Ausgabe 378
Editorial

Schwere Kost

Von unserer Redaktion
Datum: 27.06.2018

Das Leben ist bekanntermaßen kein Zuckerschlecken und Kontext manchmal auch nicht. Diese Ausgabe ist so eine, die teilweise schwer zu verdauen ist und Abgründe aufzeigt, zu denen Menschen fähig sein können.

Viel wurde schon diskutiert über die Bilder von "Caesar", dem Fotografen, der Folteropfer in Syrien dokumentiert hat. Bisher waren sie in Nürnberg und Washington zu sehen, seit dem gestrigen Dienstag ist ein Teil der verstörenden Aufnahmen auch im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zu sehen. Nicht gehängt, wie es für Ausstellungen üblich ist, sondern gelegt, damit sich dem Anblick entziehen kann, wer ihn nicht aushält. Susanne Stiefel hat die Frauen getroffen, die diese Ausstellung organisiert haben. "Wer redet, verlässt die Opferrolle", sagt eine davon.

Wer redet, trägt auch die Geschichte weiter, verhindert das Vergessen. Wie Brigitte und Gerhard Brändle, die ihr Leben der Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes widmen. Unter anderem ihnen ist es zu verdanken, dass am Landgericht Stuttgart nach Jahren des Hinauszögerns und Zauderns nun endlich an einem anständigen Erinnerungsort gearbeitet wird – 75 Jahre, nachdem dort Mitglieder einer Widerstandsgruppe aus dem Elsass ermordet wurden, acht von insgesamt 422 Menschen im Innenhof hingerichteten Menschen.

Die Erinnerung an die Gräueltaten der deutschen Nazis lebendig zu halten war selten wichtiger als heute, wo eine Partei mit jeder Wahl mehr und mehr Stimmen bekommt, die den Nationalsozialismus verharmlost, ihm sogar teils huldigt. Der kalkulierte Tabubruch, das Uminterpretieren von Begriffen, die entdifferenzierende Zuspitzung von Problemen – das sind Strategien, die der faschistische Philosoph Julius Evola empfahl, um demokratische Zivilgesellschaften zu ermüden und neuen Aristokratien Weg zu bahnen. Seine Schriften sind beliebte Lektüre in neurechten Kreisen. Als Begleitmusik zum AfD-Bundesparteitag liefert Philosoph Michael Weingarten Hintergründe.

Manchmal ist es gerade die Gegenrede, die es dringend braucht. Vor allem in einer Zeit, in der die Entmenschlichung in die Köpfe und die Sprache einzieht, ein Gegeneinander der Abschottung gelebt wird, wo Lösungen eigentlich nur miteinander machbar sind. Dass Gemeinschaft möglich ist, auch unter widrigen Umständen, zeigt die Geschichte einer kleinen, grünen Gurke, die Johanna Henkel-Waidhofer in einem griechischen Flüchtlingslager erfahren hat.

Ulrich Scheuffele hatte immer sehr viel zu erzählen. Beharrlich war er – egal ob bei Stuttgart 21 oder dem Missbrauchsskandal in Korntal –, weil er wusste, dass sich die Welt nur mit Hartnäckigkeit zu einer besseren machen lässt. Am 20. Juni ist er gestorben und mit ihm ein guter Freund und Unterstützer der Kontext-Redaktion. Lieber Uli, deine Anrufe werden uns fehlen.

Und dann noch etwas Überraschendes: Die Landesregierung hat am gestrigen Dienstag für Euro-3- und Euro-4-Diesel ab 2019 tatsächlich Fahrverbote beschlossen. Hallelujah.


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