Ausgabe 236
Editorial

Alles wird gut

Von unserer Redaktion
Datum: 07.10.2015

Die WHO hat in der vergangenen Woche einen "Weltbericht über Altwerden und Gesundheit" veröffentlicht. Menschen würden heute oft weit über 60 Jahre alt, steht drin. Gute Ernährung sei dafür verantwortlich, die moderne Technik und gute Medizin. Das macht Mut. Auch übrigens, dass zu diesen lebensverlängernden Punkten kein gutes Herz oder gute Führung zählen. Gerhard Sommer aus Hamburg ist heute sogar 94 Jahre alt, dabei war er in jungen Jahren dabei, als die Bevölkerung im italienischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema massakriert wurde. Jüngst wurde er – dank hohem Alter – für "verhandlungsunfähig" erklärt. Damit stirbt die Möglichkeit eines Klageerzwingungsverfahrens gegen die damaligen Täter endgültig. Eine Justizschande, meint Kontext-Autor Hermann G. Abmayr, der seit 2012 regelmäßig über den Fall Sant'Anna berichtet.

Sommer muss anständig umsorgt worden sein, damit er so alt wurde. Die WHO mahnt jedenfalls eine "integrierte Fürsorge" an, "die Menschen in die Lage versetzt, das höchstmögliche Maß an physischen und geistigen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten". Gutachter zweifeln im NSU-Ausschuss derweil die geistigen Fähigkeiten bei Martin Arnold, dem Kollegen der in Heilbronn erschossenen Polizistin Michelle Kiesewetter, schon in jungen Jahre an. Dessen Erinnerungsvermögen an die Tat sei gelöscht. Oder stimmt das doch nicht? Arnold scheint sich zumindest an ein Detail gut zu erinnern – an eine Verräterische Pizzaschnitte.

Nebenbei und zur physischen Gesundheit: Stefan Raab hat kürzlich in seiner Sendung "TV total" einen Witz gemacht auf Kosten der Physis: "Das ist wie beim Arzt, der mitteilt, leider ist der Patient tot, aber sein Zustand ist stabil", sagte er. Gemünzt war das auf Nils Schmid, den Chef der Landes-SPD. Der scheint kurz vor dem Landesparteitag Rot und ratlos, scheibt unsere Autorin Johanna Henkel-Waidhofer.

Was kostet das Alter? Natürlich kommt auch die Weltgesundheitsorganisation nicht um den schnöden Mammon herum. Die gute Nachricht: Pflegekosten lassen sich gegen Konsum und Steuern aufrechnen, da kommt sogar ein Plus bei raus. Deutschland ist also sicher! Und kann aufatmen (bitte nicht so sehr, denn der Tod liegt in der Luft!). Dabei sind wir sowieso in vielerlei Hinsicht sicher. Auch für Flüchtlinge, die bekommen bei uns sogar ein Bett – wenn sie Glück haben. Denn SVÄRTA ist alle. Sicher ist Deutschland auch als Herkunftsland, meint unser Kolumnist Peter Grohmann. Außer, Wenn Söder salbadert.

Neben dem erfreulich hohen Alter gab es in der vergangenen Woche noch eine zweite gute Nachricht, die das Diplomatic Council, ein "bei den Vereinten Nationen mit Beraterstatus akkreditierter globaler Think Tank", dieser Tage als Pressemeldung verschickt hat: "Die Welt ist besser geworden." In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Zahl derer halbiert, die in extremer Armut leben, die an Unterernährung leiden, und es sterben 17 000 Kinder weniger am Tag als 1990. Das ist erfreulich, ja großartig, ein immenser Fortschritt in einer Welt, die häufig wahnsinnig ungerecht ist. Unser Autor Dietrich Heißenbüttel schreibt deshalb über die Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen afrikanischen Ländern und Europa, eine Geschichte über Ungleiche Partner.

Trotz besserer Welt gebe es aber noch genug zu tun, steht in der Meldung des Diplomatic Council. Das gilt auch für Baden-Württemberg. Dort hat sich ein Beirat zum Freihandelsabkommen TTIP gegründet. Allerdings ein Beirat ohne Relevanz, schreibt Jürgen Lessat. Mit der besseren Welt ist es eben immer so eine Sache. Manchmal möchte man einfach nur in Ruhe über sie verzweifeln. In diesem Sinne empfehlen wir von Kontext im Falle des Weltschmerzes: "Sauf, du Sack!" (Säckinnen natürlich auch!)


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