Ausgabe 268
Editorial

Wiki – voll neutral

Von unserer Redaktion
Datum: 18.05.2016

Jetzt hat es auch Kontext erwischt. Bei Wikipedia. In einem Medium, das täglich vier Millionen Menschen hierzulande nutzen. Leser Georg W. aus Konstanz hat uns geschrieben, dass ein exklusives Rechercheergebnis von Kontext aus der Online-Enzyklopädie gelöscht wurde. Konkret eine Nebenbeschäftigung der Landtagsabgeordneten Nicole Razavi. Im Januar 2014 hatte Kontext berichtet, dass die verkehrspolitische Sprecherin der CDU im Beirat des holländischen Grontmij-Konzerns sitzt. Der Ingenieur-Dienstleister, der heute Sweco heißt, ist millionenschwerer Auftragnehmer bei Stuttgart 21. Razavi wiederum ist glühende Verfechterin des Tiefbahnhofs.

Ein klassischer Interessenkonflikt – für Wikipedia kein Thema. Eine entsprechende Ergänzung des Razavi-Porträts mit Kontext als Enthüllerin wurde von Mentor "Mussklprozz" verworfen. Mit der eigentümlichen Begründung: "Quelle ist nicht neutral."

Wikipedia lebt von freiwilligen und ehrenamtlichen Autoren. Seit Start der deutschen Ausgabe im März 2001 haben sie rund zwei Millionen Artikel beigesteuert. Darunter auch einen ausführlichen Beitrag über "Kritik an Wikipedia".

"Viele Kritiker sprechen ihr (Wikipedia – die Red.) die Zitierfähigkeit ab; sie sei für ein Lexikon zu unzuverlässig und zu wenig vertrauenswürdig", heißt es darin. Selbstkritisch werden aufgedeckte Aktivitäten vonseiten politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen geschildert: "Auch in der deutschsprachigen Wikipedia kam es zu politisch motivierten Manipulationsversuchen." Erwähnt wird auch eine Studie des Journalisten Marvin Oppong im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung vom Januar 2014, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand. Oppong identifizierte die deutsche Wikipedia als Spielwiese für verdeckte PR durch Spindoktoren und Lobbyisten.

Was prompt auf Widerspruch in der Netz-Community stieß: allein die Masse an Teilnehmern sichere die hohe Qualität, wurde mit der Schwarmintelligenz argumentiert. Nach Expertenschätzung betreuen jedoch nur wenige Hundert sehr aktive Freiwillige die deutsche Wikipedia. "Geht man optimistisch von 1000 Personen aus, die jeden Tag aktiv wären, müssten diese Freiwilligen jeweils rund 1500 Wikipedia-Artikel auf dem Schirm haben – eine für eine Einzelperson kaum zu bewältigende Aufgabe", folgert Oppong.

Zu den Hyperaktiven der deutschen Online-Enzyklopädie zählt auch Mentor "Mussklprozz", wie sich in seinem Profil zeigt. "Mussklprozz" bearbeitete auch oft Artikel über Stuttgart 21, an denen Befürworter wie Gegner heftig redigierten, wie sich an den ellenlangen Versionsgeschichten ablesen lässt. Wir haben nachgefragt, warum er Kontext für nicht zitierfähig hält. "Weil Kontext zu Stuttgart 21 nur kritische Nachrichten veröffentlicht", so die Antwort. Folgt man dieser Logik, dann sind auch "Spiegel", "Stern" oder "Guardian" unseriös.

Man mag bei diesem Bekenntnis nicht daran denken, wer sein Wissen aus Wikipedia bezieht: Schüler bewältigen ihre Hausaufgaben mit der Online-Enzyklopädie, Studenten erlangen damit den Bachelor. Auch Manager sollen Entscheidungen auf Basis der Artikel treffen. Journalisten verlassen sich bei Recherchen oft auf Wikipedia, wie in einem beachtenswerten Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung steht.

PS: Leser Georg W. hat uns wissen lassen, dass Wikipedia zwischenzeitlich die Nebentätigkeit von Nicole Razavi erwähnt. Siehe diesen Link. Allerdings ist nicht Kontext als Originalquelle genannt, sondern die Ulmer "Südwestpresse". Deren Göppinger Redaktion hatte unsere Enthüllung damals aufgegriffen. Völlig neutral, versteht sich.


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