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AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 115
Debatte

"Methode Merkel"

Von Georg Linsenmann
Datum: 12.06.2013
Stuttgart 21 wird scheitern. Da ist sich Volker Lösch ganz sicher. Aus vielen Gründen. Der Regisseur und profilierte S 21-Gegner sieht ganz neue Schubkraft für den Protest, wenn das „Prinzip Stuttgart 21“ als „Methode Merkel“ erkannt und auf die Bundesebene gehievt wird. Auf die Grünen setzt er dabei allerdings nicht mehr. Ein Interview aus Anlass der Großkundgebung am 15. Juni.

Herr Lösch, Sie sind nach Stuttgart gekommen, um hier Staats-Theater zu machen. Dann sind Sie auf einer noch größeren Bühne gelandet: als einer der mitreißendsten Redner der Anti-S21-Aktivisten. Wie sind Sie da nur reingeraten?

Es ist ja auch Theater, großes Merkel-Theater. Wenn ich einen Darsteller-Preis vergeben müsste, würde ich ihn Merkel geben. Merkel ist die größte Laienspielerin, die wir in Deutschland haben. Ich kenne niemanden, der so unverfroren eine Rolle spielt, die so wenig mit dem zu tun hat, was sie vorgibt zu verkörpern. Es ist eine brutale Lüge, mit Mechanismen des Theaters in Szene gesetzt: Sie spielt die verantwortungsvolle Landes-Mutti, verkleidet das Ganze rhetorisch geschickt in für alle akzeptable Floskeln, und macht in Wirklichkeit eine knallharte neoliberale Politik, die nur den Interessen des Kapitals, der Wirtschaft, der großen Immobilenkonzerne verpflichtet ist. Die verheerenden Auswirkungen dieser Politik, die spüren die Leute im Alltag, machen sie aber nicht an Merkel fest.

Aber da müssten Sie doch Montags-Demos in Berlin machen, hier in Stuttgart geht es um S 21!

Volker Lösch. Foto: Martin Storz
Volker Lösch. Foto: Martin Storz

Der Bahnhof ist der lokale Anlass. Es geht aber um etwas Grundsätzliches, es geht um das "Prinzip Stuttgart 21". Letztlich dreht sich alles um die Zukunftsgestaltung, um die Frage, wie wir leben wollen. In Stuttgart entzündet sich der Streit am Bahnhof, im Rheintal an der Rheintalstrecke, in Berlin am Flughafen, in Hamburg am Gänge-Viertel. Das Ganze erinnert an eine eitrige Wunde, die wächst und größer wird, und an immer mehr Stellen nässt und aufplatzt. So wird ein Prinzip offenbar. Insofern bezeichne ich Stuttgart 21 als die "Methode Merkel". Das geht vom Großen ins Kleine und vom Kleinen wieder ins Große. Und da es ja um Theater, um Spiel, um Täuschungsmanöver, um Rollen geht, bin ich sehr organisch zum Protest gegen S 21 gekommen. Bei meiner "Faust 2"- Inszenierung habe ich 2006 erstmals dieses Unsinnsprojekt auf der Bühne thematisiert: S 21 als Beispiel für das große Landgewinnungsprojekt von Faust. Und ich habe häufig Bürgerinnen und Bürger in meine Theaterarbeit integriert. Hier ist es nun umgekehrt: Das Theater-know-how stellt sich dem Protest zur Verfügung. 

Aber erklärt das die Leidenschaft, den Furor, mit dem Sie sich gegen S 21 wenden?

Mein ureigenster Antrieb, künstlerisch und politisch tätig zu sein, ist häufig die Wut auf etwas, Empörung über etwas. Diese verlogene Politik hier in Stuttgart empört mich zutiefst. Und ich möchte dem dann auf den Grund gehen, mehr darüber erfahren. Das geht nur, indem man sich einmischt. 

Das Bündnis gegen S 21 hat das Nahziel, den Tiefbahnhof zu verhindern. Ist S 21 für Sie ein Vehikel, "das große Ganze" zu attackieren?

Mir geht es um beides. Das Nahziel bleibt, diesen Irrsinn der Stadtzerstörung zu verhindern. Schauen Sie sich doch einmal an, wie Stuttgart jetzt schon aussieht, wie die Stadt verschandelt wird. Jeder weiß inzwischen, auch die Befürworter übrigens, das S 21 weniger leisten wird als der jetzige Bahnhof, dass es lediglich einige Baukonzerne reicher macht und Spekulanten erlaubt, teure Wohnung zu errichten, dass es die Mietpreise weiter hochtreibt, dass es die Umwelt unkalkulierbaren Risiken aussetzt. Und dafür soll die Stadt 15, 20 Jahre lang wie eine Wüste umgegraben, dafür sollen Milliarden von Steuergeldern ausgegeben werden? Man kann S 21 gar nicht mehr ohne die Verknüpfung mit dem Ganzen sehen, das ist schlicht unmöglich. Es verweist exemplarisch auf das Politikverständnis der meisten unserer sogenannten Volksvertreter. 

Sie fechten und wettern also gegen das "Prinzip Merkel" und wollen so der S 21-Gegnerschaft zusätzliches Gewicht verschaffen? 

Man kann die Kraft, die Lust, gegen das Lokale zu opponieren, deutlich steigern, wenn man in größeren Zusammenhängen denkt. Es macht einfach mehr Sinn, sich auch für die Belange der nächsten Generationen zu engagieren. S 21 zu verhindern bleibt aber unser Hauptziel. 

Aber glauben Sie denn im Ernst, dass S 21 noch zu kippen ist?

Selbstverständlich! Es wird hier an ganz vielen Fronten gekämpft: Juristisch, auf der Straße, in der Politik, mit zivilem Ungehorsam, und und und. Dazu kommt: Nach der Bundestagswahl wird eine neue Situation entstehen. Jetzt halten alle still, Merkel will die Wahl gewinnen. Aber was passiert danach? Die Kosten werden ja nicht bei der Steigerung bleiben, die vom DB-Aufsichtsrat im Dezember 2012 infamerweise abgenickt wurde. Es wird neue Probleme geben, schon bei der schieren Durchführbarkeit des Baus. Es wird bei den Bohrungen Probleme geben, beim Brandschutz ist vieles nach wie vor ungeklärt.

Die technische Hybris des Projektes wird offenbar? 

Ganz bestimmt. Es wird irgendwo eine Tür aufgestoßen werden, die das Ende für S 21 bringen wird. Dieses mit Lug und Trug eingefädelte Projekt ist an keiner Ecke mehr legitimierbar, kann kein einziges Argument mehr auf sich vereinen. Außer dem zynischen, die Bauwirtschaft weiter anzukurbeln. So ein Projekt kann nicht zu Ende geführt werden. Es wird keinen Tiefbahnhof geben. Wir müssen mit unserem Protest nur dranbleiben - und den Horizont und die Stoßrichtung auf das Ganze weiten. 

Ist das nicht pure Wunschvorstellung eines größenwahnsinnig gewordenen Theaterregisseurs? Die Argumente gegen S 21 liegen doch längst bergeweise auf dem Tisch! Auch die vorsätzliche Täuschung von Gremien, selbst von Parlamenten, die Desinformation und Manipulation der Öffentlichkeit im Vorfeld der Volksabstimmung. Trotzdem wird gebaut. Die ziehen das durch. Der Grube lacht sich doch schief, wenn er hört, was Sie sagen!

Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten...Schau'n wir mal, Herr Grube! Denn: Richtig gebaut wird doch noch gar nicht, vieles ist noch nicht einmal planfestgestellt! Was Grube und Merkel latent unterschätzen, ist der konstante Widerstand in der Bevölkerung. Sie unterschätzen ebenfalls, dass die Praxis ihrer Politik zunehmend mit den lokalen Ereignissen verknüpft wird. Und das kann ihnen auf die Füße fallen. Die Bürgerproteste werden weitergehen. Wie nervös die Gegenseite inzwischen ist, sieht man zum Beispiel an der Überreaktion auf "Blockupy" in Frankfurt, an dem Versuch, uns zu kriminalisieren. Ich behaupte, dass der Widerstand auf der Straße erst anfängt. Millionen von Menschen in Deutschland werden von der derzeitigen neoliberalen Politik in ihrem Leben unmittelbar betroffen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das einer größeren Anzahl von Menschen bewusst wird. Und es wird sich hier in Stuttgart zeigen, ob der Regisseur größenwahnsinnig war, oder ob diejenigen, die dieses größenwahnsinnige Projekt betreiben, nicht zu weit gegangen sind.

Aber das gemeine Volk im Hinterland, das mehrheitlich deutlich dafür war, zeigt doch eher die Mentalität, dass mit einem Abbruch von S 21 nur noch sinnloser Geld rausgeschmissen wird! 

Da unterschätzen Sie das sogenannte gemeine Volk! Das gemeine Volk hätte bei der Volksabstimmung 2011 nicht so abgestimmt, wenn die tatsächlichen Kosten nicht unterdrückt worden wären. Dass da mit Lügen, mit falschen "Tatsachen" manipuliert und betrogen wurde, das ist bewiesen - und von der Gegenseite inzwischen zugegeben. Das hat sich auch bis in die Provinz rumgesprochen. Schon 2009 war intern bekannt, dass der Kostendeckel nicht hält. Das ist ein gigantischer Betrug am Steuerzahler. Warum geht dafür eigentlich niemand in den Knast?

Wen klagen Sie an?

Da weiß man doch gar nicht, wo man anfangen soll! Der Ministerpräsident, der, bevor wir ihn mit unseren Stimmen ins Amt gehievt haben, mit uns häufig auf der Protest-Bühne stand, müsste sich zum Beispiel dafür engagieren, dass die Volksabstimmung wiederholt wird! Denn die "schwäbische Hausfrau", die Merkel so gerne bemüht, weiß ganz genau, was viereinhalb, was sechs oder acht, was zehn Milliarden sind. Auch in der Provinz lassen sich Leute ungern verarschen. Und sie wurden vorsätzlich betrogen. Eine Volksabstimmung zum jetzigen Zeitpunkt würde ein klares "Nein" gegen S 21 ergeben. 

Sie werfen den jetzt regierenden Grünen verdeckte Komplizenschaft mit den S 21-Befürwortern vor? 

In der Tat. Aber auch das ist beweisbar: Wenn man unter anderem durch unseren Widerstand an die Macht kommt, und dann plötzlich eine Politik betreibt, die radikal unkritisch mit dem Thema S 21 umgeht, offiziell aber von "kritischem Begleiten" faselt, dann muss ich mich doch fragen: Warum gehe ich überhaupt noch zur Wahl? Wähle ich euch dafür, dass ihr lediglich eure Macht absichert, dass ihr an euren Themen aber nicht mehr dran bleibt? Das ist doch absurd! Warum geht ihr nicht, wie vor der Wahl versprochen, mit allen verfügbaren Mitteln gegen diesen Betrug vor? Und hier findet Betrug in gigantischem Ausmaß statt! Also muss Herr Kretschmann agieren, er hat einen Eid geschworen: Schaden vom Land abzuwenden. Aber er schöpft seine Möglichkeiten nicht aus. Im Gegenteil: Mit dem leeren Versprechen von mehr "Bürgerbeteiligung" vergrößert er die Partei der Nichtwähler, die der Politikverdrossenen. 

Jetzt sitzen sie an den Trögen und kuscheln mit dem ökonomischen Establishment?

Ich habe nichts anderes erwartet. Wir befinden uns in einer elementaren Krise der parlamentarischen Demokratie. Die Wählerinnen und Wähler haben den Kontakt zu ihren Vertretern verloren. Sie fühlen, sie werden nicht mehr vertreten. Wir müssen viel mehr direktdemokratische Prozesse ermöglichen, unmittelbare Abstimmungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger schaffen, um ein solches Durchregieren, diese Art von verächtlicher Politik zu verhindern. Auch in den Parlamenten muss es möglich sein, Mehrheiten außerhalb fest abgesteckter Parteigrenzen zu erzielen. Fraktionszwänge bei Abstimmungen haben nichts mit Demokratie, umso mehr mit Machterhalt zu tun. 

Was macht Kretschmann nicht, was er machen müsste? 

Kretschmann müsste den ganzen Betrugsvorwürfen juristisch nachgehen. Er müsste die erdrückende Beweislast der Experten ernstnehmen - was er übrigens vor seiner Wahl getan hat. Er müsste der Öffentlichkeit klarmachen, dass sie mit einer manipulierten Volksabstimmung betrogen wurde. Aber es ist zum Verzweifeln: Er behauptet allen Ernstes immer noch: "Die Volksabstimmung ist bindend". Das Schlimme daran ist: Er macht es bewusst, der ist ja nicht doof. Er betreibt Parteipolitik im Amte des Ministerpräsidenten: Das ist Amtsmissbrauch. Aber es ist auch ein wenig billig, nur Herrn Kretschmann zu kritisieren. Ohne seinen Unterbau, ohne seine Partei, die das offensichtlich alles mitträgt und toleriert, würde diese Art der Nicht-Politik gar nicht stattfinden. 

Könnte sich etwas wenden, weil Cem Özdemir, Bundesboss der Grünen, im Herbst hier in Stuttgart das Direktmandat für den Bundestag gewinnen will und das ohne die Stimmen der S 21-Gegener sicher nicht schafft?

Wie soll das gehen? Ich verknüpfe damit keinerlei Hoffnung. Die Grünen sind unglaubwürdig geworden.

Foto: Martin Storz
Foto: Martin Storz

Sie setzen nurmehr auf die politische Kraft, die direkt aus der Gesellschaft kommt, auf die "Macht der Straße". Auch auf eine Radikalisierung der Enttäuschten?

Vielleicht. Es haben hier viele CDU-Leute vor zwei Jahren Grün gewählt, einige werden das nächste Mal links wählen. Denn viele spüren: Diese jetzige Politik verändert unser Leben zum Negativen. Das Schaffen von Rahmenbedingungen für Profitmaximierung ist die Hauptaufgabe von vielen Politikern geworden, sie sind nur noch Steigbügelhalter für Wirtschaftsvertreter, und daran ändern auch die Grünen nichts. Währenddessen verschwindet das Kleine, die Nischen, das Abseitige, das Alternative, das Lebenswerte aus unseren Städten. Mit wenig Geld kann man in den urbanen Zentren kaum noch leben. Die Mieter werden aus den Städten quasi herausgebaut. Das sind fatale Entwicklungen, die alle mit dem "Prinzip S 21", mit der "Methode Merkel" zu tun haben. Dagegen kann sich nur eine außerparlamentarische Bewegung zur Wehr setzen, denn die meisten Parteien sind unentwirrbar verstrickt in Beziehungsgeflechte mit der Baulobby, den Wirtschaftsbossen, den Bankenvertretern: Wie sollen ausgerechnet sie ein System, welches für zu viele nicht mehr funktioniert, in Frage stellen, oder wenigstens gerechter gestalten? Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft hat sich dramatisch zu Ungunsten des Gemeinwohls und des Sozialen verändert. Das gilt es wieder gerade zu biegen.

Das ist S 21-Protest als Ableger und Teil einer fundamentalen Kapitalismus-Kritik. Und in den Baumkronen der alten deutschen Eiche sitzen "die Mächtigen" und amüsieren sich, wie sich unten die "Wildsau" schabt... 

Achtung! 2010 wurden sie sogar in Stuttgart nervös! Als der Druck auf der Straße so groß wurde, dass man nicht mehr an unseren Themen vorbeikam. Die Frage ist, ob wir es schaffen, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und einen Widerstand zu etablieren, der das Lokale als Basis hat und sich darüber hinaus auch gegen das Überregionale wendet - sich gegen eine die Bürger verachtende Politik empört. S 21 ist Umverteilungspolitik in Reinkultur! Die Unzufriedenheit wird steigen, denn durch diese Art von Politik wird es nicht weniger, sondern mehr Armut geben, während der Reichtum bei einigen wenigen auf obszöne Art und Weise wächst. Und es wird immer greifbarer: Wer eine bezahlbare Wohnung, einen Kita-Platz sucht, spürt die Veränderungen. Wer prekär beschäftigt ist, mit Zeit- und Werkverträgen ausgestattet, wer versucht, mit seinem wenigen Geld klarzukommen, spürt es. Wer 60 Stunden in der Woche arbeitet und dennoch seine Familie nicht ernähren kann, spürt es. Hartz IV-Bezieher sowieso. Die "Generation Praktikum", der erodierende Mittelstand, auch die Leiharbeiter bei Daimler spüren es. Wenn alle diese Leute auf die Straße gehen würden, dann gäbe es eine Revolte. Davon sind wir freilich weit entfernt. Das Schlimmste an der neoliberalen Ideologie ist, dass sie erfolgreich war mit einer Art Gehirnwäsche: Viele fühlen sich persönlich schuldig in Situationen, durch die sie aber in das System geraten sind. Für die sie nicht verantwortlich sind. Der Arbeitslose, der Arme, der prekär Beschäftigte sucht heutzutage die Schuld ausschließlich bei sich selber: "Ich bin nicht gut, nicht durchsetzungsfähig genug. Ich bin ein Versager" Das haben die neoliberalen Reformer von Schröder über Westerwelle bis Merkel geschafft: Noch immer glauben zu viele an die Selbstheilungskräfte des Marktes und daran, dass sie als "Arbeitskraftunternehmer" ihr Schicksal in eigenen Händen haben. Und das schützt unsere Politiker vor Massenprotesten. Noch. Aber wollen wir mit diesem zerstörerischen Fortschrittsbegriff, diesem verqueren Menschenbild und diesem Wachstumsfetischismus à la Merkel & Co. wirklich weiterleben? Wir in Stuttgat sagen "Nein!". Die "marktkonforme Demokratie" ist das Gegenteil von verantwortungsvoller Zukunftspolitik.

Der S 21-Protest steht also vor dem Aufbruch in eine neue Dimension?

Abwarten. Wir stehen vielleicht am Anfang von etwas Neuem. Wir haben schon so viel erreicht, warum soll da nicht noch mehr drin sein? Der Menschenschlag hier ist dickköpfig und konsequent, lernfähig und streitlustig. Hier haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. 

Zusammenfassend drei kurze Fragen:

S 21 kommt: Wer hat was davon? 

Die Bauwirtschaft, die Immobilienspekulanten und eine Politiker-Kaste, die ihre Klientelpolitik weiter betreiben möchte.

Warum kommt S 21 nicht?

Weil der Widerstand in der Bevölkerung zu groß und zu nachhaltig ist. Weil er sich nicht kleinkriegen lässt. Weil er nicht aufhören wird. Weil irgendein Argument, irgendein Fakt oder irgendein Umstand dieses Projekt scheitern lassen wird.

Und wenn S 21 doch kommt? 

Dann wird es nicht funktionieren. Allein schon aus technischen Gründen. Es ist nicht nur das dümmste und am schlechtesten geplante Großprojekt, es ist auch das Projekt mit den meisten technischen Mängeln. Es würde eine gigantische Bauruine, ein Ort der Apokalypse werden.

In Ihrer Rede zur Verleihung des Lessing-Preises fantasieren Sie sich im Weimarer Altersheim für Künstler ins "Weimar 2033", in ein von Neo-Nazis freies Weimar. Was sieht Ihre Fantasie für "Stuttgart 2033"?

2033 wird in Stuttgart ein hochmoderner, funktionierender Kopfbahnhof in Betrieb sein. Die Stadt ist komplett autofrei, radikal begrünt und mit vielfältigen alternativen Wohn- und Lebensmodellen Vorbild für die lebenswerte Stadt der Zukunft. Bürgerschaft und Zivilgesellschaft sind durch den Sieg im Kampf gegen S 21 entscheidend gestärkt. Die Politik verhandelt alle wichtigen Entscheidungen, die die Allgemeinheit betreffen, direkt-demokratisch. Es gibt keine Armen mehr in Stuttgart, aber auch keine Milliardäre. Alles in allem geht es gerechter zu. Es regiert irgendeine rot-grüne Koalition, Kanzlerin ist immer noch Angela Merkel. Aber das ist alles nicht mehr so wichtig, denn Parteien haben nur noch wenig Macht. Grube und Merkel haben sich wegen des Katastrophen-Projekts S 21 entschuldigt; natürlich halbherzig, gezwungen vom Druck der öffentlichen Meinung, aber sie haben ihre Schuld daran geschickt auf andere geschoben. Stuttgart wird dauerhaft Kulturhaupstadt Europas, der VfB holt das Triple, und in den Stuttgarter Altersheimen lachen K 21-Veteranen immer wieder herzhaft über Merkels Märchen von der "Alternativlosigkeit".

Oben bleiben also? 

Wo sonst?


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