Ausgabe 326
Editorial

Kohl-Kohl

Datum: 28.06.2017

Wir möchten uns entschuldigen. Hatten wir im Editorial zu Ausgabe 325 noch erklärt, dass und warum wir nichts zum Tod von Helmut Kohl schreiben, müssen wir diese vollmundige Aussage nun kleinlaut revidieren. Zunächst: Bischof Fürst aus Rottenburg hat den Altkanzler vor ein paar Tagen als "großen Europäer" gewürdigt. Erwähnenswert deshalb, weil Kontext am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr in die Zehntscheuer eben dieser Bischofsstadt zur Diskussion einlädt. Unser Thema: "Umgang einer Stadt mit rechter Hetze". Denn nicht nur Fürst hat dort seinen Sitz, sondern auch der Kopp-Verlag.

Schuld an unserem Kohl-Editorial trägt aber eigentlich – wie könnte es anders sein – die Junge Union Stuttgart. Die hatte nämlich vergangene Woche die Forderung erhoben, die hiesige Heilbronner Straße in Helmut-Kohl-Straße umzubenennen. Wie passend, dachten wir sofort: dauernd Stau und statt blühender Landschaften massenhaft Beton. Wobei die wahre Motivation vermutlich eine andere war: Denn in eben jener Straße hat der Kreisverband der Stuttgarter CDU, der sich der Forderung begeistert anschloss, seine Zentrale. Mit Sicherheit stellen es sich die Christdemokraten reizvoll vor, künftig in einer vom Kiesinger-Platz (aktuell Stuttgart-21-Baustelle) aufsteigenden Helmut-Kohl-Straße zu residieren. Wobei wir der hiesigen Union durchaus mehr Häme zugetraut hätten: Viel lustiger hätten sie es doch finden müssen, den Wilhelmsplatz in Stuttgart-Mitte umzubenennen. Dann hätte sich der SPD-Kreisverband täglich über den Kohlplatz auf seinen Briefköpfen ärgern müssen.

Aber genug gesponnen, auch die Wirklichkeit hat ihre heiteren Seiten. So fand der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann bald Gefallen an der JU-Forderung, bloß mit der Einschränkung, pardon, Konkretisierung: Am besten solle nur "der Abschnitt zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und dem Pragsattel (...) umbenannt werden." Denn dies "schont das Gewerbe zwischen Pragsattel und Friedrichswahl vor den Kosten der Umbenennung." Was nützt das schönste Gedenken, wenn's dem Gschäfd schadet? Womit wir wieder über den Stand des ökonomischen Sachverstands der Südwest-Union beruhigt sind. Und bescheiden einen eigenen Vorschlag vorbringen: Die Filderbauern sollten einen möglichst birnenförmigen Spitzkohl züchten, den man "brassica kohlea" nennen könnte, oder zu deutsch: den Kohl-Kohl.

Nicht erst auf seinen Tod warten, bis endlich Straßen nach ihm benannt werden, musste übrigens der Multimilliardär und SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp. Offenbar werden in Deutschland, "wie in westlichen Demokratien nach 1945 allgemein üblich, Straßen grundsätzlich nicht nach lebenden Personen benannt", schreibt jedenfalls Wikipedia. Unter anderem weil das als Merkmal diktatorischen Personenkults gewertet werde. Doch wegen "besonderer Verdienste" – also großzügiger Geldspenden – kann man da auch mal ein Auge zudrücken. Und so reiht sich der Mäzen ein in den erlesenen Kreis weniger Dutzend Personen, denen diese außergewöhnliche Ehre in der Geschichte der Bundesrepublik zuteil wurde. Und zwar gleich drei Mal: in Sinsheim, Walldorf und St. Leon-Rot – was wiederum einzigartig ist.

Aber Namen sind ja bekanntlich Schall und Rauch. Insbesondere bei Straßen, deren größtes Problem ist, dass vor allem Autos drauf fahren. Da loben wir uns doch die neuesten Entwicklungen der Initiative Stuttgart laufd nai und werfen einen Blick zurück in die gute alte Zeit, in der in Stuttgart zumindest die Ideen zum öffentlichen Nahverkehr besser waren. Der hätte es in den Fünfzigern hier beinahe zur Kostenlosigkeit geschafft. Kein Witz. Mit Witz muss man als Redaktion eh vorsichtig sein. Es soll Leute geben, die keinen Humor haben.


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1 Kommentar verfügbar

  • ho wetzel
    am 28.06.2017
    Da kann ich nur sagen. "Ihr hab Probleme..."
    Hier im Osten hat die auf die Ankündigung der "Blühenden Landschaften" durch die kriminelle Treuhandpolitik eine Deindustrialisierung um sich gegriffen. Das viel genannte Demografie-Problem ist hier, dass eben die jungen Frauen der Arbeit nach abgewandert sind und hier keine Kinder gebären. Negative Auslese (Nur noch Alte und Dumme) verschärft das Problem, Das Letzte an Industrie (Braunkohlebasierte Kraftwerke), wollen die Grünen nun auch noch weg radieren. Die DDR hat 300 Mio. t Braunkohle gefördert und letztendlich verbrannt. Daherkommt die deutsche "Einsparung" von Treibhausgasemissionen!

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