur Illustration überließen. Die nebenbei auch zeigen: Bei "Bild" besteht eine gewisse Kontinuität im sensationsheischenden Schmierenjournalismus.

Mit einem besonders makabren Glanzstück vor wenigen Tagen, als "Bild.de" einen Zusammenschnitt der Video-Aufnahmen des Attentäters von Christchurch auf seine Website stellte - zu einem Zeitpunkt, als die neuseeländische Polizei per Twitter bereits gebeten hatte, das Video nicht zu verbreiten. "Bild.de" tat es trotzdem, und Reichelt selbst schrieb dazu: "Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen." "Wie 'Bild' den Terroristen hilft", kommentierte das Medienportal Bildblog den ethisch-moralischen Sprung ins journalistische Klo.

Gar nicht genug schreiben kann man dagegen über den Wahnsinn auf dem Wohnungsmarkt, speziell in Stuttgart; Immobilienfirmen sorgen immer wieder für exorbitante Sprünge bei den Mieten, ein Thema, über das wir immer wieder berichtet haben. Und gerne präsentieren sie sich dabei nach außen als bodenständige, vertrauenswürdige Familienunternehmen, eine perfide Masche, auf die so manche Hausbesitzer schon reingefallen sind, die ihre Immobilie eigentlich nicht an einen Blutsauger verkaufen wollten. Ein Beispiel ist die Schwäbische Bauwerk, die Kontext-Redakteurin Anna Hunger in ihrem Text "Das Kämmerle muss geräumt werden" unter die Lupe nimmt. Wie aber dem begegnen? Ein Haus besetzen, wie es Mitglieder des Aktionsbündnisses Recht auf Wohnen kürzlich in der Forststraße 140 taten? Tatsache ist: Das Haus stand lange leer, das Stuttgarter Rathaus betont zwar Vermittlungsbereitschaft, doch die Eigentümer stellen sich stur. Wie die ganze Sache auch ausgeht: Die Hingabe, mit der die AktivistInnen das besetzte Haus am vergangenen Wochenende in "solidarischer Renovierung" verschönerten, wärmte unser Herz. Und ist daher in einer Schaubühne dokumentiert.

Große Sprünge weit erquicklicherer Natur sollten die Sprungfederstiefel Gustav Mesmers erlauben, des "Ikarus vom Lautertal". Ein zauberhaftes Buch über dessen ganz eigene Welt hatten wir in Kontext-Ausgabe 412 vorgestellt. Um die sein Werk erhaltende Gustav Mesmer Stiftung zu unterstützen, haben wir zudem, nach einer redaktionsinternen Kollekte, die Patenschaft für den originellen Stiefel übernommen. Als Dank flatterte von Mesmer Stiftung nun ein Druck mit den Sprungfedergaloschen in die Redaktion, der jetzt dort an der Wand hängt. Und uns daran erinnert, selber immer wieder große Sprünge zu wagen - für einen Journalismus, der kritisch und beharrlich ist und nicht auf niedere Instinkte abzielt.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

3 Kommentare verfügbar

  • Charlotte Rath
    am 21.03.2019
    Bemerkenswert: Über Monate kein Wort in der KONTEXT-Wochenzeitung zum Vorgehen der Sicherheitskräfte in Frankreich gegenüber Demonstranten, nur wenige Stunden Bahnfahrt von Stuttgart entfernt. Ist der „Schwarze Donnerstag“, der im Vergleich dazu harmlos war, schon vergessen? Wo ist die Solidarität mit den Franzosen, die sich zu 86 % für eine Neuorientierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik aussprechen - aber von Macron kein Einlenken, sondern nur Ablenken erleben? https://www.heise.de/tp/features/Gelbwesten-als-Aufruehrer-Militaer-soll-helfen-4341588.html

    29.01.2019: „Am Sonntag erschien in der französischen Zeitschrift Humanité ein Aufruf einer Versammlung der gelben Westen aus dem ganzen Land. Sie nennen sich Generalversammlung. … Es geht um echte Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit, um die Arbeitsbedingungen, um ökologische und klimatische Fragen und um ein Ende der Diskriminierung. Zu den am häufigsten diskutierten strategischen Forderungen und Vorschlägen gehören: die Beseitigung der Armut in all ihren Formen, die Transformation der Institutionen (RIC, Verfassung, Ende der Privilegien der Abgeordneten….), der ökologische Wandel (Energiesicherheit, industrielle Umweltverschmutzung….), die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrer Nationalität (Menschen mit Behinderungen, Geschlechtergleichstellung, Ende der Benachteiligung von Arbeitervierteln, ländlichen Gebieten und Überseegebieten…).“ https://www.nachdenkseiten.de/?p=48777
    • Charlotte Rath
      am 24.03.2019
      „Die Gelbwesten demonstrierten am 19. Samstag in Folge seit Beginn der Bewegung im November. Die Proteste gegen die Regierung von Emmanuel Macron entzündeten sich zunächst an einer Erhöhung der Benzinsteuer. Mittweile fordern die Gelbwesten unter anderem auch mehr soziale Gerechtigkeit, höhere Renten und die Wiedereinführung der Vermögensteuer.“
      „Macron hatte zum Schutz öffentlicher Gebäude und anderer Einrichtungen den Einsatz von Anti-Terror-Kräften der Armee angeordnet, um die Polizei zu entlasten. Die Opposition kritisierte, dass die Regierung damit die Gelbwesten mit Terroristen gleichsetze.“
      https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-03/frankreich-gelbwesten-proteste-demonstrationsverbot-nizza-paris

      Polizeigewalt gegen Proteste der Gelbwesten: "Reihenweise Verstümmelungen"
      … Libération, Le Monde, Le Point, France Inter, France Culture, Le Figaro, Nouvel Observateur, AFP und andere etablierte Medien haben das Thema "Polizeigewalt" aufgenommen. … Es ist nicht nur der engagierte Journalist David Dufresne, der dem Innenministerium seit Wochen "Zwischenfälle" signalisiert - am Donnerstagabend war es Nummer 312. … Einige haben ein Auge verloren, manche eine Hand, viele ihre Zähne.“
      https://www.heise.de/tp/features/Polizeigewalt-gegen-Proteste-der-Gelbwesten-Reihenweise-Verstuemmelungen-4281441.html?seite=all
  • Jörg Tauss
    am 20.03.2019
    Klare Kante. Chapeau!

    Andere sind bei diesen aktuellen "Umarmungsversuchen" leider weniger konsequent.... Fast als Schlusswort erhält Julian Reichelt beim TAZ- Kongress in Berlin Anfang April beispielsweise gut "nachbarschaftlich" das Wort. Sein Und Thema: "Worauf es ankommt".... Wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet mit diesem Herrn diskutieren zu wollen, worauf es hierzulande so ankommt , ist schon erstaunlich. Auf die Idee muss man tatsächlich erstmal kommen.

    Die TAZ- Verrenkungen zur Begründung der neuen "Nachbarschaftskultur" sind richtig bemerkenswert. Sogar Texte von Schlagersternchen werden zur Erklärung des Vorgangs bemüht: "Alles wär, halb so schwer, mit mehr Freundlichkeit in dieser Zeit" (Cindy und Bert). Träller, träller... Gut, dass Herr Damolin es schwerer nimmt. So erfährt er aus berufenem Bild - Mund eben nicht, worauf es ihm ankommen sollte.

    Das wiederum dürfte niemand schlaflose Nächte bereiten.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!