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Die Romantikfalle

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Stuttgart-21-Gegner, vorrangig Parkschützer, sind sofort auf dem Baum, wenn gesagt wird, ihr Protest sei romantisch. Sie übersehen, dass sich ihre Galionsfigur Walter Sittler auf eine Schriftstellerin aus der Romantik beruft. Und dass die Romantik für den Protest gegen politische Missstände steht.

Der Schauspieler Walter Sittler, die Galionsfigur der Parkschützer, ist ein Romantiker! Foto: Meinrad Heck 

Halten wir uns nicht lange mit Zauberworten oder lyrischen Umschreibungen auf, bringen wir es prosaisch-nüchtern auf den Punkt: Walter Sittler ist als führender Vertreter der Stuttgarter Parkschützer wohl nicht mehr zu halten. Eine saftige Warnung oder Abmahnung durch das revolutionäre Baumkomitee wäre vielleicht gerade noch denkbar, bei sehr großem Wohlwollen. Doch das wird vermutlich nicht weit genug gehen. Denn dazu ist der Fauxpas, ach was, der Skandal zu brisant, dazu erschüttert das Vergehen des Schauspielers zu tief die Grundfesten der S-21-Protestprogrammatik. Man wagt es kaum auszusprechen, so dunkel und abgründig ist Sittlers Geheimnis: Die Galionsfigur der Parkschützer und des "Widerstands" ist ein Romantiker!

Man muss es befürchten: Der Aufschrei bei etlichen Stuttgart-21-Protestlern dürfte nun fast so schrill und durchdringend sein wie in jener TV-Schuhwerbung, in der ein Chefkommunarde, der einem von früher irgendwie bekannt vorkommt, mit ansehen muss, wie sich ein weibliches Kommunemitglied heiße rote Schuhe bestellt hat. Die ganze Wucht des ungeheuerlichen Vorgangs um Walter Sittler erschließt sich Menschen außerhalb der Stuttgarter Revolutionsszene vielleicht nicht sofort. Man muss nämlich wissen, dass zahlreiche S-21-Aktivisten bei einem ganz bestimmten Umstand in null Komma nichts in die Luft gehen und ganz weit oben bleiben: wenn dem Protest gegen das tiefer gelegte Bahnprojekt nachgesagt wird, er sei romantisch. Oder ein Akt der Sehnsucht. Was ihnen beides als genauso schlimm und ungeheuerlich erscheint.

Die Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn hat dazu einschlägige Erfahrungen gemacht und könnte darüber wohl einen Roman schreiben. Als sie kürzlich in einem Interview mit der Kontext:Wochenzeitung "sehr starke romantische Komponenten" im S-21-Protest ausgemacht hatte, "eine Sehnsucht nach heiler Welt, nach Wald und Bäumen", brandete bei Parkschützern die Empörung hoch. Der recht unmissverständliche Tenor: Nix, rein gar nix habe die Frau Schriftstellerin begriffen, es gehe bei den Protesten gegen die Arroganz der Macht, um mehr Demokratie, um den Widerstand gegen eine Cliquenwirtschaft, um Luftverschmutzung, irgendwie auch um die Bankenmacht und Finanzkrise.

Hausverbot im Schlossgarten-Camp

Aber auf gar keinen Fall habe all dies etwas mit Romantik oder Sehnsucht zu tun. Das zu behaupten sei nicht nur grottenfalsch, sondern arrogant und elitär. Manche Kommentare klangen so, als ob man Anna Katharina Hahn gerne der Revolutionsstadt verweisen würde. Hausverbot im Schlossgarten-Camp dürfte sie zumindest haben.

Und jetzt das. Hahn hat ja nur Vergleiche zur Romantik gezogen. Walter Sittler aber, ausgerechnet der Paradeprotagonist des Protests, bekennt sich sogar zu einer originär romantischen Denkweise. Mehr noch: er zieht daraus seine Programmatik für das Dagegen-Sein. Denn Sittler beruft sich nicht etwa auf Adorno, Habermas, Che Guevara oder Marx, sondern auf – man glaubt es nicht – Bettina von Arnim. Jene Schriftstellerin Bettina von Arnim, die eine der bedeutendsten Vertreterinnen der deutschen Romantik war. Originalzitat Sittler: "Bettina von Arnim hat einmal gesagt, der scheußlichste Satz, den sie kenne, laute: Es ist eben so. Er war für sie so ungeheuerlich, weil sie wusste, dass das Bestehende nicht mehr so sein kann für den, der es ändern will."

Dieses Corpus Delicti steht schwarz auf weiß in dem von Walter Sittler verfassten Vorwort des Buches "Die Taschenspieler" – in dem sich ein Beitrag kritisch mit dem Mega-Bahnprojekt befasst. Kaum zu fassen: ausgerechnet das romantische Teufelzeug dieser Bettina von Arnim gibt einen ganz entscheidenden Ansatz des Stuttgarter Protests wieder, der so viele Bürger auf die Straße gebracht hat. Nämlich das Aufbegehren gegen den "scheußlichen Satz" der Mächtigen von Bahn und Politik, das Milliarden-Vorhaben sei alternativlos. Es sei eben so, dass der Tiefbahnhof gebaut werde.

Vorrevolutionszeit von 1848 fiel in die romantische Epoche

Gegen eine solche zementierte Denkweise und Machtposition hat auch Bettina von Arnim aufbegehrt, vor rund 160 Jahren. Die Romantikerin, Schwester von Clemens Brentano und Ehefrau von Achim von Arnim, beides bekanntlich auch prominente Literaten der romantischen Epoche, setzte sich unter anderem für die politische Gleichstellung von Frauen ein. Ihre dezidierte Protesthaltung gegen soziale und politische Missstände brachte sie bei den Mächtigen sogar in den Verdacht, den Weberaufstand mit initiiert zu haben.

Seltsam, wie nahe plötzlich der Stuttgarter Bahnhofsprotest an der Romantik liegt, nicht wahr? Vielleicht sollte man auch daran erinnern, dass die Revolutionsbestrebungen im Vormärz, der Zeit vor der deutschen Revolution 1848, just in die romantische Epoche fielen. Oder dass Jakob und Wilhelm Grimm, die aus der Romantik nicht wegzudenken sind, nicht nur Märchen sammelten, sondern zu den Unterzeichnern der Protestschrift der "Göttinger sieben" zählten – es ging darum, einem König, einem Mächtigen, der Verfassungsbruch begangen hatte, die Stirn zu bieten. Wie modern.

Es gibt einen Satz, der die Denkposition und Programmatik der Romantik-Epoche besonders treffend beschreibt: "Unterm Pflaster liegt der Strand." Er drückt die Sehnsucht und Suche nach dem anderen, Gefühlshaften, Freien aus – jenseits eines Hyperrationalismus und reinen Nützlichkeitsdenkens. Und der Wunsch oder Wille nach Veränderung. Wie's der Teufel will: dieser Satz war ein maßgeblicher Slogan der Apo-Zeit. Und die hatte, wie auch heutige Bahnhofsgegner wohl zugeben dürften, mindestens so viel Protestpotenzial wie die sogenannte Stuttgarter Republik.

Die blaue Blume an den K-21-Button!

Heute gilt hingegen nur das harmlose Gefühlchen weithin als "romantisch", die Emotion für zwischendurch, wenn im Fernsehen mal wieder "Notting Hill" oder ein anderer "Romantikfilm" läuft. Gleichzeitig steht jede Form scheinbarer oder realer Romantik unter Kardinalverdacht. Sie gilt als nutzlos, unangebracht, aufklärungsfeindlich, rückständig und im schlimmsten Fall als gefährlich. Vorsicht, Aufbruchgefahr! Es sind vorrangig konservative Protagonisten der Politik und auch der Wirtschaft, die diese Romantikfalle besonders gerne aufstellen. Weil sie Angst haben, dass die Sehnsucht nach Veränderung zum politischen Handeln führt – gegen ihre mächtige Arroganz und Ignoranz. Man erinnere sich etwa, wie ein Stefan Mappus in seiner kurzen Glanzzeit als Betonkopf der schwarz-gelben Landesregierung geradezu konsterniert war ob der "Emotionalität" des S-21-Protestes.

Bei Lichte betrachtet, das sich zart über Schlossgarten-Bäume legt, wird es plötzlich klar: Walter Sittler ist ein absoluter Romantiker. Schlimm für die S-21-Gegner, die beim Stichwort Romantik sofort auf dem Bahnhofsturm sind. Viel schlimmer ist aber, dass sie so mit traumwandlerischer Sicherheit in die Romantikfalle tappen – die Falle, die ihnen konservative Machtpolitiker aufstellen. Ein ungeheuerlicher Gedanke: Parkschützer paktieren gedanklich mit Mappus!

Da hilft wohl nur noch eins: intensiv Bettina von Arnim lesen – und die blaue Blume, das Symbol romantischer Sehnsucht, an den K-21-Button heften.


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4 Kommentare verfügbar

  • CultureVulture
    am 16.11.2011
    Antworten
    Lieber Rainer Nübel, vielen Dank für den Artikel! Ich werde mir meine blaue Blume an den Button basteln und meine blauen Träume weiter ins Leben reinträumen.
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