Ausgabe 339
Editorial

Schwampel heißt jetzt Jamaika

Von unserer Redaktion
Datum: 27.09.2017

Zugegeben, Jamaika klingt entspannt. Nach Sonne, Kiffen und Reggae. Nach Bob Marley und Blaue Lagune. Weg mit der bräsigen Schwampel, wie die schwarz-grün-gelbe Koalition früher genannt wurde, die will keiner. Jamaika dagegen sticht. "In Jamaika sind wir gut drauf", sagt die Botschafterin Margaret Jobson aus aktuellem Anlass und ist durchaus glücklich über die Werbung für ihr Land. "Wenn unter Jamaika Gras nicht legal wird, gebe ich Deutschland auf", schreibt einer dazu auf Facebook. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Denn beim Blick aufs Wahlergebnis überkommen einen doch schwampeleske Gefühle. Etwa, wenn man die AfD-Ergebnisse im Land anschaut. Pforzheim-Buckenberg vorneweg mit 36,9 AfD-Prozenten. Rudersberg, ach Rudersberg, ist mit 18,4 auch vorne mit dabei, genauso wie Spiegelberg mit 23,3 Prozenten. Und wer am Wahlsonntag vor dem Fernseher saß, und das Auftrumpfen der AfD-Spitzenkandidaten Gauland und Weidel erlebt hat und die Unfähigkeit zur Selbstkritik all der dort versammelten Parteivorsitzenden, der läuft Gefahr, in Depressionen zu verfallen. Oder aber er und sie krempelt die Ärmel hoch. Und das ist die gute Nachricht. Für viele Menschen im Land sind die Wahlergebnisse ein Weckruf.

"Willkommen in der Opposition", grüßt unser Wetterer die SozialdemokratInnen. Willkommen in der Gemeinde der Andersdenkenden. Denen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, denen Demokratie und Gerechtigkeit mehr ist als ein Wort. Mut zur Kritik ist jetzt nötig, außerparlamentarisch. Mehr freie Presse, die nicht dem Mainstream nachplappert. Und Protest, der sich nicht nur in einem Tasten-Click für die neueste Online-Petition erschöpft. Wo man heute traurige Delphine retten kann und morgen Somalia.

Dranbleiben an den Themen, wie das der Soziologe Harald Welzer immer wieder betont. Rausgehen, um für seine Meinung geradezustehen, sichtbar werden, hartnäckig bleiben. Politik nicht den Politikern überlassen. Auf die Frage, wann sie in die Politik gehe, sagte die Leiterin des interkulturellen Zentrums Heidelberg Jagoda Marinić über ihre Arbeit vor Ort: "Ich bin in der Politik." Das gilt auch für die Stuttgarter Anstifter, für die Antirüstungsinitiative Waffen vom Bodensee oder für den Flüchtlingsrat. Um nur drei Beispiele aus dem Land zu nennen.

Und auch die Parteien müssen auf den Denkzettel reagieren. Sie müssten endlich die richtigen Lehren ziehen. Nicht Ängste schüren, oder eine Obergrenze fordern, wie das nun Horst Seehofer wieder tut, der am Wahlsonntag eine deutliche Klatsche erhalten hat. "Wenn die CDU die Tür nach rechts öffnet, läuft sie Gefahr, zu viele der eigenen Anhängerschaft zu animieren, noch weiter rechts durch die nächste Tür zu rennen", schreibt unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer in unserem Wahlaufmacher "Rechts geblinkt und verloren". Und auch die SPD muss sich fragen, warum ihr die Wähler die Glaubwürdigkeit beim Thema Gerechtigkeit absprechen.

Haben die Medien sich zu stark von den Provokationen der AfD leiten lassen? Die 55-Minuten-Flüchtlingsdebatte beim Kanzlerduell ist das vielkritisierte Beispiel. Noch am Wahlabend bei Anne Will wundert man sich, wieso alle Parteien vertreten sind bis auf die Linken. Stattdessen dürfen der unvermeidliche Jörges vom "Stern" ungehemmt schwadronieren und sich Cem Özdemir (Grüne) und Wolfang Kubicki (FDP) in Vorfreude auf Jamaika aneinander kuscheln. Hatte doch Katja Kipping (Linke) in der Elefantenrunde kenntnisreich bewiesen, dass man über konkrete politische Versäumnisse wie die Wohnungspolitik diskutieren kann statt sich nur an der AfD abzuarbeiten.

Unsere türkische Kolumnistin Filiz Kocali hat sich die Auswertung der deutschen Wahlergebnisse in ihrem Heimatland angesehen. Die "Sabah", die in der Türkei meistverkaufte Pro-Erdogan-Zeitung, begründet den Aufstieg der AfD damit, dass die anderen Parteien in ihrer Sprache zu rassistisch seien. Das Bemühen der Parteien, Wähler vom rechten Block abzuwerben, habe dazu geführt, dass die rechten Wähler das Original und nicht die Kopie gewählt haben. Und was Jamaika angeht, so treibt den türkischen "Sabah"-Kommentator Fatih Zingal vor allem eines um: Dass Cem Özdemir Minister werden könnte.


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 27.09.2017
    Jamaika steht aber auch für die Staatsform der Parlamentarischen Monarchie, deren Staatsoberhaupt Elisabeth II ist. Ob ich dabei an Bundesmutti I denke? Kann sein. Mal sehen was kommt.

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