Ausgabe 31
Debatte

Die Romantikfalle

Von Rainer Nübel
Datum: 02.11.2011
Stuttgart-21-Gegner, vorrangig Parkschützer, sind sofort auf dem Baum, wenn gesagt wird, ihr Protest sei romantisch. Sie übersehen, dass sich ihre Galionsfigur Walter Sittler auf eine Schriftstellerin aus der Romantik beruft. Und dass die Romantik für den Protest gegen politische Missstände steht.

Der Schauspieler Walter Sittler, die Galionsfigur der Parkschützer, ist ein Romantiker! Foto: Meinrad Heck 

Halten wir uns nicht lange mit Zauberworten oder lyrischen Umschreibungen auf, bringen wir es prosaisch-nüchtern auf den Punkt: Walter Sittler ist als führender Vertreter der Stuttgarter Parkschützer wohl nicht mehr zu halten. Eine saftige Warnung oder Abmahnung durch das revolutionäre Baumkomitee wäre vielleicht gerade noch denkbar, bei sehr großem Wohlwollen. Doch das wird vermutlich nicht weit genug gehen. Denn dazu ist der Fauxpas, ach was, der Skandal zu brisant, dazu erschüttert das Vergehen des Schauspielers zu tief die Grundfesten der S-21-Protestprogrammatik. Man wagt es kaum auszusprechen, so dunkel und abgründig ist Sittlers Geheimnis: Die Galionsfigur der Parkschützer und des "Widerstands" ist ein Romantiker!

Man muss es befürchten: Der Aufschrei bei etlichen Stuttgart-21-Protestlern dürfte nun fast so schrill und durchdringend sein wie in jener TV-Schuhwerbung, in der ein Chefkommunarde, der einem von früher irgendwie bekannt vorkommt, mit ansehen muss, wie sich ein weibliches Kommunemitglied heiße rote Schuhe bestellt hat. Die ganze Wucht des ungeheuerlichen Vorgangs um Walter Sittler erschließt sich Menschen außerhalb der Stuttgarter Revolutionsszene vielleicht nicht sofort. Man muss nämlich wissen, dass zahlreiche S-21-Aktivisten bei einem ganz bestimmten Umstand in null Komma nichts in die Luft gehen und ganz weit oben bleiben: wenn dem Protest gegen das tiefer gelegte Bahnprojekt nachgesagt wird, er sei romantisch. Oder ein Akt der Sehnsucht. Was ihnen beides als genauso schlimm und ungeheuerlich erscheint.

Die Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn hat dazu einschlägige Erfahrungen gemacht und könnte darüber wohl einen Roman schreiben. Als sie kürzlich in einem Interview mit der Kontext:Wochenzeitung "sehr starke romantische Komponenten" im S-21-Protest ausgemacht hatte, "eine Sehnsucht nach heiler Welt, nach Wald und Bäumen", brandete bei Parkschützern die Empörung hoch. Der recht unmissverständliche Tenor: Nix, rein gar nix habe die Frau Schriftstellerin begriffen, es gehe bei den Protesten gegen die Arroganz der Macht, um mehr Demokratie, um den Widerstand gegen eine Cliquenwirtschaft, um Luftverschmutzung, irgendwie auch um die Bankenmacht und Finanzkrise.

Hausverbot im Schlossgarten-Camp

Aber auf gar keinen Fall habe all dies etwas mit Romantik oder Sehnsucht zu tun. Das zu behaupten sei nicht nur grottenfalsch, sondern arrogant und elitär. Manche Kommentare klangen so, als ob man Anna Katharina Hahn gerne der Revolutionsstadt verweisen würde. Hausverbot im Schlossgarten-Camp dürfte sie zumindest haben.

Und jetzt das. Hahn hat ja nur Vergleiche zur Romantik gezogen. Walter Sittler aber, ausgerechnet der Paradeprotagonist des Protests, bekennt sich sogar zu einer originär romantischen Denkweise. Mehr noch: er zieht daraus seine Programmatik für das Dagegen-Sein. Denn Sittler beruft sich nicht etwa auf Adorno, Habermas, Che Guevara oder Marx, sondern auf – man glaubt es nicht – Bettina von Arnim. Jene Schriftstellerin Bettina von Arnim, die eine der bedeutendsten Vertreterinnen der deutschen Romantik war. Originalzitat Sittler: "Bettina von Arnim hat einmal gesagt, der scheußlichste Satz, den sie kenne, laute: Es ist eben so. Er war für sie so ungeheuerlich, weil sie wusste, dass das Bestehende nicht mehr so sein kann für den, der es ändern will."

Dieses Corpus Delicti steht schwarz auf weiß in dem von Walter Sittler verfassten Vorwort des Buches "Die Taschenspieler" – in dem sich ein Beitrag kritisch mit dem Mega-Bahnprojekt befasst. Kaum zu fassen: ausgerechnet das romantische Teufelzeug dieser Bettina von Arnim gibt einen ganz entscheidenden Ansatz des Stuttgarter Protests wieder, der so viele Bürger auf die Straße gebracht hat. Nämlich das Aufbegehren gegen den "scheußlichen Satz" der Mächtigen von Bahn und Politik, das Milliarden-Vorhaben sei alternativlos. Es sei eben so, dass der Tiefbahnhof gebaut werde.

Vorrevolutionszeit von 1848 fiel in die romantische Epoche

Gegen eine solche zementierte Denkweise und Machtposition hat auch Bettina von Arnim aufbegehrt, vor rund 160 Jahren. Die Romantikerin, Schwester von Clemens Brentano und Ehefrau von Achim von Arnim, beides bekanntlich auch prominente Literaten der romantischen Epoche, setzte sich unter anderem für die politische Gleichstellung von Frauen ein. Ihre dezidierte Protesthaltung gegen soziale und politische Missstände brachte sie bei den Mächtigen sogar in den Verdacht, den Weberaufstand mit initiiert zu haben.

Seltsam, wie nahe plötzlich der Stuttgarter Bahnhofsprotest an der Romantik liegt, nicht wahr? Vielleicht sollte man auch daran erinnern, dass die Revolutionsbestrebungen im Vormärz, der Zeit vor der deutschen Revolution 1848, just in die romantische Epoche fielen. Oder dass Jakob und Wilhelm Grimm, die aus der Romantik nicht wegzudenken sind, nicht nur Märchen sammelten, sondern zu den Unterzeichnern der Protestschrift der "Göttinger sieben" zählten – es ging darum, einem König, einem Mächtigen, der Verfassungsbruch begangen hatte, die Stirn zu bieten. Wie modern.

Es gibt einen Satz, der die Denkposition und Programmatik der Romantik-Epoche besonders treffend beschreibt: "Unterm Pflaster liegt der Strand." Er drückt die Sehnsucht und Suche nach dem anderen, Gefühlshaften, Freien aus – jenseits eines Hyperrationalismus und reinen Nützlichkeitsdenkens. Und der Wunsch oder Wille nach Veränderung. Wie's der Teufel will: dieser Satz war ein maßgeblicher Slogan der Apo-Zeit. Und die hatte, wie auch heutige Bahnhofsgegner wohl zugeben dürften, mindestens so viel Protestpotenzial wie die sogenannte Stuttgarter Republik.

Die blaue Blume an den K-21-Button!

Heute gilt hingegen nur das harmlose Gefühlchen weithin als "romantisch", die Emotion für zwischendurch, wenn im Fernsehen mal wieder "Notting Hill" oder ein anderer "Romantikfilm" läuft. Gleichzeitig steht jede Form scheinbarer oder realer Romantik unter Kardinalverdacht. Sie gilt als nutzlos, unangebracht, aufklärungsfeindlich, rückständig und im schlimmsten Fall als gefährlich. Vorsicht, Aufbruchgefahr! Es sind vorrangig konservative Protagonisten der Politik und auch der Wirtschaft, die diese Romantikfalle besonders gerne aufstellen. Weil sie Angst haben, dass die Sehnsucht nach Veränderung zum politischen Handeln führt – gegen ihre mächtige Arroganz und Ignoranz. Man erinnere sich etwa, wie ein Stefan Mappus in seiner kurzen Glanzzeit als Betonkopf der schwarz-gelben Landesregierung geradezu konsterniert war ob der "Emotionalität" des S-21-Protestes.

Bei Lichte betrachtet, das sich zart über Schlossgarten-Bäume legt, wird es plötzlich klar: Walter Sittler ist ein absoluter Romantiker. Schlimm für die S-21-Gegner, die beim Stichwort Romantik sofort auf dem Bahnhofsturm sind. Viel schlimmer ist aber, dass sie so mit traumwandlerischer Sicherheit in die Romantikfalle tappen – die Falle, die ihnen konservative Machtpolitiker aufstellen. Ein ungeheuerlicher Gedanke: Parkschützer paktieren gedanklich mit Mappus!

Da hilft wohl nur noch eins: intensiv Bettina von Arnim lesen – und die blaue Blume, das Symbol romantischer Sehnsucht, an den K-21-Button heften.


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4 Kommentare verfügbar

  • CultureVulture
    am 16.11.2011
    Lieber Rainer Nübel, vielen Dank für den Artikel! Ich werde mir meine blaue Blume an den Button basteln und meine blauen Träume weiter ins Leben reinträumen.
  • UBraun
    am 04.11.2011
    So, nun also nach dem ersten Akt, dem Hahn-Interview, und dem zweiten Akt, dem Stiefel-Kommentar, noch als Nachschlag der dritte Akt der romantischen KONTEXT-Oper mit der Protestbewegung gegen Stuttgart 21 als unfreiwilliger Statistin ...

    Herr Nübel unternimmt hier den Versuch, die Begriffe oder Etikette Romantik und romantisch und deren auch heutige Verwendung (siehe Sittler) im historischen Zusammenhang und im Kontext als Epoche zu beleuchten. Das ist in Ordnung, aufschlussreich und löblich; sehr schön, danke – so sollte es sein. Denn es wird nachvollziehbar, wie und weshalb Walter Sittler sich gerne auf Bettine von Arnim und ihren Kampf gegen den Satz „Es ist eben so“ beruft.

    Nur: Weshalb hat Herr Nübel nicht bereits im ersten Akt der Inszenierung Frau Hahn mit diesen Wurzeln des Romantischen konfrontiert? Nö, Frau Hahn darf unhinterfragt zum Besten geben: „Viele wünschen sich so sehr, dass alles bleibt, wie es ist.“ Peng. Doch damit nicht genug:
    „Ich entdecke in den Protesten gegen den Bahnhof sehr starke romantische Komponenten. Eine Sehnsucht nach heiler Welt, nach Wald und Bäumen.“ Peng. Nun, selbstverständlich gibt es heile Welt, Wald und Bäume als Motiv unter den Protestierenden, bloß gibt es, weil, wie banal, „der“ S21-Protestler ja gar nicht existiert, eben hundert andere Motive auch noch. Darunter durchaus diejenigen, die Herr Nübel nun hier im „Nachschlag“ feststellt, mit denen Frau Hahn aber wieder nicht konfrontiert wurde:
    „Ihre [Bettine von Arnims} dezidierte Protesthaltung gegen soziale und politische Missstände brachte sie bei den Mächtigen sogar in den Verdacht, den Weberaufstand mit initiiert zu haben. Seltsam, wie nahe plötzlich der Stuttgarter Bahnhofsprotest an der Romantik liegt, nicht wahr?“ – Nö. Das einzig Seltsame ist, dass Sie Frau Hahn gegenüber nicht beherzigt haben, was ein Schriftsteller in einem KONTEXT-Artikel mal so formulierte: „Nun, die Aufgabe der Journalisten besteht ja auch gar nicht darin, richtige Antworten zu geben, sondern vielmehr richtige Fragen zu stellen.“ Aber weshalb haben Sie das nicht getan? Und, folgerichtig, Frau Hahn und nicht der Protestbewegung empfohlen, von Arnim zu lesen?
    Weil dann der erste Akt der Inszenierung womöglich nicht den erwünschten Effekt gebracht hätte, „Tagesgespräch bei den Parkschützern“ (Zitat Stiefel, Akt II) zu werden? (Bei Lichte betrachtet handelte es sich bei diesem „Tagesgespräch“ übrigens um ein Statement mit 40 Kommentaren, was ordentlich, aber beileibe kein Ausnahmefall in diesem Forum ist und am Tage dutzendmal vorkommt ...)
    Weil sich dann hätte herausstellen können, dass Frau Hahn bei genauerer Betrachtung eigentlich „durchaus kritisch und nachdenklich“ nur an den gängigen Klischees sowohl über die Romantik als auch über die Protestbewegung Gefallen findet („Diese romantischen Wurzeln interessieren mich mehr als die konkrete Forderung nach mehr direkter Demokratie.“)? Anders formuliert: Dass Frau Hahn mit ihrer rosaroten Brille sehr viel näher an Rosamunde Pilcher dran ist, als die Protestbewegung einschließlich Herrn Sittler von Bettine von Arnim und der blauen Blume entfernt?
    Und: Liegt das vielleicht daran, dass Sie sich im Grunde ebenso wenig wie Frau Hahn dafür interessieren, was diese Bewegung bewegt?

    Wer mit dem Interview was die Protestbewegung betrifft in die Romantikfalle getappt ist, steht für mich außer Frage: Hahn, Stiefel und Nübel. Daran ändert auch dieser dritte Akt nichts mehr. Im Gegenteil.

    Bleibt nur zu hoffen, dass Sie nicht Geschmack an weiteren Auflagen solcher wohlfeilen Inszenierungen gewonnen haben wie etwa:

    Akt I: Man nehme jemanden, der „die“ Protestbewegung als „konservativ“ empfindet, weil sie sich schließlich gegen Neues sträube. Man hake aber ja nicht nach, wenn über dieses Motiv Begriff und Protest in Richtung „engstirnig“ und „reaktionär“ gewendet werden.
    Akt II – „So soll es sein!“: Man beobachte und sammle die Reaktionen und erfreue sich an den empörten Äußerungen derer, die sich nun mal durchaus nicht als reaktionär empfinden mögen.
    Akt III: Man schiebe einen erläuternden Essay hinterher und belehre die Empörten, ob sie denn nicht wüssten, dass „konservativ“ eigentlich was sehr Schönes, nämlich „bewahren“, heißt und im Sinne von „wertkonservativ“ nichts Schlechtes sei, im Gegenteil, und empfehle abschließend noch ein gutes Buch zum Thema.

    Hören Sie auf Steinfest, und stellen Sie (auch sich!) wieder die richtigen Fragen! Sonst wird das nix mit dem „Journalismuswechsel“, den wir uns eigentlich so romantisch erhofft haben … ;-)
  • DerWolf
    am 02.11.2011
    Danke Herr Nübel für Ihren, wie immer, erhellenden Artikel. Als selbst eingetragener Parkschützer kann ich nur bestätigen, dass einigen meiner Mitstreiter oftmals die nötige Selbstreflexion fehlt und sie dadurch immer wieder in die Romantik- oder auch andere von Wirtschaft und Politik aufgsetellte Fallen tappen (werden). Allerdings sollte man auch nicht alle schnell hingeschriebenen Kommentare auf der Parschützer-Seite allzu ernst nehmen. Da werden meist nur einzelne Zitate aus längeren Berichten oder Interviews zur Diskussion ins Forum gestellt und viele machen sich nicht die Mühe das ganze Stück, das meistens schon verlinkt wird, zu lesen, um die Versatzstücke im Kontext zu sehen. Da wird halt gleich drauflosgeschrieben. Aber ich denke, das ist das Problem sehr vieler Foren und betrifft nicht nur die Parkschützerseite.

    Ich für mich möchte mich beim ganzen Kontext-Team für Eure kritische Berichterstattung bedanken, und dazu gehören für mich auch solche Interviews wie mit Frau Hahn (welches ich ebenfalls sehr interessiert gelesen habe). Aber leider machen sich einige meiner Mitstreiter nicht mal die Mühe, zwischen Interview und anderen Texten zu unterscheiden, da wird dann schnell Kontext als ganzes verteufelt. Aber als schon lange "Dabeiseier" muss ich auch sagen, dass dies nach ein paar Stunden nach der ersten Erregung oft wieder ganz anders aussieht. Deshalb liebes Kontext-Team: hängt die Sache auch nicht höher, als sie tatsächlich ist.

    Und Ihr könnt sicher sein, dass es neben Walter Sittler und mir noch viele, viele,viele weitere Romantiker unter den Kopfbahnhofbefürwortern gibt.
  • peterwmeisel
    am 02.11.2011
    Adel verpflichtet. Das gilt insbesondere für die Familie von Arnim. Dort scheint das Verständnis für Demokratie seit dem Hambacher Fest 1832 und Paulskirche 1842 im Blut zu liegen. Bei unseren heutigen Zuständen ist Romantik von Nöten, um vom "Demokratischen Fest" auf dem Stuttgarter Wasen 2011 zu singen. Neueste Pläne des hiesigen Absolutismus wollen dort ein "Freiheitslager", ein Container-Dorf, für S-21-Demonstranten errichten. Freie Meinungsäußerung in geschlossenen Behältern und die Einschränkung der Grundrechte (Artikel 17,a GG) inklusive deren Verwirkung (Artikel 18 GG) ohne Bundesverfassungsgericht präemtiv (eine Wortschöpfung von G.W.Bush) einführen. Das verdanken wir dem Jahrhundert-Immobilien-Spekulatiosprojekt auf Steuerkosten S21.
    Gerade die Romantik ist für das positive Denken seit der Erklärung der Menschenrechte von 1789 verantwortlich.
    Es waren damals die unhaltbaren Zustände und sind es heute wieder. Gott sei Dank haben wir noch einen kritischen von Arnim, Hans Herbert. Er hat die Demokratie im Europa ohne Volk, 2006, in einem Buch sehr deutlich kritisiert, ein politisches System, das allen demokratischen Maßstäben spottet. Europa hat Besseres verdient! Die Romantiker waren halt informierte Realisten mit der Maxime "Es gibt nichts Gutes, es sei denn Mann/Frau tut es".
    Deshalb geht das Volk aus, auf die Straße, denn alle Macht geht vom Volk aus!

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