Ausgabe 399
Editorial

Leute, entspannt euch

Von unserer Redaktion
Datum: 21.11.2018

Wenn ein Kabarettist geehrt wird, kann eine Festrede flugs zur Stand-up-Comedy werden. So geschehen im Berliner Max Liebermann Haus, bei der Preisverleihung der Helga und Edzard Reuter Stiftung. "Ich hab' gedacht, mein Agent verarscht mich", sagt Abdelkarim, rollende Augen, Lederjacke, "aber dann hab' ich euch gegoogelt – es gibt euch wirklich."

Tatsächlich gibt es die Stiftung seit mehr als 20 Jahren. Und genauso lange vergibt sie jährlich zwei Preise für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Integrationsförderung. In diesem Jahr an Abdelkarim, alias "Staatsfreund Nr. 1", den Bielefelder Comedian mit marokkanischen Wurzeln. Und an Richard Arnold, Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, den Europäer mit schwäbischen Wurzeln und gewieften Flüchtlingshelfer vor Ort.

In Zeiten, in denen Populisten versuchen, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben, ist dieser Preis wichtiger denn je, als Anerkennung für engagierte Flüchtlingsarbeit und für entlarvendes Spiel mit Vorurteilen. Daran erinnert Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz in ihrer Festansprache und fordert: "Wir müssen stärker widersprechen". Auch Stiftungsvorsitzender Edzard Reuter zielt in diese Richtung: "Es geht um den Zusammenhalt unserer zivilen Gesellschaft auf der einen, unsere gemeinsame europäische Zukunft auf der anderen Seite." Unter den rund hundert Gästen ist auch der Reuter-Freund und ehemalige Chefredakteur von "Cumhuriyet", Can Dündar, der in der Türkei verfolgt wird und inzwischen in Deutschland lebt.

Vieles ist nicht lustig, was derzeit passiert. "Aber Angst macht die Menschen klein", sagt Kuratoriumsmitglied Haci-Halil Uslucan und zitiert Abdelkarims Credo: "Leute, entspannt euch!" Lachen macht frei und Mut. "Humor ist eine wichtige Form der interkulturellen Kommunikation." Das kennt auch Richard Arnold von seinen vielen Gesprächen mit Geflüchteten. Er weiß, dass ein Scherz viele Situationen entspannt. Bei ihrem Engagement vor Ort haben er und seine Team Zuversicht nicht verloren.

Kontext-Chefredakteurin Susanne Stiefel hat sich für eine Reportage vor Ort davon selbst überzeugt. In Berlin hält sie die Laudatio auf Richard Arnold und die Männer und Frauen von der Projektstelle für Integration und Flüchtlinge mit dem hübschen Namen Pfiff. "Richard Arnold ist einer, der in den Wirren europäischer und deutscher Flüchtlingspolitik nie vergessen hat, dass es dabei um Menschen geht", so Stiefel. Gut gelaunt geht Richard Arnold seinen Weg in der Gmünder Flüchtlingspolitik. Unterstützt von seinen Pfifflern, die mit ihm von Schwäbisch Gmünd zur Preisverleihung aufgebrochen sind – sieben Schwaben in Berlin. Denn sie sind es, die gemeinsam mit ihrem OB den "Gmünder Weg" gehen. Und der heißt Integration von Geflüchteten vom ersten Tag an. Auch als Ehrenamtliche bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Darin findet Abelkarim eine Vorlage, die er sofort komödiantisch und bitterböse verwandelt: "Flüchtlinge bei der Feuerwehr – das ist sicher nicht verkehrt. Vor allem, wenn sie im Flüchtlingsheim wohnen."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

3 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 23.11.2018
    Ganz entspannt erinnert an so manches Gespräch/Interview, das Edzard Reuter in allzu leichter Vergänglichkeit geführt hat.
    Wie überschrieb Wieland Backes seine Einladung an Edzard Reuter und Boris Palmer ins Haus der Wirtschaft zum Podiumsgespräch? Einmischen, Unbequemsein, Standhalten! [b][1][/b]

    Nun gibt es mit Edzard Reuter bereits im Oktober 2010 das Interview
    [b]"Heucheln nimmt in der Wirtschaft überhand"[/b]
    Die Süddeutsche mit mehreren Videos daraus auf dieser Internetseite. [b][2][/b]

    Bereits im August 2010 bringt Josef-Otto Freudenreich in der Frankfurter Rundschau seine Erlebnisse und Gedanken zu Protokoll. [b][3][/b] Auszug:
    … Und es sind Promis wie der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter
    und der Sternekoch Vincent Klink, die ihre Namen unter einen „Stuttgarter Appell“
    setzen, in dem ein Moratorium sowie ein Volksentscheid gefordert wird – gefolgt von 36
    000 weiteren Unterzeichnern.

    [b][1][/b] 18. November 2015 S21: Edzard Reuter, Boris Palmer & Wieland Backes https://www.youtube.com/watch?v=hsjoeibgQoU&feature=youtu.be Video 8.39 Min.
    Thema: S21 und Bürgerbeteiligung

    [b][2][/b] 29. Oktober 2010 Interview: Edzard Reuter "Heucheln nimmt in der Wirtschaft überhand" https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/edzard-reuter-im-gespraech-heucheln-nimmt-in-der-wirtschaft-ueberhand-1.1015970 mit mehreren Videos aus diesem Interview
    Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter, einst mächtigster Industriemanager Deutschlands, hält der Republik den Spiegel vor. Ein Gespräch über Gier und Geld, Volk und Politik, Integration und Stuttgart 21.


    [b][3][/b] 26.08.2010 Josef-Otto Freudenreich Stuttgart-21-Protest | "Lasst es krachen, fetzen, knallen" http://www.fr.de/wirtschaft/dossier/spezials/mobilitaet/stuttgart-21-protest-lasst-es-krachen-fetzen-knallen-a-999500
    Wieder protestierten mehr als 10.000 Stuttgarter gegen den Abriss ihres Bahnhofs. Längst geht es um mehr als nur das gigantische Projekt Stuttgart 21. Die Bürger haben den Filz aus Politik und Wirtschaft satt.
    • Peter Meisel
      am 24.11.2018
      Danke für meine Meinung: " Die Bürger haben den Filz aus Politik und Wirtschaft satt." Die Marktkonforme Demokratie ist gegen die Wand des souveränen Geistes gelaufen!
      Es liegt an uns, uns selbst zu regieren.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 03.12.2018
      @Peter Meisel „Es liegt an uns, uns selbst zu regieren.“
      Dann geht das allerdings nicht mehr: Entspannt sein und sich zurücklehnen!
      Das haben die Gründer der Bundesrepublik Deutschland bereits so gehandhabt und damit eine "Fehlgeburt" geschaffen!

      Fehlgeboren? Nicht zu lernen bereit, die hohen Herren, die sich auch noch selbst als Väter des Grundgesetz bezeichnet haben!
      Ohne die Alliierten und die Aufnahme des [i]neuen[/i] Völkerrechts (Dez. 1948), in unser GG Artikel 25, würden Konrad Adenauer (CDU), Theodor Heuss (FDP/DVP) und Carlo Schmid (SPD) keine Zustimmung zur Gründung der BRD erhalten haben!!

      Von wem die Zustimmung? Den Alliierten, die keine Gleichberechtigung der Geschlechter verwirklicht haben!!! Und also auch in unserem Grundgesetz ein "Hintertürchen" haben wollten!!! [b][4][/b]

      Zu [b][2][/b] 29. Oktober 2010 [b]Interview: Edzard Reuter[/b] "Heucheln nimmt in der Wirtschaft überhand"
      Diese Dokumentation:
      Der große Aufbruch | Die Pioniere Amerikas – US-Amerikanische Serie aus dem Jahr 2012
      Folge 1 - [b]Geld macht Politik[/b] - https://www.youtube.com/watch?v=hs8EjOka8WU Video 73:58 Min.
      Ab Min 14:14 David Nasaw, Carnegie-Biograf „Ein entscheidender Kostenfaktor in einem Stahlwerk sind die Arbeiter.“
      Folge 7 - Nachdem Vanderbilt, Rockefeller, Carnegie und Morgan jahrzehntelang keinerlei Kontrolle seitens der Regierung befürchten mussten, versuchen Politiker dies zu ändern. ... https://www.fernsehserien.de/der-grosse-aufbruch-die-pioniere-amerikas/sendetermine/zdfinfo/-1

      [b][4][/b] Die Adenauer-Regierung ließ den für eine Übergangsregelung im Artikel 117 gesetzten Termin „31. März 1953“ jedoch tatenlos verstreichen.
      *** Tatsächlich hatte das Deutsche Reich bereits die Gleichberechtigung ***
      [b]Weimarer Verfassung[/b] vom 11. August 1919
      Zweiter Hauptteil
      Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen
      Erster Abschnitt. Die Einzelperson
      [b]Artikel 109[/b] [Gleichheitsgrundsatz, Gleichberechtigung, Titel, Orden]
      „(1) Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ ENDE Auszug

      Zweiter Abschnitt. Das Gemeinschaftsleben
      [b]Artikel 119[/b] [Ehe und Familie]
      „(1) Die Ehe steht als Grundlage des Familienlebens und der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter dem besonderen Schutz der Verfassung. Sie beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter.“ ENDE Auszug

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:




Ausgabe 429 / Weg mit den Panzern / w.-g. esders / vor 17 Stunden 1 Minute
ja!












Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!