KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 115
Debatte

"Methode Merkel"

Von Georg Linsenmann
Datum: 12.06.2013
Stuttgart 21 wird scheitern. Da ist sich Volker Lösch ganz sicher. Aus vielen Gründen. Der Regisseur und profilierte S 21-Gegner sieht ganz neue Schubkraft für den Protest, wenn das „Prinzip Stuttgart 21“ als „Methode Merkel“ erkannt und auf die Bundesebene gehievt wird. Auf die Grünen setzt er dabei allerdings nicht mehr. Ein Interview aus Anlass der Großkundgebung am 15. Juni.

Herr Lösch, Sie sind nach Stuttgart gekommen, um hier Staats-Theater zu machen. Dann sind Sie auf einer noch größeren Bühne gelandet: als einer der mitreißendsten Redner der Anti-S21-Aktivisten. Wie sind Sie da nur reingeraten?

Es ist ja auch Theater, großes Merkel-Theater. Wenn ich einen Darsteller-Preis vergeben müsste, würde ich ihn Merkel geben. Merkel ist die größte Laienspielerin, die wir in Deutschland haben. Ich kenne niemanden, der so unverfroren eine Rolle spielt, die so wenig mit dem zu tun hat, was sie vorgibt zu verkörpern. Es ist eine brutale Lüge, mit Mechanismen des Theaters in Szene gesetzt: Sie spielt die verantwortungsvolle Landes-Mutti, verkleidet das Ganze rhetorisch geschickt in für alle akzeptable Floskeln, und macht in Wirklichkeit eine knallharte neoliberale Politik, die nur den Interessen des Kapitals, der Wirtschaft, der großen Immobilenkonzerne verpflichtet ist. Die verheerenden Auswirkungen dieser Politik, die spüren die Leute im Alltag, machen sie aber nicht an Merkel fest.

Aber da müssten Sie doch Montags-Demos in Berlin machen, hier in Stuttgart geht es um S 21!

Volker Lösch. Foto: Martin Storz
Volker Lösch. Foto: Martin Storz

Der Bahnhof ist der lokale Anlass. Es geht aber um etwas Grundsätzliches, es geht um das "Prinzip Stuttgart 21". Letztlich dreht sich alles um die Zukunftsgestaltung, um die Frage, wie wir leben wollen. In Stuttgart entzündet sich der Streit am Bahnhof, im Rheintal an der Rheintalstrecke, in Berlin am Flughafen, in Hamburg am Gänge-Viertel. Das Ganze erinnert an eine eitrige Wunde, die wächst und größer wird, und an immer mehr Stellen nässt und aufplatzt. So wird ein Prinzip offenbar. Insofern bezeichne ich Stuttgart 21 als die "Methode Merkel". Das geht vom Großen ins Kleine und vom Kleinen wieder ins Große. Und da es ja um Theater, um Spiel, um Täuschungsmanöver, um Rollen geht, bin ich sehr organisch zum Protest gegen S 21 gekommen. Bei meiner "Faust 2"- Inszenierung habe ich 2006 erstmals dieses Unsinnsprojekt auf der Bühne thematisiert: S 21 als Beispiel für das große Landgewinnungsprojekt von Faust. Und ich habe häufig Bürgerinnen und Bürger in meine Theaterarbeit integriert. Hier ist es nun umgekehrt: Das Theater-know-how stellt sich dem Protest zur Verfügung. 

Aber erklärt das die Leidenschaft, den Furor, mit dem Sie sich gegen S 21 wenden?

Mein ureigenster Antrieb, künstlerisch und politisch tätig zu sein, ist häufig die Wut auf etwas, Empörung über etwas. Diese verlogene Politik hier in Stuttgart empört mich zutiefst. Und ich möchte dem dann auf den Grund gehen, mehr darüber erfahren. Das geht nur, indem man sich einmischt. 

Das Bündnis gegen S 21 hat das Nahziel, den Tiefbahnhof zu verhindern. Ist S 21 für Sie ein Vehikel, "das große Ganze" zu attackieren?

Mir geht es um beides. Das Nahziel bleibt, diesen Irrsinn der Stadtzerstörung zu verhindern. Schauen Sie sich doch einmal an, wie Stuttgart jetzt schon aussieht, wie die Stadt verschandelt wird. Jeder weiß inzwischen, auch die Befürworter übrigens, das S 21 weniger leisten wird als der jetzige Bahnhof, dass es lediglich einige Baukonzerne reicher macht und Spekulanten erlaubt, teure Wohnung zu errichten, dass es die Mietpreise weiter hochtreibt, dass es die Umwelt unkalkulierbaren Risiken aussetzt. Und dafür soll die Stadt 15, 20 Jahre lang wie eine Wüste umgegraben, dafür sollen Milliarden von Steuergeldern ausgegeben werden? Man kann S 21 gar nicht mehr ohne die Verknüpfung mit dem Ganzen sehen, das ist schlicht unmöglich. Es verweist exemplarisch auf das Politikverständnis der meisten unserer sogenannten Volksvertreter. 

Sie fechten und wettern also gegen das "Prinzip Merkel" und wollen so der S 21-Gegnerschaft zusätzliches Gewicht verschaffen? 

Man kann die Kraft, die Lust, gegen das Lokale zu opponieren, deutlich steigern, wenn man in größeren Zusammenhängen denkt. Es macht einfach mehr Sinn, sich auch für die Belange der nächsten Generationen zu engagieren. S 21 zu verhindern bleibt aber unser Hauptziel. 

Aber glauben Sie denn im Ernst, dass S 21 noch zu kippen ist?

Selbstverständlich! Es wird hier an ganz vielen Fronten gekämpft: Juristisch, auf der Straße, in der Politik, mit zivilem Ungehorsam, und und und. Dazu kommt: Nach der Bundestagswahl wird eine neue Situation entstehen. Jetzt halten alle still, Merkel will die Wahl gewinnen. Aber was passiert danach? Die Kosten werden ja nicht bei der Steigerung bleiben, die vom DB-Aufsichtsrat im Dezember 2012 infamerweise abgenickt wurde. Es wird neue Probleme geben, schon bei der schieren Durchführbarkeit des Baus. Es wird bei den Bohrungen Probleme geben, beim Brandschutz ist vieles nach wie vor ungeklärt.

Die technische Hybris des Projektes wird offenbar? 

Ganz bestimmt. Es wird irgendwo eine Tür aufgestoßen werden, die das Ende für S 21 bringen wird. Dieses mit Lug und Trug eingefädelte Projekt ist an keiner Ecke mehr legitimierbar, kann kein einziges Argument mehr auf sich vereinen. Außer dem zynischen, die Bauwirtschaft weiter anzukurbeln. So ein Projekt kann nicht zu Ende geführt werden. Es wird keinen Tiefbahnhof geben. Wir müssen mit unserem Protest nur dranbleiben - und den Horizont und die Stoßrichtung auf das Ganze weiten. 

Ist das nicht pure Wunschvorstellung eines größenwahnsinnig gewordenen Theaterregisseurs? Die Argumente gegen S 21 liegen doch längst bergeweise auf dem Tisch! Auch die vorsätzliche Täuschung von Gremien, selbst von Parlamenten, die Desinformation und Manipulation der Öffentlichkeit im Vorfeld der Volksabstimmung. Trotzdem wird gebaut. Die ziehen das durch. Der Grube lacht sich doch schief, wenn er hört, was Sie sagen!

Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten...Schau'n wir mal, Herr Grube! Denn: Richtig gebaut wird doch noch gar nicht, vieles ist noch nicht einmal planfestgestellt! Was Grube und Merkel latent unterschätzen, ist der konstante Widerstand in der Bevölkerung. Sie unterschätzen ebenfalls, dass die Praxis ihrer Politik zunehmend mit den lokalen Ereignissen verknüpft wird. Und das kann ihnen auf die Füße fallen. Die Bürgerproteste werden weitergehen. Wie nervös die Gegenseite inzwischen ist, sieht man zum Beispiel an der Überreaktion auf "Blockupy" in Frankfurt, an dem Versuch, uns zu kriminalisieren. Ich behaupte, dass der Widerstand auf der Straße erst anfängt. Millionen von Menschen in Deutschland werden von der derzeitigen neoliberalen Politik in ihrem Leben unmittelbar betroffen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das einer größeren Anzahl von Menschen bewusst wird. Und es wird sich hier in Stuttgart zeigen, ob der Regisseur größenwahnsinnig war, oder ob diejenigen, die dieses größenwahnsinnige Projekt betreiben, nicht zu weit gegangen sind.

Aber das gemeine Volk im Hinterland, das mehrheitlich deutlich dafür war, zeigt doch eher die Mentalität, dass mit einem Abbruch von S 21 nur noch sinnloser Geld rausgeschmissen wird! 

Da unterschätzen Sie das sogenannte gemeine Volk! Das gemeine Volk hätte bei der Volksabstimmung 2011 nicht so abgestimmt, wenn die tatsächlichen Kosten nicht unterdrückt worden wären. Dass da mit Lügen, mit falschen "Tatsachen" manipuliert und betrogen wurde, das ist bewiesen - und von der Gegenseite inzwischen zugegeben. Das hat sich auch bis in die Provinz rumgesprochen. Schon 2009 war intern bekannt, dass der Kostendeckel nicht hält. Das ist ein gigantischer Betrug am Steuerzahler. Warum geht dafür eigentlich niemand in den Knast?

Wen klagen Sie an?

Da weiß man doch gar nicht, wo man anfangen soll! Der Ministerpräsident, der, bevor wir ihn mit unseren Stimmen ins Amt gehievt haben, mit uns häufig auf der Protest-Bühne stand, müsste sich zum Beispiel dafür engagieren, dass die Volksabstimmung wiederholt wird! Denn die "schwäbische Hausfrau", die Merkel so gerne bemüht, weiß ganz genau, was viereinhalb, was sechs oder acht, was zehn Milliarden sind. Auch in der Provinz lassen sich Leute ungern verarschen. Und sie wurden vorsätzlich betrogen. Eine Volksabstimmung zum jetzigen Zeitpunkt würde ein klares "Nein" gegen S 21 ergeben. 

Sie werfen den jetzt regierenden Grünen verdeckte Komplizenschaft mit den S 21-Befürwortern vor? 

In der Tat. Aber auch das ist beweisbar: Wenn man unter anderem durch unseren Widerstand an die Macht kommt, und dann plötzlich eine Politik betreibt, die radikal unkritisch mit dem Thema S 21 umgeht, offiziell aber von "kritischem Begleiten" faselt, dann muss ich mich doch fragen: Warum gehe ich überhaupt noch zur Wahl? Wähle ich euch dafür, dass ihr lediglich eure Macht absichert, dass ihr an euren Themen aber nicht mehr dran bleibt? Das ist doch absurd! Warum geht ihr nicht, wie vor der Wahl versprochen, mit allen verfügbaren Mitteln gegen diesen Betrug vor? Und hier findet Betrug in gigantischem Ausmaß statt! Also muss Herr Kretschmann agieren, er hat einen Eid geschworen: Schaden vom Land abzuwenden. Aber er schöpft seine Möglichkeiten nicht aus. Im Gegenteil: Mit dem leeren Versprechen von mehr "Bürgerbeteiligung" vergrößert er die Partei der Nichtwähler, die der Politikverdrossenen. 

Jetzt sitzen sie an den Trögen und kuscheln mit dem ökonomischen Establishment?

Ich habe nichts anderes erwartet. Wir befinden uns in einer elementaren Krise der parlamentarischen Demokratie. Die Wählerinnen und Wähler haben den Kontakt zu ihren Vertretern verloren. Sie fühlen, sie werden nicht mehr vertreten. Wir müssen viel mehr direktdemokratische Prozesse ermöglichen, unmittelbare Abstimmungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger schaffen, um ein solches Durchregieren, diese Art von verächtlicher Politik zu verhindern. Auch in den Parlamenten muss es möglich sein, Mehrheiten außerhalb fest abgesteckter Parteigrenzen zu erzielen. Fraktionszwänge bei Abstimmungen haben nichts mit Demokratie, umso mehr mit Machterhalt zu tun. 

Was macht Kretschmann nicht, was er machen müsste? 

Kretschmann müsste den ganzen Betrugsvorwürfen juristisch nachgehen. Er müsste die erdrückende Beweislast der Experten ernstnehmen - was er übrigens vor seiner Wahl getan hat. Er müsste der Öffentlichkeit klarmachen, dass sie mit einer manipulierten Volksabstimmung betrogen wurde. Aber es ist zum Verzweifeln: Er behauptet allen Ernstes immer noch: "Die Volksabstimmung ist bindend". Das Schlimme daran ist: Er macht es bewusst, der ist ja nicht doof. Er betreibt Parteipolitik im Amte des Ministerpräsidenten: Das ist Amtsmissbrauch. Aber es ist auch ein wenig billig, nur Herrn Kretschmann zu kritisieren. Ohne seinen Unterbau, ohne seine Partei, die das offensichtlich alles mitträgt und toleriert, würde diese Art der Nicht-Politik gar nicht stattfinden. 

Könnte sich etwas wenden, weil Cem Özdemir, Bundesboss der Grünen, im Herbst hier in Stuttgart das Direktmandat für den Bundestag gewinnen will und das ohne die Stimmen der S 21-Gegener sicher nicht schafft?

Wie soll das gehen? Ich verknüpfe damit keinerlei Hoffnung. Die Grünen sind unglaubwürdig geworden.

Foto: Martin Storz
Foto: Martin Storz

Sie setzen nurmehr auf die politische Kraft, die direkt aus der Gesellschaft kommt, auf die "Macht der Straße". Auch auf eine Radikalisierung der Enttäuschten?

Vielleicht. Es haben hier viele CDU-Leute vor zwei Jahren Grün gewählt, einige werden das nächste Mal links wählen. Denn viele spüren: Diese jetzige Politik verändert unser Leben zum Negativen. Das Schaffen von Rahmenbedingungen für Profitmaximierung ist die Hauptaufgabe von vielen Politikern geworden, sie sind nur noch Steigbügelhalter für Wirtschaftsvertreter, und daran ändern auch die Grünen nichts. Währenddessen verschwindet das Kleine, die Nischen, das Abseitige, das Alternative, das Lebenswerte aus unseren Städten. Mit wenig Geld kann man in den urbanen Zentren kaum noch leben. Die Mieter werden aus den Städten quasi herausgebaut. Das sind fatale Entwicklungen, die alle mit dem "Prinzip S 21", mit der "Methode Merkel" zu tun haben. Dagegen kann sich nur eine außerparlamentarische Bewegung zur Wehr setzen, denn die meisten Parteien sind unentwirrbar verstrickt in Beziehungsgeflechte mit der Baulobby, den Wirtschaftsbossen, den Bankenvertretern: Wie sollen ausgerechnet sie ein System, welches für zu viele nicht mehr funktioniert, in Frage stellen, oder wenigstens gerechter gestalten? Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft hat sich dramatisch zu Ungunsten des Gemeinwohls und des Sozialen verändert. Das gilt es wieder gerade zu biegen.

Das ist S 21-Protest als Ableger und Teil einer fundamentalen Kapitalismus-Kritik. Und in den Baumkronen der alten deutschen Eiche sitzen "die Mächtigen" und amüsieren sich, wie sich unten die "Wildsau" schabt... 

Achtung! 2010 wurden sie sogar in Stuttgart nervös! Als der Druck auf der Straße so groß wurde, dass man nicht mehr an unseren Themen vorbeikam. Die Frage ist, ob wir es schaffen, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und einen Widerstand zu etablieren, der das Lokale als Basis hat und sich darüber hinaus auch gegen das Überregionale wendet - sich gegen eine die Bürger verachtende Politik empört. S 21 ist Umverteilungspolitik in Reinkultur! Die Unzufriedenheit wird steigen, denn durch diese Art von Politik wird es nicht weniger, sondern mehr Armut geben, während der Reichtum bei einigen wenigen auf obszöne Art und Weise wächst. Und es wird immer greifbarer: Wer eine bezahlbare Wohnung, einen Kita-Platz sucht, spürt die Veränderungen. Wer prekär beschäftigt ist, mit Zeit- und Werkverträgen ausgestattet, wer versucht, mit seinem wenigen Geld klarzukommen, spürt es. Wer 60 Stunden in der Woche arbeitet und dennoch seine Familie nicht ernähren kann, spürt es. Hartz IV-Bezieher sowieso. Die "Generation Praktikum", der erodierende Mittelstand, auch die Leiharbeiter bei Daimler spüren es. Wenn alle diese Leute auf die Straße gehen würden, dann gäbe es eine Revolte. Davon sind wir freilich weit entfernt. Das Schlimmste an der neoliberalen Ideologie ist, dass sie erfolgreich war mit einer Art Gehirnwäsche: Viele fühlen sich persönlich schuldig in Situationen, durch die sie aber in das System geraten sind. Für die sie nicht verantwortlich sind. Der Arbeitslose, der Arme, der prekär Beschäftigte sucht heutzutage die Schuld ausschließlich bei sich selber: "Ich bin nicht gut, nicht durchsetzungsfähig genug. Ich bin ein Versager" Das haben die neoliberalen Reformer von Schröder über Westerwelle bis Merkel geschafft: Noch immer glauben zu viele an die Selbstheilungskräfte des Marktes und daran, dass sie als "Arbeitskraftunternehmer" ihr Schicksal in eigenen Händen haben. Und das schützt unsere Politiker vor Massenprotesten. Noch. Aber wollen wir mit diesem zerstörerischen Fortschrittsbegriff, diesem verqueren Menschenbild und diesem Wachstumsfetischismus à la Merkel & Co. wirklich weiterleben? Wir in Stuttgat sagen "Nein!". Die "marktkonforme Demokratie" ist das Gegenteil von verantwortungsvoller Zukunftspolitik.

Der S 21-Protest steht also vor dem Aufbruch in eine neue Dimension?

Abwarten. Wir stehen vielleicht am Anfang von etwas Neuem. Wir haben schon so viel erreicht, warum soll da nicht noch mehr drin sein? Der Menschenschlag hier ist dickköpfig und konsequent, lernfähig und streitlustig. Hier haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. 

Zusammenfassend drei kurze Fragen:

S 21 kommt: Wer hat was davon? 

Die Bauwirtschaft, die Immobilienspekulanten und eine Politiker-Kaste, die ihre Klientelpolitik weiter betreiben möchte.

Warum kommt S 21 nicht?

Weil der Widerstand in der Bevölkerung zu groß und zu nachhaltig ist. Weil er sich nicht kleinkriegen lässt. Weil er nicht aufhören wird. Weil irgendein Argument, irgendein Fakt oder irgendein Umstand dieses Projekt scheitern lassen wird.

Und wenn S 21 doch kommt? 

Dann wird es nicht funktionieren. Allein schon aus technischen Gründen. Es ist nicht nur das dümmste und am schlechtesten geplante Großprojekt, es ist auch das Projekt mit den meisten technischen Mängeln. Es würde eine gigantische Bauruine, ein Ort der Apokalypse werden.

In Ihrer Rede zur Verleihung des Lessing-Preises fantasieren Sie sich im Weimarer Altersheim für Künstler ins "Weimar 2033", in ein von Neo-Nazis freies Weimar. Was sieht Ihre Fantasie für "Stuttgart 2033"?

2033 wird in Stuttgart ein hochmoderner, funktionierender Kopfbahnhof in Betrieb sein. Die Stadt ist komplett autofrei, radikal begrünt und mit vielfältigen alternativen Wohn- und Lebensmodellen Vorbild für die lebenswerte Stadt der Zukunft. Bürgerschaft und Zivilgesellschaft sind durch den Sieg im Kampf gegen S 21 entscheidend gestärkt. Die Politik verhandelt alle wichtigen Entscheidungen, die die Allgemeinheit betreffen, direkt-demokratisch. Es gibt keine Armen mehr in Stuttgart, aber auch keine Milliardäre. Alles in allem geht es gerechter zu. Es regiert irgendeine rot-grüne Koalition, Kanzlerin ist immer noch Angela Merkel. Aber das ist alles nicht mehr so wichtig, denn Parteien haben nur noch wenig Macht. Grube und Merkel haben sich wegen des Katastrophen-Projekts S 21 entschuldigt; natürlich halbherzig, gezwungen vom Druck der öffentlichen Meinung, aber sie haben ihre Schuld daran geschickt auf andere geschoben. Stuttgart wird dauerhaft Kulturhaupstadt Europas, der VfB holt das Triple, und in den Stuttgarter Altersheimen lachen K 21-Veteranen immer wieder herzhaft über Merkels Märchen von der "Alternativlosigkeit".

Oben bleiben also? 

Wo sonst?


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