Ausgabe 374
Editorial

Was heißt hier schäbig?

Von unserer Redaktion
Datum: 30.05.2018

Der Artikel in der "Stuttgarter Zeitung" vom Dienstag über den Flüchtlingsrat Baden-Württemberg beginnt mit den Worten: "Das Schild hängt an einem schäbigen Stuttgarter 50er-Jahre-Bau". Gemeint ist das Schild des Vereins an der Fassade der Hauptstätter Straße 57. Moment mal, schäbig? Wir haben unsere Redaktionsräume ein Stockwerk über dem Flüchtlingsrat und möchten uns doch vehement verwehren gegen diesen Begriff. Geschichtsträchtig ist das Gebäude zu nennen, liebevoll abgewohnt oder stilvoll versifft! Aber gleich schäbig? Überhaupt: Wer in einem Siebzigerjahre-Betonklotz am Rande Möhringens sitzt, in frühlingsfrischem Feinstaubgrau unten und oben bedeckelt mit einem Flachdach in sattem kackbraun, der sollte nicht mit Steinen werfen. Und was vor allem zählt, weiß man ja, sind – genau – die inneren Werte.

Die Geschichte von Johanna Henkel-Waidhofer beispielsweise, die in unserer aktuellen Ausgabe beleuchtet, wie der Verfassungsschutz zwar voller Inbrunst Linke überwacht, die AfD und deren Machenschaften aber außen vor lässt. Oder der Text von Rupert Koppold, der kräftig Wasser in den Wein der aktuellen Wolfs-Euphorie im Land gießt. Redakteur Minh Schredle beobachtet und begleitet seit Wochen die Besetzung zweier Wohnungen in der Wilhelm-Raabe-Straße in Stuttgart-Heslach und war bei der Räumung dabei. Wir sagen: #Leerstandbekämpfen!

Auch den auf dem Konto des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, das lange vom BUND verwaltet wurde und irgendwann plötzlich leer war. Erfreulich: Es ist wieder voll. Auch erfreulich: Im Juni 2014 hat Susanne Stiefel den Missbrauch in der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal aufgedeckt und seitdem regelmäßig über den Skandal und dessen Aufarbeitung geschrieben. Am 7. Juni, nach vier Jahren, präsentiert die dort eingesetzte Aufklärungsgruppe ihre Ergebnisse.

Schäbig. Pfff. Von wegen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 30.05.2018
    Der Hinweis auf die "Schäbigkeit" des Gebäudes ist ja mit dem Hinweis auf den Möhringer Bunker gut pariert.
    Skandalöser allerdings die Passage in dem besagten SZ-Beitrag von Herrn Wein: "Wenn es eine „Anti-Abschiebe-Industrie“ in Deutschland gibt, wie der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in einem Interview behauptet hat, dann ist dieser kleine Büroschlauch so etwas wie deren Lobbyzentrale im Land." Von der "Steuervermeidungs-Industrie", "Entmietungs-Industrie", "Abmahnungs-Industrie" und anderen systemrelevanten Winkel-Advokaten liest man/frau in den einschlägigen Blättern aus dem Pressehaus natürlich nichts. Gut, dass es da KONTEXT gibt!
  • johanna henkel-waidhofer
    am 30.05.2018
    ... und wer in der Achtzigern - aus Wien kommend und im Siebzigerjahre-Betonklotz eine vorübergehende berufliche Heimat, aber breit und weit kein Kaffeehaus findend - Wurzeln zu schlagen versuchte in der Stadt, dem bot den Stuttgarter 50er-Jahre-Bau ein zweites Wohnzimmer, wie WienerInnen zum Stammbeisel sagen, in dieser damals so kaffeekulturlosen Stadt. Liebe Grüße an alle, die sich auch wehmütig ans "Stella" erinnern, von wegen schäbig ... wenn alle Häuser in der Stadt wo wären, wäre die Welt eine bessere!

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