Ausgabe 375
Editorial

Wat?!

Von unserer Redaktion
Datum: 06.06.2018

"He! Was ist mit unserem Comicladen los? Seit wann ist der denn dicht?", fragt Anarchist Zwille. Die Antwort kommt von einem mit Ziegenbart und Jutetasche: "Hasse nicht mitjekricht, Alta? Da baun se doch 'n Hotel hin." Kontext-Redakteur Oliver Stenzel war hin und weg von Kult-Comic-Zeichner Gerhard Seyfrieds neuestem Werk. Es behandelt unter anderem die Gentrifizierung der Bundeshauptstadt Berlin. Dem gezeichneten Anarcho Zwille in seiner Latzhose bleibt in Anbetracht seines bald verschwundenen Comic-Paradieses kaum etwas anderes zu sagen als: "Wat?!" – in extra schwarzen Buchstaben.

Und tatsächlich drängt sich dieser gepflegte Ausdruck ungläubigen Entsetzens demjenigen immer wieder auf, der momentan mit wachen Augen durch die Welt geht. Ein US-Botschafter will die Rechtskonservativen in Deutschland unterstützen? Ein Politiker nennt den Holocaust einen Vogelschiss? ... Wat?!?!?

Um bei den Themen Wohnen und Verdrängung zu bleiben: Liebe Berliner, auch der Schwabe, wenn nicht großkopfert, leidet unter dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen, vor allem in Stuttgart, einer der teuersten Städte Deutschlands. Jüngst erst hat die Besetzung und anschließende Räumung der Wilhelm-Raabe-Straße 4 im Süden der Landeshauptstadt das Thema wieder in die Schlagzeilen gespült (Kontext berichtete). "Die Aktion hatte offenbar den Nerv getroffen und mit einem Paukenschlag Mietpreiswahnsinn, Wohnungs-Leerstand und Spekulation ins Scheinwerferlicht gezerrt – raus aus dem ignoranten, von Nebelkerzen sichtgetrübten Raum der Rathaus-Debatten", schreibt der linke Stadtrat Tom Adler in einem Gastbeitrag für unsere aktuelle Ausgabe.

Immer häufiger greifen Medien die Geschichten von MieterInnen auf, die aus ihren Wohnungen saniert werden, dokumentieren deren Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen übermächtige Immobilienfirmen, die ihnen mit einem Handstreich das Zuhause unterm Hintern wegziehen. Verkauft werden dabei aber nicht Beton-Räume, keine bloßen Wohnungen, das vergisst der Spekulant gerne, sondern Menschenleben, Familien, Geschichten, Erinnerungen, Träume, das Gefühl, geborgen und sicher zu sein. Spekulationen mit Wohnraum sind wohl einer der übelsten Auswüchse des Raubtierkapitalismus. Wie genau der auf dem Wohnungsmarkt funktioniert, hat Kontext-Redakteur Minh Schredle in seinem Text "Ausgepresst" beschrieben.

Noch so einen Auswuchs der ständigen Monetarisierung von Menschenleben beschreibt Peter Hensinger in seinem Beitrag über das immense Geschäft mit unser aller Daten. Tatsächlich gibt es schon Windeln, die per WLAN den Füllstand am Pobbes der Kleinsten aufs Smartphone der Eltern überträgt. Um es mit Zwille zu sagen: "Wat?!"

Ein gepflegtes "Wat?!" passt auch herrlich auf den Klinik-Skandal, der die Stadt Stuttgart und mit ihr diverse Vertreter der Grünen seit einiger Zeit heimsucht. Auch hier wurde das schnelle Geld in großen Mengen weit über das Wohl der Menschen gestellt. Wie sonst erklärt es sich, dass kranke Kinder reicher Eltern bei Operationen bevorzugt behandelt wurden und weniger prestigeträchtige kleingeldbeutelige Patienten warten mussten? Johanna Henkel-Waidhofer hat die wichtigsten Fakten zusammengetragen.

Und Stuttgart 21? Wird überschwemmt, kostet mehr und mehr und mehr. Neu allerdings ist, dass sich der Verkehrsausschuss im Bundestag am Montag der kommenden Woche über das Thema "Ausstieg und Umstieg" unterhält. Das sei zumindest "bemerkenswert" schreibt unser Autor Winfried Wolf.


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