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Die Radikalen

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Die Debatte über Stuttgart 21 ist endlich da angekommen, wo der neue Bahnhof liegen soll: unter der Erde. So weit wäre die Geschichte noch in Ordnung, weil das, was unter der Erde liegt, gemeinhin als begraben gelten und für tot gehalten werden darf. Dem ist natürlich nicht so. Die Diskussion über das Milliardenprojekt ist immer noch und immer wieder sehr lebendig, nur eben auf unterirdischem Niveau. Ein Kommentar.

Im Verkehrsministerium, so ist in diversen Blättern neuerdings nachzulesen, arbeitet jetzt einer dieser Parkschützer. Präzise formuliert: ein radikaler Parkschützer. Also einer aus der Truppe, die laut Deutscher Bahn AG zum besagten "radikalen Kern" der Protestbewegung gehört. Deswegen überlegen sich die Herren Eisenbahner, wie zu lesen war, allen Ernstes, in einem Zivilprozess "richtig Kies zu machen".

Sie wollen dem baden-württembergischen Verkehrsminister eine Klage anhängen, weil der als Regierungsmitglied das Projekt gefälligst zu fördern und nicht mit einer "Kampftruppe" zu torpedieren habe. Zu dieser Kampftruppe zählt die Bahn jene Parkschützer, von denen einer nun also im Verkehrsministerium sitzt und Dienst am Bürgertelefon schiebt. 

Die Zeiten werden also härter. Keine freundlichen Briefe und höflichen Wortwechsel mehr. Nix mehr mit "Hallo, Herr Hermann", wie der Bahnmanager Dr. Volker Kefer den baden-württembergischen Verkehrsminister zwecks Klärung einiger Millionensummen unlängst noch zu begrüßen pflegte. Schluss also mit den Schmeicheleinheiten.

Nicht nur ein paar Medien, sondern auch die Justiz hat diese selbst ernannten, also diese "sogenannten" Schützer allesamt längst in der kriminellen Ecke verortet, könnte man meinen. Sie sollen für knalltrauma- und kehlkopfverletzte Polizisten und für 1,5 Millionen Euro Sachschaden bei jener Baustellen-Erstürmung vom 20. Juni verantwortlich sein und bezahlen. Jeder Einzelne von diesen Radikalen, die dabei waren, und sei es nur, dass sie passiv zugeschaut und böses Tun geduldet hätten.

Unglücklicherweise muss diese Justiz der Wahrheitsfindung zuliebe jedes Wort – eigentlich auch das eigene – auf die Goldwaage legen. Dann, und erst dann, wird sich zum Beispiel erweisen, ob es um Millionen oder nur ein paar zehntausend Euro Schaden geht. Die Deutsche Bahn stünde dabei ausnahmsweise vor einer völlig neuen Herausforderung. Sie müsste Kosten plötzlich nicht klein-, sondern möglichst hochrechnen. Und sie müsste diese Hochrechnung in einem Schadenersatzverfahren zwecks Baustellenschäden auch noch offenlegen und vor allem beweisen. Diese Millionendebatte passt den Eisenbahnern zwar möglicherweise in ihr kommunikatives Konzept, sie ist und bleibt aber bis zu ihrem Beweis nichts anderes als reiner Popanz. 

Und dann noch diese Parkschützer. Diese "sogenannten" oder diese "radikalen", zu denen ja (Achtung: Goldwaage)  a l l e  zählen, weil nicht von einigen, sondern immer nur von  d e n  Mitgliedern geredet und geschrieben wird. Und jetzt sitzt einer von denen im Knast, weil er einen Polizisten verprügelt haben soll, und ein anderer auch noch in einem Ministerium. Noch dazu in einem wichtigen. 

Das hätte es früher nicht gegeben. In jenen Zeiten, als in einem sogenannten Ministerialblatt aus dem Jahr 1974 aus Seite 324 etwas von gewissen "Grundsätzen" zu lesen war. Das Papier erinnerte Beschäftigte im öffentlichen Dienst seinerzeit an ihre Treuepflichten gegenüber dem Staat, falls nicht, drohte Berufsverbot. Es trug im Volksmund den hübschen Namen "Radikalenerlass".


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3 Kommentare verfügbar

  • Dominik
    am 23.07.2011
    Antworten
    Die Deutsche Bahn AG bestätigte den Parkschützern die Beschäftigung der "Stuttgart 21"-Befürworter in der Konzernzentrale. Dazu gehört der einstige DB-Technik-AG-Aktivist Volker Kefer, der die Power Point Präsentation beim Schlichtungsverfahren zu Stuttgart 21 bediente. Die sogenannte DB Technik AG…
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