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Prophezei

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Am 30. Mai ist der Weltuntergang, so viel ist sicher. Das ist zwar noch ein Weilchen hin, und überdies bleibt eine gewisse Unsicherheit, weil die Propheten das Jahr nicht genannt haben. Über diesen Untergang und die OB-Wahlen hat Peter Grohmann was zu wettern.

Am 30. Mai ist der Weltuntergang, so viel ist sicher. Das ist zwar noch ein Weilchen hin, und überdies bleibt eine gewisse Unsicherheit, weil die Propheten das Jahr nicht genannt haben. Ich wäre der Letzte, der die Propheten kritisieren würde, egal, für welchen Gott sie sprechen. Ich bin doch nicht lebensmüde! Nun freilich kennt der eine oder andere unter uns allerdings bereits das Datum: 21. Oktober 2012, und das macht mich stutzig. Ich sofort ins Internet, diesmal Ixquick: Was ist los am 21.? "Parsifal" an der Deutschen Oper? Kann nicht sein. Krimi im D-Radio? Auch nicht! Aber hier: Gedenktag – Admiral Horatio Nelson siegt über die vereinigte französische und spanische Flotte! Einigkeit, schließe ich daraus, führt nicht immer zum Sieg, manchmal reichen auch die besseren Kanonen. Nein, nicht die von Krupp – der lieferte seine Waffen an alle, die zahlen konnten, ohne Rücksicht auf Verluste.

Was den Weltuntergang angeht, wird in letzten Tagen, die uns in Stuttgart bleiben, schweres Geschütz aufgefahren: Weltuntergang, wenn der Zweitplatzierte Erster wird. Oder der Drittplatzierte Vierter. Oder eben alles genau umgekehrt. Die Prophezei ist eine Einrichtung im Stuttgart des Jahres 2012. Hier sitzen die Wahrsager – die hohe Geistlichkeit neben den Hegelianern, der tumbe Arbeitsmann neben Schriftgelehrten. Sie sagen den Menschen in jener ihnen angeborenen einfachen Sprache, die das Volk versteht, was passiert, wenn A, A, C oder D zum Oberbürgermeister gewählt werden würden: Die Welt geht unter.

Bekannt ist, dass sich mehr als die Hälfte des Volkes, egal, in welcher Sprache wir es ansprechen, einen feuchten Dreck um diese Ansprache schert, selbst Drohungen helfen nicht. Oberbürgermeisterwahlen, Bankenkrise, Park oder Bahn gehen den Menschen am Arsch vorbei. Allenfalls wären sie sich noch einig, dass es besser ist, wenn 59 Züge die Stunde am Bahnhof aus- und einfahren können und nicht 39. Peter Grohmann.Diese große Hälfte bleibt leider zu Hause, vornehmlich bei lokalen Wahlen. Mit guten Argumenten könnten die diese und jenen zu einem Urnengang bewegt werden, der weit über die schwäbische Landeshauptstadt hinausstrahlen würde. Die Stadt nicht unterirdisch, sondern clever und beispielgebend und das größere Unglück vermeidend: jetzt haben die da (also wir) auch noch einen anderen Oberbürgermeister! Der neue OB wird dann nicht nur seinen Spaziergang durch die Stadt im Kopf haben, sondern auch Asse I und II, Neckarwestheim, Flüchtlinge aus Lampedusa, Schulen. Und die Bankenkrise in der Stadt. Wenn nicht, bleib ich singend zu Hause: "Wie schön ist doch das Leben auf dieser bunten Welt – wir können einen heben, so oft es uns gefällt. Das macht uns allen Spaß – Herr Ober, noch ein Glas! Denn am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nimmer lang, wir leben nimmer lang ..." 

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die AnStifter.


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