Ausgabe 350
Editorial

Auf nach Utopia

Von unserer Redaktion
Datum: 13.12.2017

Es war ein Fest der Meinungsfreiheit und des Worts. Die Menschen, die zur Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises ins Theaterhaus gekommen waren, feierten den Mut der türkischen Autorin Aslı Erdoğan, sich nicht weg zu ducken. Genau hinsehen, auch die leisen Töne, das Unausgesprochene hören, darüber schreiben, das Unrecht in Worte fassen. Das ist die Aufgabe von JournalistInnen und von SchriftstellerInnen. Denn: Wo Unterdrückung zum Recht wird und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, werden Worte zur Waffe. Das ist gefährlich in einer Diktatur. Aslı Erdoğan ist für diesen Mut inhaftiert worden. 132 Tage lang. "Es ist meine Aufgabe, über Abscheulichkeiten zu berichten", schrieb sie noch aus dem Gefängnis. Seit einem Jahr ist sie in Freiheit, seit einigen Wochen lebt sie in Frankfurt. Sie war an diesem Sonntag auf dem Weg zur Friedensgala nach Stuttgart.

Doch manchmal ist auch der Winter ein Diktator. Ein Unfall auf verschneiten Straßen zwang die Schriftstellerin zurück nach Frankfurt. Und so musste Aslı Erdoğan wieder einmal in Abwesenheit geehrt werden.

Die Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth hielt die Laudatio (hier nachzulesen). "Aslı Erdoğan kämpft mit einer pazifistischen, aber genauso treffgenauen Waffe gegen das Unrecht: mit ihrer kraftvollen, klugen, mitfühlenden Sprache", sagte Abendroth. Für Aslı Erdoğan sei das Wort, das Schreiben, die Sprache auch zum Überlebensmittel geworden, zu einem Befreiungsversuch aus dem Klammergriff der Diktatur und dem verordneten Schweigen.

Auch unsere Kolumnistin Filiz Koçali weiß um die Macht des Wortes. Die türkische Journalistin von "Özgür Gündem" hatte Aslı Erdoğan als Autorin für ihre Zeitung gewonnen. Die beiden Frauen wurden Freundinnen, die gemeinsam für den Frieden in der Türkei kämpften. Sie nannten das Unrecht gegen die Kurden, den Abbau von demokratischen Rechten beim Namen. Als die Zeitung im Sommer 2016 verboten wurde, konnte Koçali ins Exil fliehen, Erdoğan wurde in Istanbul eingesperrt. Beide sollten mundtot gemacht werden, denn in der Fremde wird Sprache eine stumpfe Waffe. "Wir haben gekämpft, wir haben das Richtige gemacht, aber der Preis dafür war hoch", schreibt Koçali in ihrer Kontext-Kolumne "Briefe an Aslı".

Den Weg von der Türkei vor die eigene Haustür fand Peter Grohmann in seinem Schlusswort. "Wir sind bequem geworden", polterte der Ober-Anstifter, "wir denken, die Parteien werden's richten und den Rest macht die taz." Und er forderte alle auf, sich wieder auf nach Utopia zu machen: "Macht Propaganda für mehr Menschlichkeit." Denn Aslı Erdoğan ist nicht allein. Hunderte JournalistInnen, SchriftstellerInnen, WissenschaftlerInnen sitzen in der Türkei im Gefängnis. Deniz Yücel ist nur einer von ihnen, Aslı Erdoğan ist nur eine von ihnen. Sie wurden zum Symbol für die vielen. Und so lautete die Botschaft dieses Abends: "Meinungsfreiheit ist kein Verbrechen". Über 150 Plakate gingen im Theaterhaus an diesem Sonntag der Menschenrechte in die Höhe. Auf ihnen die Namen von weiteren Frauen und Männern, deren Verbrechen darin besteht, den Mund aufgemacht zu haben. Sie alle waren gemeint mit der Stuttgarter Ehrung.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

2 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 20.12.2017
    Ganz nett diese Feier . Aber eigentlich auch wieder nicht.
    Warum ?
    Sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich gegenseitig toll finden bei einem medial vorgegebenem "Feind" und , - zeitgleich um die Ecke , beim smarten Totalitarismus im eigenen Haus sofort "Eyes wide shut" ( Stanley Kubrick - Was soll man heute noch glauben, was bekommt man heute noch mit ? Was will man heute noch wissen bzw. lieber nicht mehr wissen ?).
    http://www.taz.de/!5235026/
    Berichterstattung zu USA , Kolumbien , Ägypten , Brasilien , aktuell zu Venezuela , Palästina/Israel , Honduras , Saudi-Arabien und Jemen , Myanmar uvm. , reines Meinungsmanagement der o,1 %
    www.youtube.com/watch?v=-hItt4cE0Pk
    www.youtube.com/watch?v=JsZbMH7wt8U

    Was in der Türkei passiert , passiert und passierte dort schon lange (Manning , Snowden , Assange , Abu Ghraib , Bagram , Guantanamo , "präventive" Haft ohne Anklage auf unbestimmte Dauer (u.a. USA/Bayern/Israel , - Todesurteile für Hunderte wegen Überfall auf eine Polizeistation mit 1 Toten/bspw. Agypten ; 3 ermordete und 1400 verletzte Palästinenser nach der Entscheidung des Israel-Freundes Trump. Warum die sich so aufregen ? Das will dann keiner mehr so genau wissen , oder berichten. Stattdessen "Palästina halt`s Maul"- PR per "Antisemitismus" - Pseudodiskussion wegen dem brennenden Symbol eines Nationalismus , -weit rechts der AFD und des Kopp-Verlages -, hofiert wie eine Religion ; auch Juden werden in D diesbezüglich wieder mundtot gemacht : Gideon Levy , Nirit Sommerfeldt , Rolf Verleger , Abraham Melzer , Ronnie Barkan , Breaking The Silence uvm. ) .
    Ich kann da kein Alleinstellungsmerkmal für die Türkei erkennen. Außer , daß Erdogan und Chavez die wohl am häufigsten in demokratischen Wahlen bestätigten Präsidenten der Neuzeit sind und waren.
    Der Rest an Präsidenten mindestens genauso zweifelhaft und in den meisten Fällen durch Putsche ans Ruder gekommen .
    Was gibt`s da zu feiern ?
    Und wer von der taz zur Springer-Presse/BILD/Welt wechselt , dessen Gesinnung ist mir nicht koscher. Insbesondere dann , wenn Yükcel die Ausrottung eines Volkes in einem Kommentar begrüßt und wünscht.
    http://www.taz.de/!5114887/
    Auch wieder nachdenkenswert : Warum wird ein Yücel von der wohl "konservativsten" Zeitung Deutschlands/ dem rechten Medienkonzern Springer eingestellt ?

    Für mich ist das klare Fazit : Eine der unzähligen Veranstaltungen mit unkritischen Massen zum Zwecke der gezielten Themenführung im Rahmen des neo"liberalen" Meinungs-und Empörungsmanagements .
    Merkt denn ernsthaft keiner , daß die "Empörungsenergie" immer auf die gleichen Themen hin abgeleitet wird ?
    Vielleicht mal die obigen Links verifizieren/falsifizieren .
  • Peter Meisel
    am 13.12.2017
    Ein Fest der Meinungsfreiheit und des Worts. Danke an KONTEXT. Das ist die Anwendung der „emotionalen Intelligenz“ Das können wir (ich) noch lernen, denn ich empfinde ebenfalls diesen Mangel in unseren Umgangsformen. Das verdiente Lob- „Genau hinsehen, auch die leisen Töne, das Unausgesprochene hören, darüber schreiben, das Unrecht in Worte fassen. mit ihrer kraftvollen, klugen, mitfühlenden Sprache.“ denn: „Unzählig sind die Menschen, die Kopf und Füsse haben, aber keinen Verstand und keine Ohren.. Wie konnte der Weg nur so verdunkelt werden, dass es nun "Wahr" und "Falsch" gibt? Wie konnte die Rede nur so verschleiert werden, dass es nun "Recht" und "Unrecht" gibt? Reden ist nicht nur das Ausstoßen von Luft. Rede beabsichtigt, etwas zu sagen, doch was ausgesprochen wird, muss nicht unbedingt gültig sein. Wenn es nicht gültig ist, ist dann wirklich etwas ausgesagt worden? Oder hat Rede dann überhaupt nicht tatsächlich stattgefunden? Zhuangzi (369-286 v.Chr.) Zhuangzi hat das formuliert, was ich sagen will. Und Kontext bietet die Plattform inclusive den Raum für Wetterer.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!