Ausgabe 414
Editorial

Klatsche zum Weltfrauentag

Von unserer Redaktion
Datum: 06.03.2019

Danke, CDU. Jetzt wissen wir wieder, dass der Internationale Frauentag wichtig ist. Eben noch haben frau leichte Zweifel beschlichen ob der ritualisierten Proteste am 8. März: die immer gleichen Kundgebungen und Infostände und Demonstrationen (gähn). Das Nelken-Verschenken (wer mag eigentlich Nelken?). Und zur Aufmunterung geht frau abends ins Kino, um sich bei "Wonder Woman" mit der Amazonenprinzessin Diana Prince zu versichern, dass es auch Superheldinnen gibt (Popcorn!). So weit, so erwartbar. Aber jetzt hat das CDU-geführte baden-württembergische Innenministerium einen Volksentscheid für gebührenfreie Kitas abgelehnt. Und das ist eine veritable Klatsche fünf Tage vor dem Internationalen Frauentag.

Denn es ist immer noch Frauensache, Kinder zu versorgen und zu betreuen – eine DIW-Studie hat dies vor wenigen Tagen einmal mehr gezeigt. Das mag man bedauern, das muss sich ändern, aber noch ist diese Rollenverteilung Realität. Deshalb trifft die Entscheidung aus dem Strobl-Ministerium vor allem die Frauen, auch wenn der SPD-Vorstoß – so die ministerielle Begründung – aus rechtlichen Gründen abgelehnt wurde. Das wird das Verfassungsgericht beurteilen müssen. Ein zweifelhaftes Geschenk für die Frauen im Land ist es allemal. Und so ganz nebenbei eine Ohrfeige für alle, die sich mehr Beteiligung der Bürger an so wichtigen Entscheidungen wünschen.

Also: Mögen die Rituale zum Frauentag auch anstrengend sein, mögen die PR-Aktionen lästig sein, mit denen die Wirtschaft den Tag gekapert hat, wenn der Drogeriemarkt Rossmann zu Rossfrau wird und Mattel seine Barbie-Puppen als Frida Kahlo oder als Karrierefrau verkleidet. Der 8. März ist trotzdem eine wichtige Erinnerung daran, wie viel noch immer schiefläuft in Sachen Gleichberechtigung. Da hilft auch wenig, dass die Stadt Berlin den Weltfrauentag in diesem Jahr zum Feiertag gemacht hat. Zu feiern gibt es noch zu wenig.

Beispiele gefällig? Im Mai sind Kommunalwahlen, bis heute sitzen in 26 Gemeinden in Baden-Württemberg ausschließlich Männer. Bei den Länderparlamenten ist Baden-Württemberg mit einem Frauenanteil 26,6 Prozent zum ersten Mal seit der Gründung des Südweststaats nicht mehr Schlusslicht. Dennoch wurde das Landtagswahlrecht nicht geändert, obwohl das im grün-schwarzen Koalitionsvertrag so vorgesehen war. Daran erinnert auch der Artikel von Johanna Henkel-Waidhofer, und daran, dass es auch anders geht. In Brandenburg etwa, wo Geschlechterparität zum Gesetz wurde und Landtagslisten ab 2024 zu gleichen Anteilen von Frauen und Männern besetzt werden müssen. Nichts zu feiern auch in anderen Bereichen: Erst am 18. März ist Equal Pay Day, bis dahin arbeiten Frauen umsonst, weil sie 21 Prozent weniger verdienen als Männer. Ganz zu schweigen von rechten Hetzern und unverbesserlichen Maskulinisten, die Frauen gerne wieder am Herd sehen würden und den Begriff "Gender" für des Teufels halten.

Solange das so ist, bleibt der 8. März ein Tag, der an diese Ungleichheit erinnert. Es sollten 365 Weltfrauentage sein. Und auch daran sei erinnert: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin" – so steht es in Artikel 3 Grundgesetz. Seit bald 70 Jahren. Wäre schön, wenn es bis zur völligen Umsetzung nicht nochmal so lange dauert.

Winfried Wolf, ein junger Siebziger

Seinen 70. Geburtstag (4. März) wollte Winfried Wolf inmitten seiner Großfamilie feiern. Dazu braucht es dann schon den geräumigen Saal im Württembergischen Kunstverein, in dem Zuhörer und Lobredner Platz nehmen, dem jungen Siebziger zu huldigen. Alle sind vereint im Widerstand gegen Stuttgart 21, und da gehört der Berliner Publizist mit Schwerpunkt Verkehr zu den Männern der ersten Stunde. Bereits 1994, als er noch gar nicht wusste, was S 21 sein sollte, habe Winnie den "ganzen Wahnsinn" erfasst, bekannte Tom Adler, der in grauer Vorzeit mit Wolf bei der Gruppe Internationaler Marxisten (GIM) war. Damals schrieb der Vetter von Guido Wolf (CDU) seine ersten Aufsätze als Verkehrswissenschaftler, Bücher, die zu Bibeln für die Bahnkritiker wurden. Und immer ging es nicht um Brötchen, sondern um die ganze Bäckerei. Auch aus diesem Grund freut sich Kontext jedes Mal, wenn ein Wolf-Manuskript in der Redaktion eintrifft – und weist selbstverständlich auf einen besonderen Wunsch hin: die Spendenkampagne für Peter Lenks Denkmal für den Tiefbahnhof. Hier ist sie zu finden. Knapp 20 000 Euro sind schon beisammen.


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3 Kommentare verfügbar

  • Peter Meisel
    am 06.03.2019
    Wo ist das Problem? "Es ist immer noch Frauensache, Kinder zu gebären, zu versorgen, zu bilden und ... zu betreuen!" Das gilt sogar für die Ehe-Männer?
    Meine kleinen Kinder haben mich einmal gefragt, "Papa, wo kommt denn die Ehe her?"
    Die Recherche in der Bibel brachte mich nicht weit, denn dort steht lediglich, es ist besser, wenn du nicht heiratest, aber bevor dich die Lust verzehrt, darfst du eine Frau heiraten.

    Die Griechen haben die Ehe zum zeugen legitimer Nachkommen erfunden:
    "Apollodorus "Rede gegen Neaira"
    Auszug: (122) "Die Ehegemeinschaft besteht ja darin, daß man Kinder mit einer Person macht, die Söhne der Phratrie und des Demos einführt und die Töchter als eigene Kinder mit ihren Männern verheiratet.
    Wir haben die Hetären wegen des Vergnügens, die Konkubinen (pallakai) für die täglichen Dienste an unserem Körper und die Ehefrauen, um eheliche Kinder zu machen und um einen vertrauenswürdigen Hüter der Dinge drinnen (im Haus) zu haben."

    (5) Illegitimität 37: Illegitimität ist ein wesentlicher Faktor, der im Laufe der Geschichte zur Tötung Neugeborener führte 38. Um die Schande zu vermeiden,wurde außereheliche Nachkommenschaft im alten Griechenland ums Leben gebracht. Die Rechtsstellung der Nachkommenschaft 39 lässt sich geschichtlich schildern:
    Auf Initiative von Perikles beschloss die Versammlung im Jahre 451 v. Chr. ein Gesetz, nachdem beide Eltern miteinander verheiratete Athener sein mussten, um der männlichen Nachkommenschaft das Bürgerrecht zu sichern40. Zweck der Ehe, so das Gesetz, ist die Zeugung legitimer Nachkommenschaft 41. Seitdem waren illegitime Kinder unterprivilegiert und hatten auch keinen Anspruch auf Bürgerrecht. In seiner „Rede gegen Neaira“ zitiert Apollodoros das Gesetz, wonach es einem Ausländer verboten ist, eine Athenerin zu heiraten, ebenso einer Ausländerin, mit einem Bürger zu leben 42. "
    Man kann erkennen, daß Sparen an der humanistischen Bildung zu geistiger Armut führt!
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 06.03.2019
    @KONTEXT Redaktion,
    „Denn es ist immer noch Frauensache,…“ und es wird auch noch so lange so bleiben, wie das "Lied-Gut" von Michelle* "Dornröschen ist aufgewacht" nicht zur Erkenntnis führt, dass "Augenschließen beim Küssen" nicht länger dazu führen darf, die Augen geschlossen zu halten!

    Michelle* Album Traumtänzerball veröffentlicht 1995

    Dein Dornröschen ist aufgewacht
    Dein Dornröschen hat nachgedacht
    Ich brech endlich auf denn
    Es ist Zeit meinen Weg zu gehen


    Jetzt sollte hier Lucilectric nicht fehlen, die 1994 mit dem Song "Weil ich ein Mädchen bin" bekannt wurde – die Sängerin Luci van Org hat bei diesen "Herren" für große Aufregung gesorgt! [b][1][/b] https://www.youtube.com/watch?v=qTrXRN7jBsE

    15.12.2018 IM INTERVIEW Luci van Org: „Mädchen“ hat mir Glück gebracht https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/1610572/luci-van-org-maedchen-hat-mir-glueck-gebracht#gallery&0&0&1610572
    Text neben Bild: „Ich bin gerne Frau“, sagt Luci van Org. „Aber ich habe immer einen Kampf gekämpft, mich dadurch nicht einschränken zu lassen, gerade in meinem Beruf.“

    Was denken Sie, werden Sie irgendwann einmal sagen können: Es ist geschafft, es ist nicht mehr wichtig, ob jemand Mann oder Frau ist und welche sexuelle Orientierung er oder sie hat?
    [i]Nein. Ich meine, ich hoffe es. Ganz doll. Aber diesen Tag werde ich wohl nicht mehr erleben.[/i]

    [b][1][/b] Gerlinde Kretschmann engagiert sich als First Lady in Baden-Württemberg in vielen Bereichen. Bei einer Gesprächsrunde mit dem Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes ging es ihr unter anderem um die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche.
    [i]„Für mich warn des, zu diesem Zeitpunkt, ich muss des so knallhart sagen; wie in der CDU, da hab ich immer Parallelen gesehen: [b]Einfach alte Männer, die von nix ne Ahnung haben.“[/i][/b]
    https://www.swr.de/swraktuell/bw/stuttgart/frau-kretschmann-in-der-domkirche-alte-maenner-die-von-nichts-ne-ahnung-haben/-/id=1592/did=21293018/nid=1592/19a0m86/index.html Audio 3.08 Min.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 06.03.2019
      @KONTEXT Redaktion,
      ergänzend fortgesetzt, die Klatsche an die Männer, die von nix ne Ahnung haben.“

      1975 Juliane Werding – Wenn Du denkst, dann denkst Du nur Du denkst
      ...
      Doch ich weiß, was ich will. Drum lach nur über mich,
      Denn am Ende lache ich über dich!

      Angedacht, nur mal so angedacht:
      All das "Lied-Gut", das von den weiblichen "wissend und erklärend" seit Jahrzehnten zum Besten gegeben wird, würde nachhaltig Wirkung erzielen? Tut es offensichtlich nicht – noch nicht!?! [b][2][/b]

      Solange Ministerinnen sich weigern selbst zu denken – wie hier https://up.picr.de/32862016qf.pdf
      Sehr geehrte Bundesjustizministerin Katarina Barley, wenn Sie doch so freundlich sein wollten, und in unseren Ausführungs- und Anwendungsbestimmungen hineinsehen wollten:
      ...

      [b][2][/b] Vom 11. bis 17.11.2018 Themenwoche Gerechtigkeit http://www.ard.de/home/themenwoche/ARD_Themenwoche_2018___Gerechtigkeit/4954764/index.html
      Trailer zur ARD Themenwoche [b]Wie gerecht ist unsere Welt?[/b]
      Ist es gerecht, dass Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen? Dass Bildungschancen von sozialer Herkunft abhängen? Dass soziale Berufe verhältnismäßig schlecht bezahlt werden? Und dass manche Kinder arbeiten müssen, anstatt zu spielen? Darüber wollen wir reden - in der ARD Themenwoche! | Video

      April 2014 Newsletter April Rosa-Luxemburg-Stiftung BW https://up.picr.de/34956464ei.pdf
      "Erst wenn wir wieder Frieden haben..." Briefe von Clara Zetkin
      nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs

      Erneuerung durch Streik – Die eigenen Stärke nutzen
      Beiträge aus Wissenschaft und Praxis.

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