Ausgabe 341
Editorial

Prosit auf die Heimat

Von unserer Redaktion
Datum: 11.10.2017

Endlich. Endlich diskutiert die deutsche Presse wieder über Heimat. Danke, Katrin Göring-Eckardt, danke, Effdabbelju Steinmeier. Wo mit dem steilen Aufstieg von Wohlfühl-Magazinen wie "Landlust" vor einiger Zeit die erste Heimat-Diskussionswelle übers Land rollte, rollt jetzt die zweite durchs Sperrfeuer zwischen "Was ist Heimat für unsere Leser" und "Was sagen eigentlich kluge Leute zum Begriff Heimat" und Querschlägern wie dem neu aufzupolierenden patriotischen Nationalstolz einiger Christsozialen. In diese ganze Diskussion möchte man am liebsten ein beherztes "Fuck off" samt Steinbrück-Finger reinwerfen, zumal als Teil der 87 Prozent von Deutschland, die unter keinem Heimat-Trauma leiden. An dieser Stelle möchten wir denn auch auf solche Menschen verweisen, denen die so heimatunsichere deutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten ganz ohne politische Begriffsdefinition ein reales Problem mit Heimat verpasst hat.

Aber mal ernsthaft ironisch: Den Schutz der Heimat dürfen alte und neue Konservative natürlich nicht allein dem rechten Rand überlassen, wie dem in Singen am Bodensee, wo in manchen Stimmbezirken jeder Vierte AfD gewählt hat. Genauso wenig das Aussperren (und Abschieb... äh, Rückführen) von Heimatlosen auf der Suche nach einem besseren Leben. Zwei Jahre lang haben die Unionsparteien nun gebraucht, um die Obergrenze umzubenennen. Was Jamaika retten könnte, ist der atmende Deckel. Den gab es aber auch schon mal, und er ist immer noch dämlich, weil auf den albernen Begriff kaum jemand reinfällt. Warum nicht mal was ganz Neues wagen? Semipermeable Staatsmembran, oder noch besser: oszillierendes Demarkationslinienübertretungskontingent? Vielleicht klingt da aber die naheliegende Abkürzung – ODLÜK – so orientalisch, dass sie gerade die Teile der Öffentlichkeit verunsichern könnte, die mit der Obergrenze überhaupt erst besänftigt werden sollen. Die mit dem Heimatproblem, die "Auto-Immunkrankheit der Demokratie", wie es Mannheims OB Peter Kurz ausdrückt. Was rauskommt, wenn diese Krankheit eitrige Pusteln bekommt, die für den KKK blühen, zeigt übrigens anschaulich ein Zeuge im NSU-Ausschuss.

Immerhin: Sich nicht auf eine konkrete Zahl an Geflüchteten festzulegen, bietet Gelegenheit, geschmeidig zu bleiben. Um genau so viel Humanität zu zeigen, wie es die Umfragewerte der Woche zulassen, die in der Politik schon lange einen höheren Stellenwert zu genießen scheinen als Überzeugungen. Aber wenn man darüber das Deckchen der Heimat ausbreitet, ist alles nur noch halb so schlimm. Zur Not bauen wir auf dem Stuttgarter Killesberg einen fetten Ventilator, so geht zumindest die Idee eines Lesers der "Badischen Zeitung". Der könnte den ganzen Feinstaub aus der Stadt pusten. Dann hätten die Stuttgarter vielleicht auch mal wieder ein echt atmendes Heimatgefühl.

Wir jedenfalls halten da lieber mit den Lebenskünstlern der Hamburger Band Deichkind, die schon 2008 in ihrem philosophischen Manifest "Hört ihr die Signale?" das ganze Gedöns um die Heimat auf acht Worte eingedampft haben: "Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen!" Prost.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!